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Der heilige Christophorus

Im Mittelalter beteten die Menschen zum heiligen Christophorus, damit er sie vor einem „jähen Tod“ bewahre. Heute wünschen wir uns eher das Gegenteil.

Vor einiger Zeit kam ich von einem Besuch auf der Insel Ufenau zurück. In einer Führung war ich belehrt worden, dass die Insel in Wirklichkeit Ufnau heisse. Es gibt sogar einen Verein der „Freunde der Insel Ufnau“. Das will mir nicht über die Lippen. Seit ich mich erinnere, hiess die Insel Ufenau. So nenne ich sie auch heute noch.

In der Kirche auf der Insel, St. Peter und Paul, erbaut 1141, hatten wir ein riesiges Wandbild bewundert, das den Heiligen Christophorus darstellt. Ein Historiker hatte uns erklärt, dass Christophorus im Mittelalter angerufen worden sei gegen einen „unvorbereiteten Tod“. Das fand ich interessant. Heute wünschen sich ja viele einen schnellen Tod. Etwas leichtfertig reden wir davon, dass wir einmal einschlafen und nicht mehr erwachen möchten. Andere bemühen eine Formulierung aus dem wilden Westen. Sie möchten einmal „im Sattel“ sterben. Und etwas despektierlich sagen wir gelegentlich über Workaholics: „Der (oder die) kann nicht aufhören. Der (oder die) fällt einmal tot um!“

Kaum wollte ich in meinem Bekanntenkreis meine Gedanken ausbreiten, fiel mir jemand ins Wort: “Du weißt, dass es den heiligen Christophorus gar nicht gibt“? Schon wieder ein Stück Kinderglauben in den Grundfesten erschüttert! Christophorus war doch im 3. Jahrhundert n.Chr. ein Märtyrer für seinen Glauben gewesen. Er hatte einmal das Jesuskind über einen Fluss getragen. Und baumelt heute, in der Gegenwart, auf unzähligen Schlüsselanhängern in unseren Autos. Die Hoffnung ist, dass er uns vor Verkehrsunfällen bewahre!

Es stimmt natürlich, ich habe es nachgelesen. Rom hat so um 1970 herum das Dickicht der unzähligen Martyrer, Heiligen und Nothelfer gelichtet. Ich weiss nicht, nach welchen Kriterien bei diesem offenbar hoch komplexen Vorgang gearbeitet wurde. Aber auch Christophorus wurde, wie viele andere, ich sage es bewusst salopp, aus dem offiziellen Verzeichnis der Heiligen rausgekippt.

Das Geniale daran: das spielt gar keine Rolle! Es gab ihn, es gibt ihn, es wird ihn immer geben. In Tausenden von Herzen. Festgehalten in vielfältigen Varianten seines Namens (und auf unzähligen Schlüsselanhängern!). Und der Gedanke, dass er uns vor Verkehrsunfällen bewahren möge, knüpft für mich an an den alten Gedanken über den „jähen Tod“, den „unvorbereiteten Tod“, den sich die Menschen seinerzeit nicht wünschten. Und den wir uns heute, durch einen Verkehrsunfall verursacht, auch nicht wünschen.

Aber wir verstehen heute unter der Vorbereitung auf den Tod etwas anderes als die Menschen des Mittelalters. Es geht nicht mehr um die spirituelle Seite des Menschen, um seine Vorbereitung für das Jenseits. Das wird den Privatvorstellungen jedes einzelnen überlassen.

Heute geht es um Patientenverfügung, Testament und Vorsorgeauftrag gemäss den neuen Bestimmungen des ZGB. Das ist eine gute Sache. Schafft Klarheit in den Verhältnissen eines Menschen, der seine Angelegenheiten eventuell nicht mehr selber regeln kann. Aber eine solche letzte Phase des Lebens finden wir je länger je weniger erstrebenswert. Heute möchten wir nicht bewahrt werden vor einem jähen sondern vor einem langsamen Sterben, einem langsamen Tod.

Die ersten Tage des beginnenden Novembers nennen wir „Allerheiligen“ und „Allerseelen“. In diesen Tagen denken viele an die Verstorbenen. Die Besuche auf den Friedhöfen sind zahlreicher als das ganze Jahr hindurch. Die Gräber werden für den Winter zurecht gemacht. Die Vergänglichkeit, die sich in unseren Breitengraden in der Natur offenbart, lässt uns über die Vergänglichkeit unseres Lebens nachdenken. Und vielleicht finden wir Trost in den Zeilen von Rainer Maria Rilke:

„O Herr, gib jedem seinen eignen Tod. Das Sterben, das aus jenem Leben geht, darin er Liebe hatte, Sinn und Not.“

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