Kultur

Der Tod von Basel tanzt

Den ganzen November lang gibt es ihn wieder, den Totentanz von Basel. Unausweichlich, unerbittlich und doch auch mit einer abgeklärten Heiterkeit zeigt sich der Allgegenwärtige Marke Peter Greenaway.

Wie auf der verlorenen Friedhofsmauer holt der Tod in Basel wieder Hochwohlgeborene, Adelige, Aus- und Inländer, Kinder und Seefahrer in sein Reich, ein halbes Jahrtausend nachdem die makabren Tanzszenen bei der Predigerkirche einst entstanden waren. Wer auf den kleinen Park mit der Janus-Statue von Otto Charles Bänninger schaut, dem fallen Menschen in Andacht oder immerhin in Betrachtung versunken vor hellen Grabstätten auf. Diese sind nicht aus schwerem Stein, und statt eingravierter Namen und Daten tragen sie Monitore, auf denen der Tod allgegenwärtig ist, mal allein als anmutiges Gerippe mit Ballettausbildung, mal als zweidrei derbgrausliche Gestalten mit hohlen Augen, wirrem Haar und Fetzen vom Leichentuch um den ausgemergelten Körper, oder auch als animierter Sensenmann aus einem alten Stich.

Der kleine Park im Zeichen des  Totentanzes

Da ermorden drei wüste Gestalten einen Priester, während im Hintergrund zahllose Namen von kanadischen Geistlichen, die ertrunken waren, aufgeschrieben sind, eindrückliche Tanzperformance, gefilmt von Peter Greenaway.

Animierte Collage mit Napoleon und seinen Innereien

Oder Napoleon I. auf einer computeranimierten Collage, der für die Figur des Kaisers steht. Er starb an Magenkrebs heisst es auf dem Monitor. Oder die Grossmutter, welche an ihren schmerzhaften Erinnerungen gestorben ist: die alte Frau sitzt im Schaukelstuhl und wird abwechselnd mit dem Raben auf der Stuhllehne zum Skelett, während im Fernseher die Wehrmacht marschiert. Rund 50 Fime hat Peter Greenaway produziert, aufwendige Arbeiten mit vielen Ebenen, denen noch viel aufwendigere Recherchen vorausgingen. Offensichtlich hat ihn der Auftrag aus Basel so sehr in Bann gezogen, weil sein Ur-Thema Eros und Thanatos, Sex und Tod wie selten sonst im Zentrum steht.

Greenaways Gerippe im Gleichklang mit dem Kruzifix in der Predigerkirche

Es bleibt die Frage, wie der englische Kunst- Film- und Ausstellungsmacher nach Basel kam. „Wir schrieben ihm eine e-Mail,“ sagt Martin Buschle, einer der Initianten, „Greenaway hat sofort geantwortet und war sehr interessiert .“ Buschle ist ein Drittel des Vereins Totentanz, gegründet 2011, der sich zum Ziel machte, den Tod von Basel wieder zum Leben zu bringen – so weit dieses Paradox überhaupt denkbar ist. Jetzt ist der kleine Park beim Totentanz, wie noch vor wenigen Jahren auch die Tramhaltestelle hiess, wieder Friedhof wie vor 1800, aber statt der Friedhofsmauer mit den 37 Szenen des Totentanzes von 1440 stehen nun zwölf Grabstätten in Reihen, auf deren Monitore Greenaways phantastische Todesszenen mit akribischer Dokumentation von Gestorbenen Urständ feiern und wo immer wieder das freundliche Gerippe sein anmutiges Ballett zeigt.

Welcher Kunstsinnige mit Ortskenntnis bedauerte nicht schon, dass der grossartige Totentanz mit seinen lebensgrossen Figuren 1805 in desolatem Zustand und mit aufklärerischem Eifer zum Verschwinden gebracht worden war. Nun ist er – mit der ganzen Totentanz-Geschichte Europas – wieder zu sehen.

In Fetzen gehüllte grausliche Gestalten nehmen den Müttern ihre Kinder weg, Totentanz um Kindermord

Dem Pfarrer der christkatholischen Gemeinde, welche in der Predigerkirche ihr Gotteshaus hat, sowie zwei Kulturereignis-Produzenten ist die Auferstehung des Tods von Basel zu verdanken. Film sollte es sein, fanden sie, und der Künstler sollte sowohl an Geschichte interessiert sein als auch Sex und Tod als Einheit begreifen. Da war der Name Peter Greenaway naheliegend. Mehrmals kam er nach Basel, besuchte Holbeins toten Christus und seine Totentänze und studierte alle Fragmente und Kopien des ursprünglichen Basler Totentanzes aus der Schule von Konrad Witz, brachte sie mit eigenen Recherchen zum Thema und eigenem Erleben in den kreativen Prozess ein. Als Jugendlicher hatte ihn Ingmar Bergmans Film Das 7. Siegel mit dem urmenschlichen Thematik Liebe und Tod fürs Leben erschüttert. Greenaway ist 71 Jahre alt, und er findet mit der Bibel, dass das Menschenalter siebzig sei, dass es wohl 80jährige gebe, die noch Grosses schaffen, aber die seien die Ausnahme. War der Tod im späten Mittelalter allgegenwärtig, so wird er heute hierzulande eher verdrängt. Wer denkt an all die Kriege, Unfälle, Totschläge und Hungersnöte, die heute Millionen von Menschen umbringen.

Der Mord an Martin Luther King im Greenaway-Grabmal

Die Installation (welche grosszügig von Sponsoren unterstützt wurde, aber noch nicht zu 100 Prozent finanziert ist) ist so reich, dass sich trotz Novemberwetter verweilen und schauen lohnt. Ausserdem gibt es fast täglich eine Veranstaltung, einen Vortrag, einen Film oder eine Führung. Für alle, die es lieber nachhause tragen, hat der Merianverlag den Katalog bereit. Dort sind Peter Greenaways Gedanken zu Sex und Tod, zu Totentänzen im späten Mittelalter und in der globalisierten Welt von heute nachzulesen. Ausserdem hat der Künstler seinen Weg vom Auftrag zum Kunstwerk formuliert. Der Tod soll leben, ist man versucht zu rufen, wenn man sich Greenaways Auseinandersetzung mit dem Allgegenwärtigen und Unausweichlichen betrachtet.

Titelbild:  Aquarellkopie des Basler Totentanzes 1440 von Johann Rudolf Feyerabend, 1806
Fotos © Eva Caflisch
Links: http://www.baslertotentanz.ch/

Vernissage mit Peter Greenaway auf Youtube
Katalog: Peter Greenaway: The Dance of Death. Der Tanz mit dem Tod. Ein Basler Totentanz. Christoph Merian Verlag, Basel, 2013