Das Freilichttheater über Wilhelm Tell in Matten bei Interlaken ist eine Institution: Ganze Generationen, Schulklassen, Touristen aus Nah und Fern haben seit 1912 die dramatischen Inszenierungen im Wald gesehen. Nach zwei Jahren mit «Robin Hood» in der Titelrolle wird heuer wieder die Legende vom Schweizer Nationalhelden gezeigt.
Wilhelm Tell gilt als eine der bekanntesten Figuren der Schweiz. Die Geschichte des mutigen Armbrustschützen, der seinem Sohn einen Apfel vom Kopf schiessen musste und sich anschliessend gegen die habsburgische Herrschaft auflehnte, gehört seit Jahrhunderten zum kulturellen Erbe des Landes. Doch hat Wilhelm Tell tatsächlich gelebt, war er ein Anführer oder handelt es sich um eine Legende? Die Frage wird seit Jahrzehnten intensiv debattiert.
Der Überlieferung zufolge lebte Wilhelm Tell Ende des 13. Jahrhunderts im Kanton Uri. Als der habsburgische Landvogt Hermann Gessler seinen Hut auf einer Stange aufstellen liess und verlangte, dass alle Vorübergehenden ihn grüssen sollten, verweigerte Tell den Gehorsam. Zur Strafe musste er mit seiner Armbrust einen Apfel vom Kopf seines Sohnes Walter schiessen.
Wilhelm Tell, 1897 gemalt von Ferdinand Hodler. Zu sehen im Kunstmuseum Solothurn.
Tell gelang der Schuss. Weil er jedoch einen zweiten Pfeil bereithielt, um Gessler im Falle eines Fehlschusses zu töten, wurde er gefangen genommen. Über den Vierwaldstättersee konnte er fliehen und erschoss später Gessler. Dieses Ereignis soll – so die heutige Interpretation – den Widerstand der Urkantone gegen die Habsburger ausgelöst haben.
Was sagen die Historiker?
Bis heute gibt es keine zeitgenössischen Quellen, die belegen, dass Wilhelm Tell tatsächlich existierte. Die ersten schriftlichen Berichte über ihn entstanden erst gut 150 Jahre nach den angeblichen Ereignissen. Zu den ältesten Quellen gehören das sogenannte «Weisse Buch von Sarnen» aus dem späten 15. Jahrhundert (1472) sowie das «Tellenlied». Da diese Berichte lange nach Tells vermuteter Lebenszeit entstanden, gelten sie nicht als eindeutige historische Beweise.
Historiker gehen deshalb überwiegend davon aus, dass Wilhelm Tell keine nachweisbare historische Person war. Es könnte jedoch sein, dass die Figur auf mehreren realen Personen oder Ereignissen basiert, die im Laufe der Zeit zu einer einzigen Heldengestalt verschmolzen.
Das Tell-Denkmal in Altdorf. Foto: Uri Tourismus
Ein weiteres Argument gegen die historische Existenz Wilhelm Tells ist, dass ähnliche Geschichten bereits in anderen Ländern bekannt waren. Besonders die Erzählung vom Schützen, der einen Apfel vom Kopf seines Kindes schiessen muss, findet sich in nordischen Sagen, unter anderem in Dänemark und Norwegen. Dies deutet darauf hin, dass das Motiv älter ist als die Schweizer Tell-Sage und möglicherweise übernommen oder weiterentwickelt wurde.
Die Bedeutung für die Schweiz
Ob Wilhelm Tell wirklich gelebt hat oder nicht, ist von untergeordneter Bedeutung. Im Laufe der Jahrhunderte wurde Tell zum Symbol für Freiheit, Mut und den Widerstand gegen Unterdrückung. Weltweite Bekanntheit erlangte die Figur dank Friedrich Schillers Drama «Wilhelm Tell» aus dem Jahr 1804. Seit Jahrzehnten spielt der Verein Tellspiele Interlaken Schillers Drama in unterschiedlichen Inszenierungen. Zu Beginn der 2000er begann das Interesse zu schwinden und die Zuschauerzahlen sanken. Deshalb entschloss sich der Verein 2023, es mit einer ähnlichen, aber dem Tell verwandten Figur zu versuchen. Inszeniert wurde die Sage des britischen Bogenschützen Robin Hood, der sich vor die Armen stellte und Räubern sowie Wegelagerern das Handwerk legte.
Erwartungen nicht erfüllt
Die Reaktionen nach den ersten Vorstellungen im Sommer 2024 waren überwältigend. Die Zuschauer waren begeistert vom neuen Stück. In der darauffolgenden Saison 2025 wurde nochmals «Robin Hood» aufgeführt. Trotz den positiven Rückmeldungen konnten leider nicht genug Zuschauende gewonnen werden. In den zwei Jahren sahen nur gerade 20’000 zahlende Personen «Robin Hood». Immerhin konnten viele neue Besucher gewonnen werden, die bisher noch nie die Tellspiele gesehen hatten.
