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Selbstbestimmt sterben

Ansichten über Leben, Sterben und Tod haben sich im Verlauf von Jahrhunderten der Geschichte drastisch verändert. Heute ist vermehrt Selbstverantwortung gefordert.

In ihrem Buch Über selbstbestimmtes Sterben zeigen Dr. theol. Heinz Rüegger und Dr. med. Roland Kunz, beides Fachleute auf dem Gebiet unter anderem der palliativen Geriatrie, das Problem von hauptsächlich drei verschiedenen Seiten. Sie vertreten stark die Meinung, dass gegenwärtig der Selbständigkeit, der Selbstverantwortung und der Selbstbestimmung der Patientinnen und Patienten eine entscheidende Bedeutung zukommt, wenn es darum geht, sich für oder gegen lebensverlängernde ärztliche Interventionen und medikamentöse Therapien zu entscheiden.

Ein Aspekt besteht im Fortschritt in der Medizin. Er zeigt sich vor allem in der Entwicklung medizintechnischer Massnahmen und ärztlicher Behandlungsmöglichkeiten, die sowohl technisch besser machbar als auch bezüglich Heilung wirksamer werden. Eine Bypass-Operation oder das Setzen eines Stents in einem Gefäss ist unproblematisch geworden. Gegen alle möglichen an sich tödlich verlaufenden organischen Unzulänglichkeiten gibt es immer bessere Medikamente. An sich ein positiver Verlauf, der erst zum Problem wird, wenn das Leben nicht mehr als solches empfunden und bezeichnet werden kann, weil die Lebensqualität lediglich noch zum unbewussten, vermutlich erlebnislosen Vegetieren wird. Selbst an sich unheilbare Krankheiten lassen sich so lange Zeiten mit zumutbaren Beschwerden überleben. Man könnte davon sprechen, dass mithilfe ärztlicher Kunst und pharmazeutischer Forschung und Produktion dem Sterben ein Teil seiner ursprünglichen Natürlichkeit verloren gegangen ist.

«O Herr, gib jedem seinen eignen Tod.
Das Sterben, das aus jenem Leben geht,
darin er Liebe hatte, Sinn und Not.»

Das schrieb R. M. Rilke in seinem Stundenbuch (Drittes Buch, 1903). Es könnte das erste Mal sein, dass der Gedanke des eigenen Todes, eine erste Form von selbstbestimmtem Sterben dem traditionellen «Bedenke, dass wir sterben müssen» gegenübergestellt wird. Das «memento mori», das im christlichen Abendland seit den Kirchenvätern geläufiges Gedankengut geworden ist, wenn auch in verschiedensten Formen und Ausprägungen, wird – immer nach den Worten der Buchautoren – gewandelt zur Tugend der «ars moriendi», der Kunst, sterben zu lernen, die parallel zur «ars vivendi», zur Lebenskunst steht. Diese Auffassung, der zweite Themenkreis des Buchs von Rüegger und Kunz, ist nicht unbestritten. Thomas Mann beispielsweise lässt den im Schneesturm verirrten Hans Castorp (Zauberberg) ausrufen: «Um des Lebens willen soll der Mensch keinen Gedanken an seinen Tod verschwenden» (aus dem Gedächtnis vielleicht ungenau zitiert). Es gab und gibt die Auffassung, der Tod sei der Feind des Lebens, nicht dessen natürliche endliche Folge.

Im Zusammenhang mit der Selbstverantwortung steht der dritte Hauptmotiv-Kreis. Angesichts der Möglichkeit, mit zunehmendem Alter und damit verbundener Demenz die Handlungsfähigkeit teilweise oder ganz zu verlieren, ist es notwendig, ein Beziehungsgeflecht von Nächsten, Angehörigen, sogar medizinischen Fachleuten zu bilden, die rechtzeitig und nicht erst im finalen Lebenszeitraum daran geht, den Willen der Betroffenen zu ergründen. Medizinische Informationen – was kann man tun, was bewirkt es, welche Nebenwirkungen sind zu befürchten – sollen beurteilt werden, und der frei bestimmte Wille der betroffenen Patientin soll auf diese Weise auch einem Stellvertreter oder einer Delegierten so klar sein, dass er ihn gegebenenfalls äussern kann, ohne allenfalls von persönlichen Ansichten und Bedürfnissen beeinflusst zu sein.

Unbestritten, dass bei aller Selbstverantwortung und Selbstbestimmung auch der assistierte Suizid eine Rolle spielt. Das vorliegende Buch verdrängt diese Möglichkeit nicht. Die Autoren sind allerdings keinesfalls bereit, sie als geläufiges Sterbemodell zu verteidigen. Noch immer ist es möglich, den natürlichen Tod zu wählen, das natürliche Sterben geschehen zu lassen. Voraussetzung ist der Verzicht auf künstliche lebensverlängernde Massnahmen. An ihre Stelle tritt die palliative Pflege. Sie bedeutet medizinische Hilfen zur Linderung der Schmerzen, die nach Absetzen von Medikamenten oder wegen nicht durchgeführten chirurgischen Eingriffen das Sterben zur Qual werden lassen könnten.

