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Und plötzlich sind wir alt

So jung waren Ältere, so um die 70 herum, noch nie in der Geschichte der Menschheit. Sehr viele nutzen intensiv das Kulturangebot, pflegen einen grossen Freundeskreis, treiben Sport, gehen ins Fitness, informieren sich analog und digital und achten auf ihre Gesundheit.

Und jetzt? Weggesperrt, isoliert, in Schutzhaft genommen. Und das für Wochen, mindestens. Wie soll man sich da nicht plötzlich alt fühlen? Was hilft gegen das Gefühl, das einzige Hindernis zu sein im Kampf gegen ein Virus, das mit einer «Durchseuchung» vielleicht nicht mehr wäre als eine Fussnote in der Medizingeschichte?

Wobei: Es sind nicht nur wir Senioren, die die ganze Wirtschaft aufhalten. Es sind auch sehr viele Jüngere, die an Krankheiten leiden, die im Zusammenhang mit der Covid 19- Pandemie lebensbedrohend würden. Viele von diesen gefährdeten Personen leben seit jeher eingeschränkt, nicht nur jetzt. Und, die Frage sei erlaubt, wie würden wohl all die Hypertoniker in den Chefetagen der Banken, Unternehmen und der Politik reagieren, würde man sie einfach als Kollateralschäden auf dem Weg zu einer immunen, gesunden Gesellschaft erklären? Da würde der Blutdruck wahrscheinlich grad nochmals in die Höhe schnellen.

Sorgen wohin man schaut

Wer an all die denkt, denen in den letzten Wochen ihre Arbeit, ja, vielleicht ihre Existenzgrundlage, nicht genommen, aber doch sehr eingeschränkt wurde, an all die Kinder, die nicht in Bilderbuchfamilien liebevoll betreut werden, sondern jeden Tag Streit und Hass bei den überforderten Eltern erleben – wenn nicht noch Schlimmeres – dem muss doch die Decke auf den Kopf fallen.

Bewegung, draussen in der Natur, hilft gegen trübe Gedanken.

Und doch machen wir weiter, lassen für uns einkaufen, nutzen einsame Wanderwege und Randzeiten für etwas sportliche Betätigung, pflegen den Garten und halten via Skype und Video Kontakt zu den Kindern und Enkeln und zu den vielen Freunden, denen es genau so geht wie uns. Wir weinen unsere Tränen im Stillen und bemühen uns, positiv in die Zukunft zu schauen. Trotz allem.

Zufriedenheit ist auch ein kleines Stück Glück

«Nur Narren sind immer glücklich», sagt der Schweizer Philosoph Alain de Botton. Die Betonung liegt auf «immer». So kann man annehmen, dass jetzt halt nicht die Zeit ist, oft glücklich zu sein. Dass sie aber hoffentlich wieder mal kommt. Oder dass sie etwas herbeigezwungen werden kann: Wir haben noch einen Garten, Sitzplatz oder Balkon, wo wir etwas werkeln können. Wir haben die Möglichkeit, viel von dem zu tun, was man sich immer wieder mal vorgenommen hat: Einen Schrank aufräumen oder besser noch den Keller, Fotos ordnen, den Stapel ungelesener Bücher und Zeitschriften abtragen. Sehr  verlockende Aussichten sind das nicht, aber wenn eine dieser Arbeiten erledigt ist, macht das zufrieden. Und das ist ja auch ein kleines bisschen Glück.

Neue Tagesstrukturen aufbauen

Und dann gibt es noch ganz bewusste «Fluchtpläne» aus dieser schwierigen Zeit. Jeden Morgen früh einen zügigen Spaziergang machen, so früh, dass man die Finnenbahn oder den Wanderweg ganz für sich allein hat. Den Vögeln lauschen, die Gedanken schweifen lassen und nicht zulassen, dass dunkle Wolken das Gemüt verdüstern. Auf dem Heimweg dann die überschäumende Blütenpracht dieses Superfrühlings bestaunen.

Singen und Tanzen macht gute Laune und stärkt das Immunsystem. (Bilder pixabay)

«Jeden Morgen singen» rät eine Freundin und ich erweitere diesen Ratschlag und tanze jeden Tag mindestens einmal zu Musik aus dem Radio. Am liebsten Rock’n Roll. Um es mit der deutschen Philosophin Hanna Arendt zu sagen: Das Ich altert nicht.

Alle, ob jung oder alt, müssen sich in diesen Wochen mit einem neuen Leben abfinden. Und wir Älteren sind da weder besser noch schlechter aufgestellt. Wir sind zwar isoliert, auf dem Abstellgleis, erfahren aber viel Solidarität aus der Familie, der Nachbarschaft, der Gesellschaft. Dank digitaler Medien sind wir doch etwas mit der Welt verbunden – ich kann zum Beispiel meiner Enkelin weiterhin Flötenstunden geben. Per Video.

Und, ganz wichtig, wenn man an all diejenigen denkt, die um ihre Arbeit, ihr Unternehmen, ihre Existenz bangen: Unsere Renten kommen nach wie vor pünktlich. Was vielleicht auch ein Ansporn sein kann, dort zu helfen, wo es nicht so gut läuft. Sei das in der Familie, im Freundeskreis oder bei der Glückskette. Die übrigens morgen Donnerstag einen Sammeltag für Coronabetroffene in der Schweiz durchführt. So könnte ein kleines Stückchen der erlebten Solidarität vergolten werden. Was auch ein bisschen glücklich macht in dieser vorübergehend klein gewordenen Welt.


In loser Folge schildern unsere Redaktionsmitglieder, wie sie wegen der Corona-Krise das zu Hause sein erleben und wie sie damit umgehen. Hier die Links zu bereits erschienenen Beiträgen: 

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