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Zurück ins Leben finden

Trauernde brauchen Zeit und Möglichkeiten, ihr seelisches Gleichgewicht wiederzufinden. Trauertreffs, Zusammenkünfte für Hinterbliebene, laden Betroffene an verschiedenen Orten im Kanton Aargau ein, durch Gemeinschaft, Gespräche und Austausch den Weg zurück ins Leben zu finden.

Die ersten Trauertreffs im Aargau fanden vor bald zwanzig Jahren in Baden statt. Der Trauertreff ist ebenso wie Hospiz Ambulant und Hospiz Stationär ein Teilbereich des Vereins Hospiz Aargau, der sich für Menschen am Ende des Lebens einsetzt und Angehörige entlastet. Der Verein wurde 1994 von Luise Thut gegründet, die durch die Bekanntschaft mit Elisabeth Kübler-Ross, Pionierin der Hospiz-Bewegung, die Idee im Aargau verwirklichte. Nach zehnjähriger Erfahrung in ambulanter Hospizarbeit konnte das Hospiz an der Reuss im ehemaligen Kloster Gnadenthal in Niederwil eröffnet werden. 2010 zog das Hospiz in das ehemalige Spital in Brugg, wo mehr Räume zur Verfügung standen, und wo heute auch die Trauertreffs stattfinden.

Für dieses Gespräch habe ich mich mit der Trauerberaterin Gisela Meinicke im Stübli des Hospiz in Brugg getroffen.

Wie sind Sie zur Trauerberatung gekommen?

Gisela Meinicke: Ich arbeitete seit 2006 zuerst als ambulante Sterbebegleiterin, dann auch als Trauerbegleiterin im Hospiz. Seit vier Jahren betreue ich nur noch den Trauertreff und führe meine Praxis für psychologische Beratung in Brugg. Als Quereinsteigerin, ursprünglich war ich Biologin, begann ich im Jahr 2000 eine nichtuniversitäre Ausbildung im psycho-sozialen Bereich.

Das Thema Sterben hatte mich schon als Kind beschäftigt. Als ich vierunddreissig war, verlor ich meinen Mann durch Suizid. Es war eine einschneidende Erfahrung, die ich recht gut verarbeiten konnte und die in mir den Wunsch weckte, andere Menschen in einem weniger guten Umfeld zu unterstützen. Ich machte eine Weiterbildung als Sterbe- und Trauerbegleiterin und kam so zum Hospiz.

Hier werden Sterbende von Freiwilligen betreut. Nur so ist das Hospiz, das zum grossen Teil über Spenden finanziert wird und ohne Profit arbeitet, möglich. Für die Sterbebegleitung sind vor allem eigene Erfahrungen, eventuell Pflegeerfahrung und vor allem Empathie Voraussetzung. Im stationären Bereich ist ein professionelles Pflegeteam fest angestellt, unterstützt von freiwilligen Helferinnen und Helfern.

Wo befinden sich die Trauertreffs und wie sind sie organisiert?

Die Trauertreffs ermöglichen neue soziale Kontakte, sind kostenlos, offen und religionsneutral. Man muss sich nicht an- oder abmelden. Sie finden in Brugg und Bad Zurzach zweimal im Monat statt. In Aarau ist ein Trauer-Café einmal im Monat geöffnet und verlangt einen kleinen Unkostenbeitrag für Kaffee und Kuchen. In der Regel kommen ein bis drei Personen, in letzter Zeit in Brugg sogar sieben, die sich so gut verstehen, dass sie auch ausserhalb des Treffs miteinander abmachen. Manchmal sind neue Interessierte enttäuscht, wenn nur ein bis zwei Personen anwesend sind, sie erhofften sich neue Kontaktmöglichkeiten. Die Teilnehmenden kommen nicht nur aus Brugg, sondern aus der ganzen Umgebung, auch aus den Kantonen Solothurn und Zürich.

Es braucht sicher Mut, sich der eigenen Trauer zu stellen, wer besucht die Trauertreffs?

Es nehmen sowohl Frauen als auch Männer jeden Alters am Trauertreff teil. Alle haben einen schmerzhaften Verlust erlitten. Es ist nicht nur der Tod von Angehörigen, es kann auch jemand kommen, der einen sterbenskranken Angehörigen hat und sich auf den Verlust vorbereiten möchte. Es kann auch eine Trennung in der Partnerschaft sein, der Verlust eines geliebten Haustieres oder der Arbeitsstelle, das alles ist schwierig und schmerzhaft. Willkommen ist beispielsweise auch eine Person, die nach dem Tod des Vaters nicht trauern konnte und nun, Jahre später bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen.

Im Trauertreff tauscht man sich im geschützten Umfeld über das aus, was man fühlt, wie es einem geht, was Mühe bereitet. Es ist wertvoll, mit anderen vorurteilslos zu reden, das Geschehene gemeinsam zu verarbeiten und wieder neuen Mut zu fassen. Wenn gewisse Anliegen für die Gruppe zu schwierig werden, sind auch Einzelberatungen möglich.