Die Autoren verschweigen auch verschiedene Schwierigkeiten nicht, die im Zusammenhang mit selbstverantwortetem, selbstbestimmtem Sterben stehen können. So ist zum Beispiel ausführlich die Rede von der Überforderung von Patientinnen und Patienten, aber auch von Zumutungen, die an sie herangetragen werden. Was, wenn die Krankenkasse in hohem Alter stehende todkranken Patienten die Kostengutsprache für eine erwünschte lebensverlängernde Behandlung verweigert? – Das Radio sendete schon in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts ein Hörspiel von Elias Canetti mit dem Titel «Einundzwanzig». Thema war eine Dystopie, die erzählt, wie der Staat jeden und jede der Neugeborenen mit einer Zahl tauft, die angibt, in welchem Alter er oder sie zu sterben hat. «Einundzwanzig» wehrt sich dagegen und löst eine Revolution aus. So weit kommt es kaum, doch der Anspruch der Gesellschaft – und vielleicht sogar von nächsten Angehörigen – an die todkranken Alten könnte die angestrebte Selbstbestimmung unter Umständen künftig stark infrage stellen.

Keine Frage, das Buch von Rüegger und Kunz behandelt ein wichtiges Thema der Gegenwart. Grosses Gewicht legen sie auf verständliche Informationen durch Ärzte und Pflegende sowie auf Patientenverfügungen und weiterführende verbindliche Weisungen wie «Advance Care Planning» für den Fall, dass der vor dem Sterben stehende Mensch nicht mehr kommunikationsfähig ist. Es entspricht der Entwicklung der Autonomie des Menschen unserer Zeit, dass er planvoll, überlegt und mit informiertem Bewusstsein an die Gestaltung seines Lebens herangeht und nicht vergisst, das Sterben in diese Planung einzubeziehen, denn Tod und Sterben gehören zum Leben wie Geburt und erste Atemzüge. Dass die Autoren das Thema sachlich, überlegt und mit einer überzeugenden Kombination von Information und Reflexion, aber auch mit viel Gespür angehen, macht die darin diskutierten Überlegungen sehr lesenswert und überaus hilfreich – nicht nur, wenn man vielleicht bezüglich Alter oder Gesundheitszustand zu den Betroffenen gehören könnte. Zahlreiche Anmerkungen verweisen wissenschaftlich Interessierte auf ein umfangreiches Literaturverzeichnis, und besonders dankbar ist man für die verständliche Erklärung verschiedener Fachausdrücke im Glossar des Anhangs.

Verlag rüffer & rub, Zürich 2020, ISBN 978-3-906304-70-0

Siehe auch Zum guten Leben gehört das gute Sterben
und Interview mit Dr. med. R. Kunz

2 Kommentare

  1. Manchmal steht man dem Tod mir nichts dir nichts gegenüber. Ein menschlicher Engel, -wie bei mir vor kurzem- in Form einer Rettungsschwimmerin brachte mich bis zur «Ausstiegstreppe». Ich haette mich zwar / evtl. einfach durch die Strömung «fahren lassen» können,um in der Folgebucht so oder so «auszusteigen». Hilfe gebende (weitaus jüngere) Menschen gab es indessen-wie einst- genug, sie waren viel viel cleverer als ich, sie kamen einfach so, wie die Engel ohne Paradies. So gesehen war es eine kurze Darstellung des Todes, der früher oder spaeter den «Befehl Gottes» übermitteln wird.
    Indessen bin ich -wie es auch meine Töchter wollen- gar nicht dazu bereit, einfach so -mir nichts dir nichts- «Adieu mein Heimatland» zu sagen, das taete mich -ehrlich gesagt- schüli plagen. «Mache die Runde ohne Unterlass, bis zur allerletzten Stunde, wann und wo das immer auch geschehen sollte.
    Ich weiss nicht, ob meine Zeilen irgendwie inspirierend waren, oder für Sie gültig werden nach langen, langen Jahren. Auf jeden Fall wünsche ich allen (Mit-)Seniorinnen und Senioren einen möglichst abwechslungsreichen Lebensabend.

  2. Für mich ist selbstbestimmtes Sterben eine absolute Selbstverständlichkeit. Leider ist immer noch nicht selbstverständlich, dass die Ärzte und so mancher Verwandte sich an diesen wichtigen Wunsch halten, weil sie es «besser» wissen als der Sterbende selbst. Oft wird «dank» der Medizin nur das Leiden verlängert und nicht das Leben bzw. die Lebensqualität, auf die es schließlich ankommt und die für jeden Menschen anders aussieht.

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