FrontKulturEine Insel inmitten von Krieg

Eine Insel inmitten von Krieg

«Krieg und (falscher) Frieden. Aus der Sammlung: Schweizer Kunst der Kriegsjahre 1939-1945.»  Unter diesem Titel zeigt das Kunstmuseum Solothurn Werke, die widerspiegeln, was die Menschen in jener Zeit bewegte.

Wie haben Kunstschaffende der Schweiz auf die damalige Kriegsbedrohung reagiert? Spiegeln sich in ihren Gemälden Angst und Sorge – oder haben sie sich eine Gegenwelt ausgemalt? Nach diesen Gesichtspunkten wählten Christoph Vögele und sein Team Werke aus, die sich in der Sammlung des Kunstmuseums Solothurn befinden – es ist eine beachtliche Zahl von Gemälden aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs.

Das Kunstmuseum lebte und lebt von der Grosszügigkeit Solothurner Sammlerinnen und Sammler sowie von der Unterstützung von Stiftungen. Persönlichkeiten wie Josef Müller, Gertrud Dübi-Müller und Walter Schnyder haben mit ihren Schenkungen bzw. Stiftungen nicht nur dem Museum einen Dienst erwiesen, sondern auch ihre Künstlerfreunde durch Aufträge unterstützt. Denn der Kunstmarkt in der Schweiz fand damals nur in kleinstem Rahmen statt, wenn er nicht total zusammengebrochen war.

Zu diesen Malern gehörten unter anderen Ernst Morgenthaler (1887–1962), Max Gubler (1898–1973) und Maurice Barraud (1889–1954). Wer sich nun ihre Werke anschaut, staunt: Die Bildwelten dieser Künstler könnten unterschiedlicher nicht sein: Barrauds friedliche Szenen stehen im Kontrast zu der spürbaren Melancholie von Morgenthaler und Gubler. Sprechend sind einige Gemälde von 1945, die das Ende des Schreckens kommentieren.

Maurice Barraud (1889–1954), Abfahrt, 1944, Öl auf Leinwand, 98 x 131,5 cm, Kunstmuseum Solothurn, Dübi-Müller-Stiftung

Da sind die heiteren Farben von Maurice Barraud, junge Mädchen auf einer Velotour am See. – Könnte es der Bodensee sein? Auf der Südseite dürfen die beiden einen Ausflug machen. Hinter den Hügeln der Nordseite wütet der Krieg, von dem man hier nichts sieht. – Ist da nicht neben dem Vergnügen auch etwas Trotz: Die jungen Leute wollen sich ihre Lebensfreude nicht nehmen lassen. – Das klingt doch sehr aktuell!

Max Gubler (1898–1973), Grosses Interieur bei Nacht, 1939, Öl auf Leinwand, 129 x 160 cm, Kunstmuseum Solothurn, Max Gubler-Stiftung

Dann das Gemälde von Max Gubler Grosses Interieur bei Nacht. Hier hockt das Grauen in jeder Person. Die niedergedrückte Haltung des sitzenden Künstlers, er scheint den Pinsel fast nicht halten zu können; die Frau im roten Gewand, deren Gesicht wie leer wirkt, nur die furchterfüllten runden Augen starren uns an; im Hintergrund eine ältere Frau, der alles Lebendige aus dem Gesicht gewichen ist – sie könnte auch ein Geist sein, zu Besuch in diesem angsterfüllten Raum. – Die hier wiedergegebene Kopie kann die Magie dieses Bildes im Saal des Museums nicht vollkommen wiedergeben.

Ernst Georg Rüegg (1883–1948), Scheue Tiere nähern sich dem entvölkerten Dorfe, 1943–45, Öl auf Leinwand, 71,5 x 97 cm, Kunstmuseum Solothurn, Josef Müller-Stiftung

Kriegsbilder zeigen oft Trümmer, zerstörte Städte – aber auch ländliche Szenen können die Folgen eines Krieges ins Bild fassen. Ernst Georg Rüegg (1883–1948) malte Scheue Tiere nähern sich dem entvölkerten Dorfe. Von 1943 bis 1945 arbeitete der Maler an diesem Bild. Die Besucherin muss an eine historische Darstellung des Krieges in der Literatur denken, an J. Chr. Grimmelshausen und seinen Simplicius Simplicissimus, eine breite und lebendige Darstellung des Dreissigjährigen Krieg (1618 bis 1648). Dort liest man von entvölkerten Orten und von Tieren, die verstört und verloren umherlaufen. – Ein Gemälde, das die Verheerungen jedes Krieges plastisch vor Augen führt, gerade auch durch die düsteren Farben. Wiederum, so traurig es ist, ein absolut aktuelles Thema!

Max von Moos (1903–1979), Maske (blau), 1943, Tempera auf Karton, beidseitig bemalt, 29,5 x 21 cm, Kunstmuseum Solothurn

Der rötliche Himmel auf nicht wenigen Bildern zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Es erschliesst sich eigentlich nicht, ob es sich um Morgenrot oder Abendrot handelt. Eindeutig scheint das Rot eine Bedrohung auszudrücken, nicht die Heiterkeit eines abendlichen Sonnenuntergangs. Vielleicht zuweilen der Widerschein brennender Städte jenseits der Grenze.

Für Mitte Mai 2021 ist im Grossen Oberlichtsaal eine musikalische Darbietung des Orion-Ensembles vorgesehen, das auf die Jahre des 2. Weltkriegs Bezug nimmt: Die Musiker werden das Streichsextett aus der 1942 uraufgeführten Oper Capriccio von Richard Strauss (1864–1949) spielen. Während der Grausamkeiten des Nazi-Regimes hatte der deutsche Komponist ein Werk geschaffen, das mit dem Rückgriff auf den Wohlklang des Rokoko der damaligen Realität diametral entgegenstand.

Informationen zur Ausstellung und dem Begleitprogramm

Krieg und (falscher) Frieden. Aus der Sammlung: Schweizer Kunst der Kriegsjahre 1939-1945. Kunstmuseum Solothurn, Oberlichtsaal 1. Stock. Bis 15. August 2021

Sehr empfehlenswert ist die Hauptausstellung im Erdgeschoss:
Claudio Moser: Gegen Osten. Werke von 1995 bis 2020.

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