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Vom Paradies zum Völkermord

Der Spielfilm «Notre-Dame du Nil» von Atiq Rahimi, nach dem Roman von Scholastique Mukasonga, erzählt die Vorgeschichte des Genozids an den Tutsi im Jahre 1994: differenziert, vielschichtig und exemplarisch für andere Kriege.

Mit dem Völkermord von Ruanda werden die Gewalttaten bezeichnet, die am 6. April 1994 begannen und bis Mitte Juli dauerten. In dieser Zeit töteten Angehörige der Hutu-Mehrheit etwa 75 Prozent der in Ruanda lebenden Tutsi-Minderheit. Die Täter kamen aus den Reihen der ruandischen Armee, der Präsidentengarde, der Nationalpolizei, lokalen Milizen und Teilen der Bevölkerung. Der Genozid geschah im Umfeld eines langjährigen Konflikts zwischen der damaligen ruandischen Regierung und der Ruandischen Patriotischen Front. Im Nachgang der Ereignisse wurden die Vereinten Nationen, die USA, Grossbritannien und Belgien wegen ihrer Untätigkeit kritisiert.

Die Madonna als Corpus Delicti

Von der Idylle zur Tragödie

Ruanda, 1973, das Land der tausend Hügel, nach einem halben Jahrhundert belgischer Kolonisation jetzt seit rund zehn Jahren unabhängig. Hoch oben in den Bergen thront, idyllisch eingebettet in der Natur und nahe der Quelle des Nil, das katholische Institut Notre-Dame du Nil. Unter der konservativen Leitung von europäischen Nonnen und Priestern werden hier die Töchter von ranghohen Beamten und Militärs zur künftigen Elite der Hutu-Republik ausgebildet. Sie sollen gute Manieren und europäische Geschichte lernen und Französisch, statt Kinyarwanda, sprechen. Zum Alltag der Mädchen gehören neben den Messen auch Prozessionen zur Notre-Dame du Nil, einer geschnitzten Marienstatue. Noch beschäftigt die Teenager vor allem die erste grosse Liebe, ihre Idole und die bevorstehenden Ferien. Sie geniessen das Leben.

Unweit des Internats lebt Monsieur de Fontenaille. Er betreibt eine Plantage und interessiert sich für lokale Legenden, speziell jene des alten Tutsi-Königreichs. Veronica und Virginia, die am Internat die Plätze der für Tutsi vorgesehenen Zehn-Prozent-Quote belegen, fühlen sich von seinem Wissen angezogen. Die Zeit nach den Ferien stellt die Mädchen dann aber auf harte Pron. Veronica erlebt, wie Virginia mit ihrem Argwohn gegenüber de Fontenaille und seiner importierten schwarzen Magie richtig lag. Fassungslos trauern die Schülerinnen um Frida, die eben noch überglücklich ihre Schwangerschaft verkündete und bei einer befohlenen Abtreibung im Kloster stirbt.

Nach und nach schwappt die wachsende politische Spannung im Land auch auf das abgelegene Internat über. Halb Hutu, halb Tutsi, rutscht Modesta in eine Identitätskrise, während Gloriosa, eine Hutu und Minister-Tochter, ihre Tutsi-Mitschülerinnen Kakerlaken nennt, die es zu vernichten gilt. Sie weigert sich, mit ihnen zu essen, und schürt unter ihnen Hass, indem sie Lügen und von der Institutsleitung geduldete Tutsi-feindliche Propaganda verbreitet. Veronica und Virginia ahnen, dass ihr sorgloses Leben vorbei ist. Doch bevor sie handeln können, eskaliert die Situation. «1973 fand unter dem Vorwand der Quotenüberschreitung», heisst es im Nachspann, «eine ethnische Säuberung der Tutsi in Schulen, Universitäten, Verwaltungen und Kirchen statt. Diese Verfolgung der ruandischen Intelligenz kündigte den Völkermord an den Tutsi an, der 20 Jahre später fast 1 Million Tote fordern sollte.»

Dem Spielfilm «Notre-Dame du Nil» von Atiq Rahimis nach dem gleichnamigen halbbiografischen Roman von Scholastique Mukasonga gelingt eine Gratwanderung zwischen Traum und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart, Natur und Menschen. Er entfaltet sich langsam mit stimmigen Bildern, von kunstvoll-poetisch bis erbarmungslos brutal. – Die Buchautorin und der Filmregisseur kommen nachfolgend und im Angang zu Wort, weil sie es verstehen, die persönliche Geschichte als allgemeingültiges Gleichnis darzustellen.

