FrontKulturDarf es auch Musik sein?

Darf es auch Musik sein?

Das Opernhaus Zürich hat nicht nur ein neues Label, sondern mehrheitlich grossartige Aufnahmen geschichtsträchtiger Produktionen, die jedes Musikherz höher schlagen lassen.

Vor 30 Jahren wurde mit der Trennung des Tonhalleorchesters vom Klangkörper des Stadttheaters Zürich eine Wegmarke gesetzt, die es den beiden Formationen erlauben sollte, ihr je eigenes Profil zu schärfen und nach internationaler Attraktivität zu trachten. Das fast 20-jährige Wirken von David Zinman in der Tonhalle wurde zur Erfolgsgeschichte, Ansporn genug für Fabio Luisi, zum Geburtstag mit einem neuen Label auch im Opernhaus die mediale Präsenz zu verstärken.

Fabio Luisi mit seiner Philharmonia Zürich

Daraus wurde die Philharmonia Zürich und mittlerweile sind vier Einspielungen greifbar, die es mehr als wert sind, gehört zu werden. Die berechtigte Frage ist nur, ob neben dem Opernrepertoire die Sinfonik gleichwertig vertreten sein soll. Dem Tonhalleorchester kommt es ja auch nicht in den Sinn, plötzlich den Musiktheatermarkt zu beackern. Und wer sich mit Klassikern ins Glashaus setzt, muss den Vergleich mit der Konkurrenz natürlich aushalten.

 

Berlioz – Verdi – Wagner – Rachmaninow: alle in der Handschrift Fabio Luisis

Die Website von Philharmonia Records gibt hilfreich Auskunft über das Angebot des neuen Labels, und alle Produktionen sind sowohl online wie an der Billettkasse erhältlich. Es spricht für die Authentizität und Redlichkeit Fabio Luisis, dass er (ausser bei Wagner) konsequent Live-Mitschnitte anbietet. Die Booklets warten zudem mit wertvollen Einsichten auf.

Berlioz: Symphonie fantastique: eine bemerkenswert homogene CD-Aufnahme mit hochmotivierten Musikern, aber mit angezogener Handbremse. Mir fehlt etwas der ausufernde, zündende Funke des ungestümen Berlioz.

Verdi: Rigoletto: Der Einstand der Regisseurin Tatjana Gürbaca, mit Petean, Kurzak, Pirgu, auf DVD festgehalten.

Wagner: Vor- und Zwischenspiele: eine umsichtig elaborierte CD-Einspielung, welche die „Evolution der Orchestersprache“ auch musikpädagogisch wertvoll macht.

Rachmaninow: Klavierkonzerte 1-4 und die Paganini-Rhapsodie mit Lise de la Salle: Ein Shooting Star wie Yuja Wang ist Lise de la Salle nicht, aber die CD-Aufnahmen von 2013-15 sind grundsolide und zeigen eine klug austarierte Balance zwischen Solistin und Orchester. Insgesamt haben die Einspielungen für meinen Geschmack etwas zu viel Hall.

Die Rachmaninow-Box

 

 

Alle Aufnahmen erhältlich bei Philharmonia Records-Website, an der Billettkasse Opernhaus oder online unter: www.opernhaus.ch/kiosk/shop

 

Harnoncourt – Santi – Welser-Möst – Christie – von Dohnanyi – Fischer – Metzmacher – Viotti

Die Sternstunden der letzten 40 Jahre sind reichhaltig auf DVD dokumentiert und zu durchaus erschwinglichen Preisen nach wie vor im Fachhandel erhältlich. Wer erinnert sich noch an die 1975 erfolgte Initialzündung des Monteverdi-Zyklus mit „L’Orfeo“, „Il Ritorno d’Ulisse in Patria“ und „L’Incoronazione di Poppea“ durch Nikolaus Harnoncourt und Jean-Pierre Ponnelle? Zürich gelangte zu Weltruhm und die Gründung des auf historischen Instrumenten musizierenden „Orchestra La Scintilla“ ist niemand anderem zu verdanken als dem grossen Erneuerer authentischer Aufführungspraxis.

