FrontKulturKurz und bündig: Der Bauernkrieg

Kurz und bündig: Der Bauernkrieg

Der Autor und Historiker Éric Vuillard hat den Reformator Thomas Müntzer samt zweihundert Jahren europäischer Reformationsgeschichte in ein besonderes Prosastück von 64 Seiten gepackt: Lesen lohnt.

Die Spezialität, die sich der französische Schriftsteller Éric Vuillard für seine Schreibarbeit ausgesucht hat, ist der historische Roman, allerdings fokussiert und verknappt auf besondere Momente der Geschichte. Der Krieg der Armen beginnt mit dem kränklichen Bub Thomas Müntzer, dessen Vater gerade erhängt wird, er endet gut sechzig Seiten später mit dem Reformator und Revolutionär Thomas Müntzer bei dessen Enthauptung.

Aber Müntzer (1489 – 1525), Zeitgenosse des weit weniger revolutionären Reformators Martin Luther, hat einen Vorläufer in England. Die Reformationsgeschichte beginnt mit John Wyclif im 14. Jahrhundert: «John Wyclif hatte die Idee von einer direkten Beziehung zwischen den Menschen und Gott. Aus dieser Idee folgt logisch, dass sich mithilfe der Heiligen Schrift jeder selbst zurechtfinden kann.» Also brauche es keine Prälaten, aber die Bibel in der Sprache des Volkes. Und der Theologe Wyclif denkt noch mehr Unerhörtes, nämlich «um endgültig alle vor den Kopf zu stoßen, verwarf er die Transsubstantiation als geistige Verirrung. Und zu guter Letzt hatte er seinen allerschrecklichsten Einfall und predigte die Gleichheit aller Menschen.»

Éric Vuillard, der französische Historiker, Cineast und Autor schreibt nicht objektiv, jedoch sachgerecht über unerhörte Begebenheiten der Historie.

Vuillard hält sich nicht beim Diskurs auf, er bringt auch die drastische Vergewaltigung eines Bauernmädchens durch den Steuereintreiber aufs Tapet: «Sie ist fünfzehn. Sie ist hübsch. Sie ist der Wert schlechthin. Doch die Sprösslinge der Armen sind nichts wert.» Ihr Vater Wat Tyler bringt den Unhold mit der Axt um und setzt sich – ehemaliger Soldat – an die Spitze der revoltierenden Bauern.

Die Befreiung der Geknechteten von den Mächtigen endet im Desaster. Der Theologe Wyclif stirbt einsam, wird vierzig Jahre später vom Konzil von Konstanz verurteilt, sein Leichnam wird exhumiert und verbrannt. Als Ketzer verurteilt das Konzil auch den charismatischen Kirchenkritiker Johannes Hus und lässt ihn lebend auf dem Scheiterhaufen verbrennen.

Diese Vorgeschichte ist eine Art Aufwärmszenario zum Geschehen um den hochgebildeten Theologen, den scharfen Kirchenkritiker und den zornigen Revoluzzer Thomas Müntzer, der sein Leben als Anführer aufständischer Bauern in der Schlacht von Frankenhausen, wo die mit Speeren, Messern, Dreschflegeln und anderem profanen Werkzeug ausgerüsteten Haufen gegen eine Phalanx von gut bewaffneten Kriegern im Dienste der Obrigkeit – Klerus und Adel – keine Chance haben.

Thomas Müntzer, Theologe, Drucker, Reformator und Revolutionär mit dem Buchcover «Krieg der Armen», auf dem Hintergrund des Bauernkriegs collagiert von Arndt Stroscher.

Einen «literarischer One-Night-Stand» nennt Rezensent Arndt Stroscher in seiner Literarischen Sternwarte Astrolibrium den Text von Eric Vuillard, auch er überzeugt, dass dem Schlawiner aus der Historikerzunft das Unmögliche gelingt, nämlich den Reformator Thomas Müntzer überzeugend zu porträtieren. Er berichtet von Müntzers Kampf gegen die Ungerechten und die Verlogenen, vom «protokommunistischen Reformator», als den ihn Ernst Bloch, der Philosoph gesehen hat.