Die jungen Frauen im Schlafsaal

Aus einem Interview mit der Buchautorin Scholastique Mukasonga

Warum hatten Sie das Bedürfnis, diese Geschichte zu erzählen?

Zunächst wollte ich meine Erfahrung mit Diskriminierung beschreiben. Bevor ich die Schule besuchte, war ich mit meiner Familie in Nyamata. Schmerz, Demütigung und Brutalität haben wir alle erlebt. Als Tutsi hat man sich damit abgefunden, es war fast normal. Uns wurde gesagt, dass wir sterben müssten, dass wir Kakerlaken seien, unser einziges Recht im Leben sei, eines Tages getötet zu werden. Wir hatten den Gedanken des Todes akzeptiert und verinnerlicht. Die ersten Pogrome waren 1959. Auch als ich anfangs der Sechzigerjahre eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin machte, fand ich mich isoliert und verletzt. Virginia im Roman und im Film bin ich, auch wenn ich mir dessen während des Schreibens nicht völlig bewusst war. Ich musste diese Geschichte erzählen. Denn im Gegensatz zu meinen Eltern überlebte ich, und ich war es ihnen schuldig, es zu bezeugen, damit es nicht vergessen wird. Diese Verantwortung spürte ich sehr stark: zu leben, nicht zu sterben, um diese Geschichte zu erzählen.

Der Völkermord ist in der ruandischen Gesellschaft kein Tabu.

Das ist grossartig! Wir verheimlichen nichts vor unseren Kindern. Keine Unwahrheiten. Wir müssen die richtigen Worte und Bilder finden, um sie vor dem Gift zu schützen, das meine eigene Kindheit ruiniert hat. Unsere Kinder dürfen nicht zu Gefangenen unserer Vergangenheit werden.

Virginia, die Tutsi-Frau, im Mittelpunkt

Aus einem Interview mit dem Regisseur Atiq Rahimi

Was wussten Sie über Ruanda, bevor Sie das Land zum ersten Mal besuchten?

Wie bei den meisten beschränkte sich mein Wissen auf den Völkermord von 1994. Eine Tragödie, die in meinem Kopf unweigerlich mit dem zwei Jahre zuvor begonnenen Bürgerkrieg in meiner Heimat Afghanistan verschmolz. In beiden Fällen begann alles auf politischer Ebene und spitzte sich allmählich zu Fragen der ethnischen Zugehörigkeit, der Rasse und der Religion zu. Auch der Bürgerkrieg in Jugoslawien war gerade ausgebrochen. Diese Zeit war gewalttätig. Das Schweigen der Welt angesichts dieser drei Tragödien entsetzte mich. Seitdem wollte ich nach Afrika, nach Ruanda, reisen, das der Menschheit einen Spiegel vorhält, über sich nachzudenken,Interviews zum Film «Notre-Dame du Nil» mit Scholastique Mukasonga und Atiq Rahimi sich selbst zu begegnen, sowohl in den Schrecken wie in den Freuden.

Dann war dieser Film die perfekte Gelegenheit dazu.

Vor meiner Abreise las ich Bücher und sah Spiel- und Dokumentarfilme über die Geschichte Ruandas, aber nichts konnte die direkte Begegnung mit der Bevölkerung ersetzen. Törichterweise stellte ich mir ein sehr gewalttätiges, chaotisches Land, voller Lärm und unter ständiger Spannung vor. Als ich ankam, überraschten mich sofort die Stille, die Freundlichkeit, die Sauberkeit und die Ordnung. Ich war von friedlichen Gesichtern umgeben, die Hügel waren mit Nebel bedeckt, der ein Gefühl der Ruhe ausstrahlte. Die erste Reise war eine unglaubliche Offenbarung und überzeugte mich, dieses schöne filmische Abenteuer zu wagen.

Choreografierte Lebensfreude

Interviews zum Film «Notre-Dame du Nil» mit ScholastiqueInterviews mit Scholastique Mukasonga und Atiq Rahimi

Regie: Atiq Rahimi, Produktion: 2019, Länge: 93 min, Verleih: trigon-film

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