FrontKulturGut sein in einer Kleinstadt

Gut sein in einer Kleinstadt

Ein eindringliches Melodram mit packenden Rollenporträts: Stephan Kimmig inszeniert am Schauspielhaus Zürich Lars von Triers „Dogville“.

Im Stile eines Theaterstücks hat Lars von Trier 2003 seinen Film «Dogville» inszeniert. Auf engstem Raum agieren Stars wie Nicole Kidman, Lauren Bacall und James Caan. Amerika in den 30er Jahren, zu Zeiten der Repression: Auf der Flucht vor der Gangsterbande ihres Vaters findet die schöne Grace Zuflucht in der isolierten Berggemeinde Dogville in den Rocky Mountains. Unterstützt von Tom, dem selbst ernannten Sprecher des Städtchens und Möchtegern-Schriftsteller, wird Grace von der kleinen Gemeinde aufgenommen und erklärt sich dafür bereit, jedem Einzelnen in der Stadt bei der Arbeit zu helfen.

Doch als ein Suchtrupp in Dogville nach Grace forscht und von den Bewohnern wieder weggeschickt wird, verlangen die guten Menschen der Kleinstadt ein höheres Entgelt für das Risiko, einer Flüchtigen Unterschlupf zu gewähren. Fortan wird Grace von jedem schikaniert, ausgebeutet und von den Männern vergewaltigt. Auf die harte Tour muss Grace lernen, dass Gut sein in dieser Gemeinde ein relativer Begriff ist. Aber Grace hat ein gefährliches Geheimnis…

Ein Spiel in sperrigem Raum

Von Brechts epischem Theater inspiriert, hat Lars von Trier «Dogville» mit minimaler, karger Ausstattung inszeniert. Als Kulisse dient eine 50 mal 50 Meter grosse Bühne, auf der Strassen und Häuser lediglich aufgemalt sind, Tag und Nacht werden durch weisse bzw. schwarze Rahmen um die Bühne gekennzeichnet. Viele Theater haben in den letzten Jahren Adoptionen der Geschichte gezeigt.

Fragile Annäherung: Katja Bürkle als Grace und Edmund Telgenkämper als Tom.

So konsequent es ist, das Drama dem Theater zurückzugeben, so gross ist auch die Herausforderung, die Geschichte formal auf eine neue Ebene zu heben. Regisseur Stephan Kimmig siedelt das Geschehen im Gegensatz zum Film zwischen gepanzerten Wänden mit Leitern, Nischen und Türen an. Die Schauspieler agieren auf einer schrägen, rutschigen Rampe, ein inszenatorisch herausfordernder Raum, der an einen rostigen Schiffsraum erinnert (Bühnenbild: Katja Hass). In einer der Nischen ist ein live spielender Musiker (Michael Verhovec) einquartiert, der mit leisen Tönen die Handlung sanft vorantreibt. Es ist ein sperriger, karger Raum, der Enge und Kargheit der Provinzstadt abseits des pulsierenden Lebens markiert.

Ein schlichtes, eindringliches Melodram

Aus der Geschichte der jungen Grace, die sich in Dogville vor der Polizei und der Gangsterbande ihres Vaters versteckt, macht Kimmig ein schlichtes, eindringliches Melodram mit packenden Rollenporträts. Es sind verschlossene Bewohner mit starkem Zusammenhalt und Misstrauen, die in diesem abgelegenen Kaff ihr bescheidenes Dasein fristen. Bescheiden ist auch deren Kostümierung: alle Männer tragen Hosenträger und alle Frauen ein geblümtes Kleid. Grace dagegen agiert im goldenen Abendkleid und mit hohen Absätzen. Und alle Bewohner wippen und tanzen im Gleichschritt, wenn es darum geht, Grace willkommen zu heissen oder zu verdammen.

Die Bewohner von Dogville wippen und tanzen im Gleichschritt. (Fotos: Toni Suter / T+T Fotografie)

Kimmig hält sich strikt an Lars von Triers Textvorlage, verzichtet auf schockierende Demütigungsszenen, auf Assoziationen zur aktuellen Flüchtlingsthematik, schafft wohltuende Distanz. Es ist ein direktes, leises Spiel ohne moralisierende Aussagen und Weltverbesserungsphantasien, klar strukturiert mit wenig Zwischentönen. Die Figuren geben sich sperrig, verbergen ihre wahre Emotionalität. Nur der Erzähler sorgt mit seinen akrobatischen und clownesken Auftritten für etwas Heiterkeit. Eindrücklich ist die Schlussszene, in der Grace und ihr Vater über das Wesen von Macht und Gnade diskutieren, bis sie sich entscheidet, alle Bewohner, die sie erniedrigt, versklavt und vergewaltigt haben, abknallen zu lassen.

Lob für packendes Rollenspiel

Alle Schauspieler (darunter auch drei Kinder) verdienen grosses Lob für ihr differenziertes, packendes Rollenspiel. Katja Bürkle als Grace findet das richtige Mass zwischen Kalkül, Widerstand und Anpassung, Nils Kahnwald schlüpft gekonnt in verschiedene Rollen als Erzähler, Polizist, Gangster und Bube Moses, Edmund Telgenkämper als Tom Edison, der sich Schriftsteller nennt, entpuppt sich als feiger Moralist und Liebhaber. Überzeugend sind auch die Auftritte von Ludwig Boettger als Toms Vater Thomas Edison, Isabelle Menke als Ma Ginger, Michael Neuenschwander als Chuck, Hilke Altefrohne als Chucks Frau Vera und Fritz Fenne als blinder Jack McKay. Geboten wird insgesamt eine gelungene, inspirierende Inszenierung und grossartige Schauspielkunst. Dafür gabs am Premierenabend langanhaltenden Applaus.

Weitere Spieldaten: 18., 21., 26., 29. September, 1., 5., 7., 11., 14., 23., 29., 31. Oktober.

Vorheriger ArtikelSeldwylereien
Nächster ArtikelLiebelei und Postkartenwelt

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel