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Guten Morgen

Ich bin hin und her gerissen. Der Bundesrat  empfiehlt, zu Hause zu bleiben. Joggen und allein spazieren ist erlaubt. Ich entscheide mich für beides.

Und so fahre ich jeden Morgen mit dem Auto in Luzern an den Vierwaldstättersee und mache beim Sonnenaufgang mein Guten-Morgen-Bild, das ich ins Facebook stelle. Ich bringe sozusagen die Natur zu meiner Fangemeinde in aller Welt, die sich herzlich bedankt.


18. März, 59 Liks.  Peter Georg Achten: «Lieber Josef, wie machst Du das nur, jeden Tag ein tolles Photo? Merci viiilmool!!»

Ansteckungsgefahr besteht keine, denn ausser einer Frau mit einem Hund und einem Jogger in weiter Ferne treffe ich keinen Menschen an. Dafür tönt es aus dem Autoradio: «Bleibt zu Hause!» Ist ja gut, in zehn Minuten bin ich wieder in meinem Haus, ruhe mich im Garten aus und freue mich auf die Reaktionen auf Facebook.


19. März, 71 Liks,  Otto Weisser: «Wie immer «SUPER GREAT SHOT» ich bewundere Dein «klinisches Auge» BRAVO von ????» Jean-Jacques Joss: «Kompliment für die wunderschöne Aufnahme. Ich wünsche dir eine ganz gute Zeit und grüsse dich sportlich aus fast Bundes-Bern»

Das sind doch einige. Von einer in Israel lebenden Luzernerin, die sich darüber bedankt, dass ich ihr geliebtes Luzern immer wieder näher bringe. Liks von einem in Brasilien lebenden Kollegen und einem nach Südafrika ausgewanderten Fotografen. Auf meine Bilder haben auch schon reagiert: Bundesrätin Viola Amherd, ihre Mitarbeiterin Brigitte Hauser oder der Luzerner Regierungspräsident Paul Winiker. Auch die Skilegende Karl Frehsner likt öfters aus Österreich.


25. März 84 Liks Otto Weisser: «wunderbare heile Welt. DANKE JOSEF !»

Peter Achten meldet sich. Er war zehn Jahre lang Moderator und Produzent der Tagesschau. Als Auslandkorrespondent arbeitete er für Radio, Zeitungen und Fernsehen in Lateinamerika, den USA und Asien (Peking, Hanoi, Hong Kong). Heute lebt er in Asien und in der Schweiz und arbeitet für in- und ausländische Medien.

«Lieber Josef, wie machst Du das nur, jeden Tag ein tolles Photo? Merci viiilmool!» Ich antwortete: « Ganz einfach. Von Montag bis Freitag morgen früh in die Stadt, am Quai entlang spazieren und die Natur beobachten. Ein Sujet auswählen, mit dem iPhone anvisieren, gestalten, abdrücken und ins Facebook stellen. Da sollte man ein Auge dafür haben, sagt man. Habe ich schliesslich einmal gelernt.»


31. März, 117 Liks, Jacqueline Thommen: «Mega schön Papi❤️», Nobert Williner: « Wunderschön. A richtigi Ritlifoto!»


2. April ,72 Liks, Norbert Williner: « Einfach schön!!!»

4. April. 113 Liks, Hannelore Jentsch: «Humor hat, wer trotzdem lacht»

Yvonne Boss-Hunkeler: «Danke vielmol Seppi, dass du üs au i dere schwäre Zyt mit schöne Fotos verwöhnsch! Schönes Wocheende Yvonne». Peter Hauri:»  ???????????? Eines der coolsten Bilder eines grossen Schweizers.» Pressefotografen…made my day Josef Ritler!!!» Josef Ritler: «Danke für die Blumen, lieber Peter» Peter Hauri: « Ehre wem Ehre gebührt, hat schon der Apostel Paulus gesagt..»

 8. April, 58 Liks, Joseph Auchter: « Vorösterlicher Friede legt sich über den See, und schon bald werden die Segel gehisst und «Corona» wird nur noch eine Biermarke sein – bis zur nächsten Pandemie, die dank unserer Mobilität so sicher kommt wie das Amen in der Kirche. Frohe Ostern!» Carl Just:  «superschön»

Notsituationen gab es immer wieder

Als Journalist und Photograph habe ich in meiner 40-jährigen Berufstätigkeit immer wieder ähnliche Situationen erlebt. Naturkatastrophen zwangen die Menschen, in ihren Häusern zu bleiben. Sie waren von der Umwelt abgeschnitten, durften sich nicht im Freien bewegen und hatten dennoch das Bedürfnis, informiert zu werden. Die Information sicher zu stellen, war die Aufgabe der Medienleute.

Und so rückten wir aus, schlossen uns der Feuerwehr oder anderen Organisationen an und berichteten in Wort und Bild über das Geschehen. Ich erinnere mich an den Winter 1966, als das Lötschental im Wallis wegen niedergegangenen Lawinen abgeschnitten war.

Ich lese in meinem Tagebuch: «Wieder einmal ist das mir so beliebte Lötschental von der Umwelt abgeschnitten. Die 1800 Einwohner und Dutzende von Touristen sind in Not, weil  die Eschergrabenlawine die Talschaft von der Umwelt abgeschnitten und die Stromverbindung unterbrochen hat.»

Die Nachrichtenredaktion schickt mich ins Wallis. In Goppenstein ist kein Weiterkommen. Ich versuche, mit den Verantwortlichen zu reden und sie davon zu überzeugen, dass ich irgendwie nach Kippel gelangen muss. Auf eigene Gefahr sozusagen. Sie lassen mich gehen und ich darf noch einen Postsack mitnehmen.

Und so klettere ich über den Lawinenkegel und stampfe durch den tiefen Schnee nach Kippel. Unterwegs treffe ich Arbeiter, die einen Weg für eventuelle Notfälle freischaufeln. Die wenigen Einwohner wundern sich und sind froh, die Briefpost zu erhalten. Ich fotografiere und mache Interviews. Gegen Abend  klettere ich wieder über den Lawinenkegel und erreiche wohlbehalten Goppenstein. In einem Hotelzimmer, wo ich mein Labor eingerichtet habe, vergrössere ich die Bilder und übermittle sie mit dem Text über die Telefonleitung in die Redaktion. Am anderen Tag erfährt die Leserschaft in der mehrseitigen Reportage, wie es der abgeschnittenen Bevölkerung im Lötschental geht.

Mit einem Bündel Zeitungen nehme ich wieder den beschwerlichen Weg unter die Füsse. Dieses Mal werde ich von einer Equipe begleitet. Die starken Männer tragen grosse Brotsäcke. Ich fotografiere den beschwerlichen Transport durch eine märchenhaft schöne Winterlandschaft. «Die Helfer entgingen dem Schneetod», titelt BLICK zwei Tage später. Nur etwa 50 Meter neben der  Schneeräumungsequipe ging eine weitere Lawine nieder. Nach fast drei Tagen ohne Strom und warmem Essen konnten die Bewohner endlich wieder Brot bekommen. Mir wird warm ums Herz, als ich das Lötschental verlasse. Es ist wieder einmal gut gegangen»

Jetzt sitzen wir  zu Hause vor dem Fernsehapparat und werden von Reportern aus der ganzen Welt über das Corona-Virus und die Auswirkungen auf unser Leben orientiert. Hinter jeder Kamera und jedem Mikrofon arbeiten Kameraleute, Reporter und Tönler und setzen sich möglicherweise einer Ansteckung aus. Ihnen allen möchte ich herzlich danken.

Fotos: Josef Ritler


In loser Folge schildern unsere Redaktionsmitglieder, wie sie wegen der Corona-Krise das zu Hause sein erleben und wie sie damit umgehen. Hier die Links zu bereits erschienenen Beiträgen: 

2 Kommentare

  1. Lieber Seppi
    Ein ganz grosses Dankeschön gebührt auch Dir. Die Bilder faszinieren mich auch als alter Luzerner… Sie wecken Erinnerungen.
    Anton Schaller

  2. Lieber Seppi, heute Abend hätte ich bei Euch angerufen, wie es Dir und Deiner Familie gehe. Jetzt kam Deine ganz tolle Reportage. Entwarnung! Ganz herzlichen Dank, eine Augenweide und ein Schmaus für das Gemüt! Bleibt gesund! Judith

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