FrontKulturBilder der (Un-)Endlichkeit

Bilder der (Un-)Endlichkeit

Roy Andersson arbeitet auch im neuen Film «About Endlessness» in gewohnter Art; entstanden ist ein Werk zum Sinnieren und Nachdenken über die wichtigen und nebensächlichen Dinge des Lebens.

Wie in der Literatur und Malerei gibt es auch im Film die Sektion «Absurdes», wohin neben Ionesco und Beckett, Magritte und Dalí die Filmemacher Alaa Eddine Aljem mit «Le Miracle du Saint Inconnu», Elia Suleiman mit «Intervention divine» und der Grossmeister aus dem Norden, Roy Andersson mit «A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence» und «About Endlessness», in Venedig 2019 mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichnet, gehören.

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Ein paar Worte zum Film

Zwei Vorbemerkungen: Vorsichtig abraten möchte ich «About Endlessness» jenen Leuten, die einfache Geschichten mit klaren Aussagen lieben, sie könnten sich eventuell langweilen, weil dieser Film ihnen unzählige schwierige Fragen stellt; ausser sie lassen sich hereinnehmen in diesen Flow der ganz anderen Art und beginnen zu spüren, dass der Film sie tief innen berührt und einzelne Bilder sie nicht mehr loslassen. Diese stoischen stillleben-artigen Vignetten über die existenzielle Vergeblichkeit und permanente Überforderung des Mensch-Seins. Mit Überzeugung empfehlen möchte ich «About Endlessness» jenen Menschen, die sich im Kino gerne etwas ganz Anderem aussetzen, die träumen, sinnieren und nachdenken wollen über das, was das Leben ausmacht, und gleichzeitig den Mut aufbringen, neue Wege des Fühlens und Denkens zu wagen. Im Anblick dieser erhebenden Ode und gleichzeitig erdrückenden Elegie auf den Menschen, die beide zu ihm gehören.

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Vielschichtige Hintergründe

In «About Endlessness» stellen sich, existenzialistisch gedacht, Fragen nach der Endlichkeit und der Unendlichkeit: nach dem Leben, wenn man nicht mehr an Gott glauben kann, wenn alle Floskeln und Rituale, wenn vorschnelle Antworten oder Ausreden nicht mehr taugen. Doch den Film übergiesst kein Nebel von Tristesse, sondern von Hoffnung und Zuversicht. Die während 89 Minuten gezeigten 33 Sequenzen, meist Plansequenzen, kamen bei mir an wie Zeilen oder Strophen eines grossen, schönen Gedichtes, etwa aus den «Duineser Elegien» von Rilke oder aus dem «Faust» von Goethe, doch übertragen in die Welt und Befindlichkeit von heute und morgen – dargestellt in grossartig gestalteten Tableaus in Grau, Beige, Dunkelblau und Dunkelgrün, vorgeführt in extrem langen Einstellungen, langsamen Bewegungen und mit sphärischer Musik und Gesängen. Roy Andersson lädt uns ein, fordert uns heraus, provoziert uns; ihm zu folgen, lohnt sich, vielleicht nicht bei der ersten, sondern möglicherweise erst bei einer zweiten Sichtung dieses geheimnisvollen Werkes.

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Drei prominente Zitate zum Film

Drei Meister des modernen Kinos gaben Voten ab zum Film «About Endlessness». Carlos Reygadas: «Wie wunderschön! Roys Filme gehören der Ewigkeit an.» Alejandro Iñárritu: «Roy Andersson schenkt uns wieder einen unendlich künstlerischen Genuss.» Paweł Pawlikowski: «Die melancholische Farce einer flüchtigen Schönheit.» Da ich mich nicht festmachen lassen möchte, sondern persönlich und für mich weiterfantasieren werde, schweige ich nun und gebe dem Regisseur Gelegenheit für einige erklärende Anmerkungen.

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Aus einem Interview mit Roy Andersson

Einige Themen in «About Endlessness» kennt man aus Ihren vorherigen Filmen: Optimismus, aber auch Krieg und Verzweiflung, die Abwesenheit von Gott. Würden Sie sagen, es gibt immer eine Balance zwischen Hoffnung und Verzweiflung?

