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Eine groteske Schicksalsgöttin

Der ungarische Regisseur Viktor Bodo inszeniert am Schauspielhaus Zürich Dürrenmatts Klassiker „Der Besuch der alten Dame“ mit viel Klamauk.

Gibt es überhaupt noch jemanden, der Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ nicht kennt? Das am 29. Januar 1956 im Zürcher Schauspielhaus mit Therese Giehse und Gustav Knuth in den Hauptrollen uraufgeführte Werk gehört heute weltweit zu den meistgespielten Stücken. In jüngerer Zeit wird Dürrrenmatts Tragikomödie regelmässig als Parabel auf die materialistischen Abgründe heutiger kreditgestützter Wohlstandgesellschaften gesehen. Wie die reichgewordene Claire Zachanassian in ihre verarmte Heimatstadt Güllen zurückkehrt, den Bewohnern eine Milliarde für den Mord an Alfred Ill aussetzt, weil dieser sie einst in einem Vaterschaftsprozess vor Gericht verriet, wie die Güllener mit Aussicht auf das Kopfgeld alsbald munter Schulden machen und dabei jedwede Ethik fahren lassen, bis sich letztlich alle zum Sündenbockmord vereinigen – das schreit nach aktuellen Bezügen.

Ein clownesker Auftakt

Der ungarische Regisseur Viktor Bodo, bekannt für turbulente Inszenierungen, versagt sich am Schauspielhaus Zürich solche direkten Bezüge, kürzt das Werk deutlich ein und rückt es in die kafkaeske Ecke voller Komik und überzeichneter Figuren. Gespielt wird in einer heruntergekommenen Bahnhofhalle im Halbrund mit verglasten Wänden (Bühne: Juli Balazs). Die fünfköpfige, teils maskierte Claire-Zachanassian-Truppe fährt mit Getöse und Klamauk in Güllen ein. Die Ankunft gerät zur Clownerie: Koffer um Koffer werden spektakulär im Rundlauf weitergereicht, die beiden Blinden Loby und Koby blödeln, was das Zeug hält, während Güllens Bürgermeister, Pfarrer, Lehrer und Polizist tolpatschig eine klägliche Willkommensszene inszenieren. Und Claire demonstriert umwerfend komisch ihre zahlreichen Gebrechen und technischen Hilfen, die sie am Leben erhalten. Es ist ein fulminanter Auftritt voller grotesker Figuren. Nur Alfred Ill wirkt einigermassen normal, übernimmt die undankbare Rolle, Claire einige Millionen für Güllen zu entlocken.

Warten auf die Ankunft von Claire Zachanassian (v.l. Benedict Fellmer, Matthias Neukirch, Milian Zerzawy und Christian Heller).

Doch dann nimmt die moralinsaure Geschichte, garniert mit zahlreichen Gags, ihren Lauf. Die Claire-Zachanassian-Truppe verfolgt auf der Galerie über der Bahnhofhalle wie in einem Schauprozess das Geschehen der Bewohner von Güllen, die sich laufend verschulden, dabei die schaurige Mordklausel in ihr Gegenteil verkehren und aus nackter Profitgier Alfred Ill zum wahren Schuldigen machen, weil er einst Claire schwängerte und im Elend sitzen liess. Beim pseudodemokratischen Stadttribunal wird das schweigsame Publikum miteinbezogen und im Namen der Gerechtigkeit das verklausulierte Todesurteil gesprochen, derweil Alfred Ill nach und nach mit dem Mikrofonkabel erwürgt wird. Doch der Geldsegen ist nur von kurzer Dauer. Der überreichte Check flattert, angetrieben von Helikoptergebläse, wohl für immer verloren ins Publikum.

Ein buntes Spiel mit viel Klamauk

Geboten wird ein bildstarkes, lautes und buntes Spiel mit viel Klamauk und grossartigen Darstellern. Friederike Wagner verkörpert eine zarte und kantige Claire, die sich eine eigene Weltordnung leistet, meisterlich sind ihre Gags mit den Tücken der technischen Körperhilfen. Klaus Brömmelmeier legt Alfred Ill von Anfang an als weichen, unsicheren Typen an, der sich zum Schuldigen mausert und das Todesurteil teilnahmslos hinnimmt. Grandios ist Matthias Neukirch als Lehrer, der mit seinen humanistischen und rechtsstaatlichen Prinzipien ringt und widerwillig und stampfend seine Kehrtwende zu rechtfertigen versucht. Auch die übrigen Darsteller gefallen durch ein intensives Spiel, allen voran Gerrit Frers und Philippe Graff als die blödelnden Blinden Loby und Koby und Benedict Fellmer als unverständlich plappernde Karikaktur eines Polizisten.

Dem Premierenpublikum gefiel die turbulente und groteske Aufführung. Es bedankte sich mit langanhaltendem Applaus.

Claires Butler verkündet den Güllener Bewohnern den Milliardendeal (rechts mit rotem Haarschopf Friederike Wagner als Claire Zachanassian). (Bilder: Toni Suter / T+T Fotografie).

Weitere Spieldaten: 18., 22., 23., 31. Dezember; 7., 8., 11., 14., 21., 22., 29. Januar; 16. Februar, je 20 Uhr; 27. Dezember, 15 Uhr.

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