Das Kleintheater Winkelwiese präsentiert zum Auftakt der Zürcher Theatersaison mit Lars Werners Erzählstück «Das Ende des Westens» einen Abend, der auf unterhaltsame Art aufzeigt, wie die westliche Weltordnung mit Desinformation gegen die Wand gefahren wird.
Sascha arbeitet in einer russischen Troll-Fabrik. Dort produziert die junge Frau unter zahlreichen Tarnnamen gezielte Falschmeldungen – bis sie der Kontakt zu einer Kollegin in ungeahnte Gefahr bringt. Das ist die Rahmenhandlung im Stück «Das Ende des Westens», das der deutsche Autor Lars Werner als Auftragswerk für das Oldenburgische Staatstheater geschrieben hat und das Zürcher Kleintheater Winkelwiese gegenwärtig als Schweizer Erstaufführung zeigt. In seinen Theatertexten befasst sich Lars Werner immer wieder mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen, in seinem neusten Stück mit der Frage, ob der Westen (NATO und EU) als hegemoniale Macht ausgedient hat.
Sorgen für ein heiteres Spiel: Sofia Borsani, Janna Tottmann, Stefanie Steffen. Fotos: Theater Winkelweise
Regisseur Fynn Malte Schmidt verlegt die Handlung in eine Wohnküche mit blumigem Sofa, auf dem drei quirlige Schauspielerinnen das Wirken von Sascha in der Troll-Fabrik auf einem kleinen TV-Bildschirm verfolgen und kommentieren. Die Aufgabe von Sascha ist es, mit digitaler Desinformation und gezielter Meinungsmanipulation die westliche Gesellschaft mürbe zu machen und die Demokratie zu zersetzen. Ihre private Meinung ist hier unerwünscht und kann gefährlich werden. Sascha wird vom Boss in die obere Etage zitiert und verlässt den Verhörraum mit einem Sack über dem Kopf.
Geschichten zum Anfang des Endes
Lars Werner begnügt sich nicht mit diesem Erzählstrang, der zeigt, wie eine Troll-Fabrik funktioniert, sondern listet in szenischen Texten mögliche Geschichten zum Anfang des Endes des Westens auf. War es in den späten 1980er Jahren, als Wladimir Putin als KGB-Agent in Dresden stationiert war? War es im Oktober 2002, als tschetschenische Separatisten und Separatistinnen das Moskauer Dubrowka-Theater stürmten und 850 Menschen in Geiselhaft nahmen? War es, als die ehemalige Aussenministerin der USA, Madeleine Albright, in ihren Erinnerungen vom kalten Lächeln des russischen Präsidenten schrieb?
«Das Ende des Westens» ist ein Konglomerat aus Fiktion und Recherche, das nicht leicht zu spielen ist und vom Publikum einiges abverlangt. Das Zürcher Ensemble mit Sofia Borsani, Janna Tottmann, Stefanie Steffen, Fredy Goldschmid und Balts Berger bemüht sich redlich, ein heiter wirkendes Spiel mit poppigen Einlagen zu präsentieren. Das gelingt streckenweise recht gut, aber insgesamt wird schauspielerisch eine wenig ausgeprägte Inszenierung geboten. Für Anspannung sorgen am ehesten die Schilderungen von Sascha auf dem kleinen Bildschirm, die von den drei Damen auf dem Sofa schnippisch kommentiert werden. Was bleibt, ist der Blick in eine Welt mit geopolitischen Akteuren, die den Niedergang einer Weltordnung mit Desinformation vorantreiben und für Verunsicherung sorgen.
Weitere Spieldaten: 15., 17., 28., 30. September, 1. Oktober, 22., 24. November, 1., 3., 6. Dezember