Das Hauptthema ist die Verletzlichkeit des Menschen. Ich denke, es ist ein hoffnungsvoller Akt, wenn man etwas schafft, das Verletzlichkeit zeigt. Denn wenn man sich der Verletzlichkeit des Menschen bewusst bist, wird man respektvoller und geht sorgfältiger mit dem um, was man hat. Ich möchte die Schönheit des Lebens betonen. Um das zu zeigen, muss man natürlich als Gegensatz auch die schlechten und grausamen Seiten des Lebens zeigen.

Die Neue Sachlichkeit der bildenden Kunst (die Sie inspiriert) existierte in den 1920er Jahren kurz vor der Apokalypse des 2. Weltkriegs. Würden Sie sagen, dass «About Endlessness» auch vor einer Apokalypse an den Start geht?

Ich hoffe nicht. Es wäre sehr pessimistisch, zu glauben, dass wir in so einer Zeit leben. Ich denke nicht, dass Otto Dix an eine heraufkommende Apokalypse geglaubt hat. Aber er warnt uns vor der Möglichkeit. Jedes seiner Bilder kann als Warnung verstanden werden. Das gilt auch für die alten Meister, die uns warnten: «Lasst uns daran erinnern, dass das Leben nicht unendlich ist. Ihr müsst dankbar sein für die Zeit, die euch bleibt.»

Im Film zeigen die Kriegsszenen die Verlierer. Warum?

Ja. In gewissem Sinne sind wir alle Verlierer. Es ist wichtig, einzusehen, dass keiner von uns am Ende der Gewinner ist. Ich bin kein Pessimist, aber es ist eine Tatsache, dass es keine Hoffnung gibt. Das Leben ist eine Tragödie. Ich bin nicht die erste Person, die das sagt.

Was verkörpert für Sie die Jugend?

Sie ist die meiste Zeit sehr schön. Ich betrachte gerne Kinder, weil sie nur so vor Ideen sprühen, voller Hoffnung sind und vor Vitalität strotzen. Das ist schön anzusehen. Solange du jung bist, behältst du die Hoffnung, aber dann verlierst du sie Schritt für Schritt, wenn du älter wirst. Zum Beispiel mag ich sehr gern die Episode im Film, in der Vater und Tochter im Regen auf ihrem Weg zu einer Geburtstagsparty sind. Der Vater opfert seinen Regenschirm, während die Tochter nur die Schuhe zugebunden haben möchte. Das ist so schön anzusehen. Auch in der Szene mit den tanzenden Mädchen, denke ich, ist es wunderschön, die Vitalität dieser jungen Menschen zu sehen, die so glücklich sind, einfach weil sie existieren. Sie lieben es, zu tanzen, und deshalb tun sie es. Ihre Energie ist ansteckend.

Sie haben einen besonderen Humor. Was finden Sie lustig?

Ich denke, die Wahrheit ist oft lustig. Als ich meine Karriere begann, war ich von Miloš Forman, Jiří Menzel und anderen tschechischen Filmemachern inspiriert. Sie haben uns das Leben in einem humorvollen Tonfall erzählt. Sie zeigten oft Menschen, die ein bisschen verloren waren, keine Loser, aber ein bisschen verloren. Ich mag Filme mit dieser Art Humor: kleine, aber lustige Geschichten.

Was bedeutet Ihnen die Szene mit dem fliegenden Paar?

Es ist eine schreckliche Erinnerung an die Geschichte: Eine schöne Stadt wurde bombardiert und zerstört. Abgesehen davon wollte ich zeigen, dass das Leben weitergeht. Liebe, Zärtlichkeit, Sinnlichkeit bleiben. Es war wichtig, diese beiden Seiten des Lebens über einer zerstörten Stadt zu zeigen.

Titelbild: Ein Liebespaar schwebt vom Himmel

Regie: Roy Andersson, Produktion: 2019, Länge: 89 min, Verleih: xenixfilm

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