Wiclyf, Hus und Müntzer sind historisch verbriefte Personen der Reformationsgeschichte. Genau wie ihre Gegner in Adel und hoher Geistlichkeit auch. Vuillards Geschichte fokussiert auf die dramatischen Momente ihres Lebens und Wirkens, die für ihre Zeit unglaublich ketzerischen Ideen, der Kampf gegen Kirche und Klerus in den heissesten Augenblicken, der Moment des gewaltsamen Tods.

Vuillard schreibt polemisch und poetisch, immer aber engagiert und mit der Quellenlage im Kopf. Seinen Protagonisten Müntzer zitiert er aus dessen Schriften: «Liebe Brüder, lasst euer Warten und Zaudern, es ist Zeit, der Sommer ist vor der Tür. Wollet nicht Freundschaft halten mit den Gottlosen, sie hindern, dass das Wort nicht wirke in voller Kraft. Schmeichelt nicht euren Fürsten, sonst werdet ihr selbst mit ihnen verderben.» Vuillard folgert, Müntzer sei gewalttätig: «Er ruft hier und jetzt zum Reich Gottes auf, ein Ausbund an Ungeduld,» und zieht den Schluss: «Ja, so sind die Empörten, eines schönen Tages quellen sie aus dem Kopf der Völker wie die Gespenster aus den Wänden.»

Aufständische Bauern mit Bundschuhfahne umzingeln einen Ritter. Holzschnitt des sog. Petrarca-Meisters aus dem Trostspiegel, 1539.

Der historische Roman ist nicht des Historikers und Cinéasten Vuillards Ding. Die Berücksichtigung jeden Details aus den Quellen, die Erfindung von nötigen Nebenfiguren überlässt er den dicken Schinken des Genres. Nur die absolut wichtigen Augenblicke werden thematisiert. Dann, wenn die charismatischen Prediger und mitreissenden Revolutionäre als Führer der Armen denken und reden, beten und schreien. Das erzeugt eine emotionale, bisweilen emphatische Prosa, eine Art Heldenepos, wobei der Ich-Erzähler, der hier wohl mal mit dem Autor gleichgesetzt werden darf, ohne Hemmungen auch auf das Heute verweist – sich und uns mit der gewöhnlichen Alltagssprache einbeziehend. Diese engagierte, locker wirkende, aber mit absoluter Sorgfalt gesetzte Prosa hat Nicola Denis adäquat ins Deutsche übertragen.

Mit der Streitschrift «Wider die Mordischen und Reubischen Rotten der Bawren» ruft Martin Luther1525 die Fürsten auf, die Bauernaufstände niederzuschlagen.

Dem Sog, der durch einen solchen Text erzeugt wird, kann sich kaum ein Leser entziehen, das Buch ist ein Konzentrat, das in eine aktuelle Welt greift, an Flüchtlinge und Hungernde denken lässt, die in einer globalisierten Welt zwar fern und dennoch gleich um die Ecke ihr menschenunwürdiges Leben fristen. Der Vorwurf mancher Buchkritiker, Vuillard habe den Krieg der Armen schon länger in der Schublade gehabt und das Buch im Zusammenhang mit der Protestbewegung der Gilets Jaunes veröffentlicht, muss uns nicht kümmern. Sicher ist, dass die Aufstände des unterdrückten Volks und die reformatorischen Bewegungen ohne den Buchdruck nicht denkbar gewesen wären. Und dass dieser poetisch-sinnliche Bericht aus der Reformationszeit ein Lektüreerlebnis ermöglicht, das weit über die benötigte Zeit des Lesens hinaus nachhaltig wirkt.

Éric Vuillard: Der Krieg der Armen. 64 Seiten. Verlag: Matthes & Seitz Berlin, 2020 ISBN: 978-3-95757-837-2
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itelbild: Bauern geben einem geistlichen Herren den Zehnt ab
Auf Seniorweb finden Sie ausserdem die Buchbesprechung von Éric Vuillard: Die Tagesordnung.

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