Nicht weniger eindrücklich ist Harnoncourt durch seine wegweisenden Mozart-Neuinterpretationen in Erinnerung. Und wer befeuerte die Italianità nachhaltiger und kompetenter als Maestro Nello Santi, der Zürich seit 1958 die Treue hält und den man sich sehnlichst an „sein Zürcher Pult“ zurück wünscht? Auch die Einspielungen mit Franz Welser-Möst, William Christie, Christoph von Dohnanyi, Adam Fischer, Ingo Metzmacher und Marcello Viotti tragen das Qualitätssiegel einer Epoche, die auf jedem Weihnachtstisch Freude bereiten würden. Hier eine begrenzte Auswahl mit wenigen Stichworten:

Harnoncourt: Monteverdi: L’Orfeo / Il Ritorno d’Ulisse in Patria / L’Incoronazione di Poppea, in Ponnelle-Inszenierungen (bei der Deutschen Grammophon auf DVD): die Wiedergeburt der Alten Musik im 20. Jahrhundert und die Geburt von La Scintilla.

Harnoncourt: Mozart: Le Nozze di Figaro / Cosi fan tutte / La finta giardiniera: mit einem verschworenen Ensemble. Offenbach: La belle Hélène: mit Kasarova, van der Walt, Chausson: ein Riesenspass. Carl Maria von Weber: Der Freischütz: in der legendären Inszenierung von Ruth Berghaus, mit Nielsen, Hartelius, Salminen, Seiffert, Polgar.

Santi: Verdi: Rigoletto: mit Nucci und Beczala, geht ans Herz. Rossini: Il barbiere di Siviglia: mit Kasarova, Lanza, Macias, Chaussson, Ghiaurov. Donizetti: Don Pasquale: mit Florez, Rey, Raimondi, Widmer.

Welser-Möst: Humperdinck: Hänsel und Gretel: ein perfektes Weihnachtsgeschenk. Mozart: Don Giovanni / Le Nozze di Figaro / La clemenza di Tito: Vergleiche mit Harnoncourt von besonderem Reiz. Puccini: La Bohème: eine Referenzaufnahme. Johann Strauss: Simplicius und Schubert: Fierrabras: auserlesene Raritäten. Richard Strauss: Der Rosenkavalier: mit Stemme, Kasarova, Muff (was für ein Baron!) und Debussy: Pelléas et Mélisande: zwei von vielen eindrücklichen Bechtolf-Inszenierungen, mit Gilfry, Rey, Volle, Polgar.

Christie: Händel: Semele: mit Bartoli, Workman, Remmert, Nikiteanu. Orlando: mit Mijanovic, Jankova, Wolff und natürlich mit La Scintilla, unvergesslich.

von Dohnanyi: Richard Strauss: Ariadne auf Naxos: mit einer liebevollen Reverenz an die Zürcher Kronenhalle, mit Magee, Mosuç, Breedt, Volle, Pereira. Elektra: mit der hinreissenden Eva Johansson.

Adam Fischer: Donizetti: Linda di Chamounix: mit unserer „primadonna assoluta“ Edita Gruberova, van der Walt, Polgar. Halévi: Clari: mit Bartoli, Osborn, Liebau, Widmer.

Ingo Metzmacher: Humperdinck: Königskinder: mit Jonas Kaufmann, Rey, Widmer, Nikiteanu, eine Entdeckung.

Marcello Viotti: Bellini: Beatrice di Tenda: eine schöne Erinnerung an den allzu früh verstorbenen Dirigenten, mit Gruberova und Volle.

Musikalischer Adventskalender

Mit einer besonders sympathischen Geste lädt die Philharmonia Zürich vom 1.-23. Dezember zu 15-minütigem Innehalten im Eingangsfoyer des Opernhauses. In wechselnden Besetzungen wird jeder Tag um 17.30 ein Türchen mit Kammermusik geöffnet. Der Zutritt ist kostenlos.

Die Redaktion Seniorweb veröffentlicht bis Weihnachten in loser Folge Geschenktipps (Bücher, CDs, DVDs).

Links zu bereits erschienenen Geschenktipps:

Der Tod auf dem Apfelbaum
Franz schwimmt den Rhein hinunter
Lesen und Basteln für Kinder von heute
Bei den wilden Oesterreichern

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