Wie verläuft ein Abend und welchen Hintergrund haben die Trauerberater?

Wir begleiten die Gruppe immer zu zweit, auch zwei Männer gehören zum Begleitteam. Alle arbeiten freiwillig und bringen eigene Lebens- und Trauererfahrung mit, zum Teil auch eine psychologische Ausbildung oder Erfahrungen aus Pflegeberufen. Alle haben eine Weiterbildung in Trauerarbeit gemacht.

Unsere Aufgabe ist vor allem zu moderieren. Wir beginnen die Trauertreffs mit einem Anfangsritual, indem wir an einen Verstorbenen denken und ihm eine Schwimmkerze in der Wasserschale anzünden. Als Einstieg lesen wir einen Text vor oder legen Fotos aus, um das Gespräch in der Gruppe zu erleichtern. Wer mag, kann zum Text oder zum ausgewählten Bild etwas sagen, was aber nicht zwingend ist. Am wichtigsten ist, dass die Trauernden Vertrauen bekommen. Am Anfang ist die Stimmung meistens traurig, durch das Sprechen und auch Nachfragen löst sich die Anspannung. Manchmal weinen wir, aber wir lachen auch, das gehört dazu. Wichtigstes Ziel ist, aus der Trauer wieder ins Leben zurückzufinden.

Ansicht vom Hospiz in Brugg. Foto: Hospiz Brugg

Die Gruppen sind unterschiedlich zusammengesetzt und decken verschiedene Phasen der Trauer ab. Die einen sind schon seit einem Jahr dabei, andere kommen neu dazu. Am Anfang ist man so unendlich traurig und sieht mitunter keinen Sinn mehr im Leben. Doch durch die erfahreneren Gruppenmitglieder erkennt man, dass sich die Trauer verändert, man wieder mehr aus sich herausgehen kann und es mit der Zeit leichter wird.

Kommen auch Hinterbliebene, die jemanden durch Suizid verloren haben?

Eine Mutter, die ihre Tochter durch Suizid verloren hat, eine Frau, die ihre Schwester, ihren Bruder oder eine Kollegin verloren hat – nach dem Tod bleiben Leere und Schmerz, auch Schuldgefühle, warum habe ich nichts gemerkt oder gemacht? Bei Suizid gibt es für Hinterbliebene eine spezielle Organisation Verein Refugium mit geschlossenen Selbsthilfegruppen. Aber auch bei uns kann man darüber reden, niemand wird verurteilt. Angehörige von Menschen, die etwa mithilfe von Exit gestorben sind, kamen bisher nicht zu uns. Sie haben manchmal grosse Probleme mit diesem Entscheid. Dabei wäre es auch für sie eine Möglichkeit, darüber zu sprechen.

Offener Trauertreff für alle, auch für Asylsuchende?

Offener Trauertreff heisst, für alle offen, egal ob jung oder alt, unabhängig von der Religion, dennoch haben Glaubensfragen Platz. Auch Ausländer, auch Asylbewerber sind willkommen, aber bisher nicht erschienen, sie müssten unsere Sprache genügend verstehen und sprechen. Auch sie haben einen grossen Verlust erfahren, ihre Heimat verloren. Es kann auch vorkommen, dass man jemanden vermisst oder jemand verschwunden ist, auch für diese Menschen ist unsere Tür offen.

In der Gesellschaft spricht man nicht so einfach über die Trauer

Es ist nicht selbstverständlich, über seine Trauer zu reden, besonders mit Menschen, die diese Erfahrung nicht gemacht haben. Gutgemeinte Sprüche, wie schau mal vorwärts oder die Zeit heilt Wunden sind nicht tröstend. Viele kommen und sagen, ich mag doch nicht immer meine Kinder belasten, die arbeiten und stehen im Leben. Im Trauertreff wissen sie, sie belasten niemanden, allen ist klar, um was es geht. Der Trauertreff ist wie eine Insel im Alltag.

Fotos: rv

In Brugg finden die Trauertreffs zweimal im Monat am 1. und 3. Donnerstag von 18.30 bis 20.30 Uhr statt, in Bad Zurzach am 1. und 3. Montag im Monat um dieselbe Zeit. In Aarau gibt es ein Trauer-Café jeweils am 2. Sonntag von 14.30 bis 17.00 Uhr mit einem Unkostenbeitrag für Kaffee und Kuchen von 12.- Franken, mehr dazu hier.

Leider können die Trauertreffs zurzeit wegen Corona nicht stattfinden. Aber auf der Webseite des Hospiz Aargau wird eine Trauer-Hotline für Einzelgespräche, auch per Zoom, Skype oder WhatsApp angeboten.

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