Angesichts schwindender Finanzen beschloss der Verein, 2026 wieder zur traditionellen Sage von Wilhelm Tell zurückzukehren. Interessant wird deshalb die laufende Saison sein. Vielleicht kann der eine oder andere Besucher von «Robin Hood» für «Wilhelm Tell» gewonnen werden. Den Tellspielen wäre eine Zukunft mit schwarzen Zahlen zu gönnen.
Herausragendes Merkmal der Tellspiele Interlaken sind die Massenszenen.
Die Neuinszenierung „Unser Held Tell“ bringt frischen Wind in die legendäre Geschichte des Schweizer Nationalhelden. In einer modernen Textfassung von Urs Häberli und Annemarie Regez wird Wilhelm Tell nicht nur als historischer Freiheitskämpfer, sondern auch als zeitloses Symbol für Mut und Zivilcourage präsentiert.
Tell, ein Anti-Held?
Regisseur Urs Häberli stellt sogar das Heldenmythos in Frage: «Tell ist nicht der Volksheld, für den ihn viele halten», sagte er in einem Interview mit den tamedia-Zeitungen. «Er war nicht auf dem Rütli. Er hat nie richtig gekämpft. Und er hat Gessler nur deshalb erschossen, weil er private Rache für den Apfelschuss nehmen wollte.»
Tell war nach der Interpretation des Regisseurs ein Eigenbrötler: Wenn man ihn fragte, ob er mitmache, sagte er: <Wenn ihr mich braucht, ruft mich. Aber jetzt will ich nach Hause›.> So jemand sei kein Held: «Ein Held hat einen anderen Führungsanspruch, eine andere Energie. Er schart Leute hinter sich und zieht mit ihnen in den Kampf. Das tut Tell bei uns nicht».
Die Inszenierung lädt das Publikum dazu ein, darüber nachzudenken, ob Tell tatsächlich ein Held ist oder eher ein Mensch, der sich gegen Willkür wehrt und aus persönlicher Not handelt. Damit wird der traditionelle Heldenmythos differenzierter betrachtet, ohne Tell als zentrale Figur in Frage zu stellen. Eine besondere Rolle spielt die Stauffacherin: Sie wird vom Regisseur als die eigentliche Initiatorin des Freiheitsgedankens interpretiert. In der Debatte um eine moderne Tell-Deutungen wird sie in die Rolle der «wahren Heldin» des Stücks gerückt, weil sie den Anstoss zum politischen Handeln gibt. Tells Gattin ist in Interlaken das moralische und politische Gewissen der frühen Eidgenossen und eine Schlüsselfigur, die den Weg zum Rütlischwur mit vorbereitet.
Soldaten hoch zu Ross beleben das Bühnenbild.
Statt gegen die Habsburger zu kämpfen, habe Tell für sich und seine Familie gesorgt ist der Regisseur überzeugt. Dieser habe nie beabsichtigt, «eine Lawine der Befreiung» loszutreten. «Wer genau hinschaut, wird merken, dass Tell kein Anführer war.»
Mythen bleiben dem Theater erhalten
Was wäre eine Tell-Aufführung ohne Apfelschuss, ohne Rütlischwur und ohne hohle Gasse? Trotz Neuinterpretation der Hauptfigur bleiben diese Mythen Teil der diesjährigen Neuinszenierung. Zu gross wäre das Risiko, das die Zuschauenden erneut ausbleiben und die Tellspiele ohne Zukunft blieben. So setzt auch die Ausgabe 2026 auf den gewohnten Rahmen: Das Areal der Tellspiele bietet mit seiner Tribüne ein besonderes Ambiente: Die Zuschauenden sitzen überdacht und vor Gewittern geschützt, während sich vor ihnen eine eindrucksvolle Naturkulisse mit Bergen, Burgen und Wiesen entfaltet. Die Inszenierung setzt auf grosse Bilder, auf rund hundert Darstellerinnen und Darstellern in aufwändigen Kostümen, auf Reitszenen und lebendige Tiere, mit emotionaler Tiefe und zeitgemässer Relevanz.
Zur Person des Regisseurs
Urs Häberli (Foto) ist seit über 30 Jahren als Regisseur, Theaterleiter und Produzent tätig. Seine Regiearbeiten umfassen Inszenierungen in allen Bereichen, dem Musiktheater, Musical und Schauspiel. Nach diversen Festanstellungen arbeitet er seit einigen Jahren freischaffend. Wichtige Stationen waren u. a. Biel, Passau, Braunschweig, Osnabrück, Neustrelitz, Potsdam, Regensburg, Oper Frankfurt, Pfalztheater Kaiserslautern, Halle, Bochum, Tel Aviv und Nantes. Welches Stück der Regisseur auch in Angriff nimmt, sein wichtigstes Ziel ist, spannende Geschichten zu erzählen, die berühren, zum Nachdenken anregen und Lust auf Theater machen.
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Aufführungen bis 5. September 2026
LINK
Tell-Freilichtspiele Interlaken
Titelbild: Die Inszenierung 2026 setzt auf grosse Bilder und den Rütli-Schwur. Foto Tellspiele Interlaken.


