Verluste

Weihnachten ist das Fest der Liebe, der Versöhnung, der Familie. Nicht nur für die Geschäfte ist Weihnachten ein Segen, weil alle für ihre Liebsten Geschenke einkaufen. Auch die Restaurants profitieren von diesem Gefühl des Miteinanders, des «Danke Sagens. Und für einmal sind sogar die Kirchen voll!

Christi Geburt feiern wir seit über 2000 Jahren. Da kam nicht nur ein Kind, sondern auch die Heilsbotschaft auf die Welt: „Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst“. Und er kam nicht als Königskind, sondern ganz bescheiden, ja in ärmlichen Verhältnissen zur Welt, in einem Stall, in einer Krippe, an der auch die Tiere standen – es war ja ihre Krippe. Kein Wunder, ist Weihnachten bis heute das Fest der grossen Spendenbereitschaft.

Weihnachtskrippe. Ein Sinnbild dafür, dass Arm und Reich eine Gemeinschaft bilden.

Gerade in dunklen Zeiten wie diesen ist dieses Gefühl des «Miteinanders» wichtig. In der Ukraine herrscht Krieg, mutwillig werden dort nicht nur die Lebensgrundlagen der Menschen zerstört, sondern auch die Menschen selbst, die frei und unabhängig leben wollen. Wir sollten die symbolische Kraft des «Festes der Liebe» nutzen und der gebeutelten Ukraine unsere Solidarität kundtun. Warum nicht über eine Facebook-Gruppe «Solidarität mit der Ukraine»?

Facebook verbindet

Wie gut so eine Solidaritätskundgebung über Facebook funktioniert, zeigt eine schöne Weihnachtsgeschichte, von der ich im Internet las. Sie ereignete sich in den USA, genauer in einem Vorort von Cincinatti im US-Bundesstaat Ohio. Die «New York Times» berichtete im September 2018 darüber.

Die Geschichte drehte sich um die Familie Allen, deren zweijähriges Kind Brody todkrank war. Es wucherten bereits fünf Tumore in seinem Körper, die Ärzte konnten ihn trotz Strahlentherapie nicht mehr retten. Sie mussten der Familie sagen, dass Brody das nächste Weihnachtsfest wohl nicht mehr erleben würde.

Weihnachtlich geschmückt, bereits im September: Eine ganze Strasse beteiligte sich an der Illusion für ein sterbendes Kind.

Da beschloss die Familie, dieses Jahr das Weihnachtsfest vorzuziehen und für einmal im September zu feiern. Doch Weihnachtsschmuck und bunte Zuckerstangen, wie sie die Kinder so mögen, sind im September noch keine zu kaufen. Da kamen die Eltern auf die Idee: Warum fragen wir nicht die Nachbarn?

Mutter Shilo gründete eine Gruppe auf Facebook und lud die Nachbarn ein, mit Brody zusammen Weihnachten zu feiern. Sie nannte die Gruppe «Team Brody» und bat um Hilfe bei der Dekoration. Schon bald entschieden viele Nachbarn, im September auch ihr eigenes Haus mit vielen Lichtern an der Fassade weihnachtlich zu schmücken. Schon bald waren sechs Häuser so geschmückt. Dann wurde die Presse auf die Aktion aufmerksam.

Eine Idee zieht weite Kreise

Schon bald waren es nicht mehr nur die Nachbarn, die Brody Weihnachtskarten und Geschenke vorbeibrachten. Die Facebook-Gruppe hatte schnell weit über 7000 Mitglieder. Und der Postbote klingelte fast täglich bei den Allens: «Wir haben gestern 25(!) Weihnachtskarten bekommen,» freute sich Mutter Shilo gegenüber der New York Times.

Die rührenden Gesten für den todkranken Zweijährigen kamen über Facebook aus aller Welt. Ein Beitrag in der Gruppe zeigt einen Weihnachtsmann aus Paraguay. Postkarten kamen aus Osteuropa, ausserdem gab es Glückwünsche aus Pakistan. Kinder sangen in einem Video für Brody den Weihnachts-Song «Jingle Bells». Der kranke Junge durfte sogar in einem Feuerwehr- und in einem Polizeiauto mitfahren! Die Familie konnte ihr Glück kaum fassen und bedankte sich über Facebook bei allen für diese grossartige Solidarität: «Diese Woche war etwas ganz Besonderes für uns – danke!»

Möge Licht und Geborgenheit auch traurige Herzen trösten.  

Wie schwer nur muss es sein, ein Kind zu verlieren und dann ohne es Weihnachten feiern zu müssen. Eine solche Tragödie hat auch meine Freundin Iris erlebt, als sie vor zwei Jahren ihre 23jährige hochbegabte Tochter durch Selbstmord verlor. Auf meine Frage, wie denn für sie die ersten Weihnachten «danach» waren, sagte sie mir:

Das war unvorstellbar, ja unbeschreiblich, ich habe noch heute kaum Worte für diese ersten Weihnachten. Ich wusste, es ist Weihnachten, und ich habe nur gehofft, diese Tage zu überleben. Mein Mann und ich sind mit meinem Cousin essen gegangen und ich weiss gar nicht, wie wir da durchgekommen sind. Es ist so schwarz und trostlos, dass Du es Dir kaum vorstellen kannst. Auch heute noch. Ich kann mich dem immer noch nicht in allen Facetten stellen. So hat zum Beispiel das Grab meiner Tochter noch immer keinen Grabstein. Ich kann keinen aussuchen, ich bin dazu einfach nicht in der Lage. Was sollte auch auf dem Grabstein stehen? «Geliebte Tochter» ?

Es ist mir ein grosses Anliegen, diese meine Weihnachtskolumne Iris und ihrer Tochter zu widmen. Mögen diese Weihnachten etwas Licht in ihr Dunkel bringen!

Alle Bilder pixabay


In der Weihnachtsserie «Feiern in dunklen Zeiten» bereits erschienen:

Bernadette Reichlin So viele düstere Wolken
Peter Steiger Chic oder Schock – Christbaum verkehrt herum
Maja Petzold Licht im Dunkel
Peter Schibli, Vom Himmel hoch…..

1 Kommentar

  1. Es sind immer Einzelschicksale, die auf Facebook grosse Wellen werfen, «Me too» ist ein gutes Beispiel dafür. Vielleicht können solche Gesten den Betroffenen helfen, in diesem Moment ihr Schicksal leichter anzunehmen, weil sie sich von anderen angenommen fühlen. Ich frage mich halt immer, sind solche Aktionen im Internet nachhaltig? Warum müssen es immer spektakulärere Gründe sein, damit die Öffentlichkeit sich damit beschäftigt? Und bleibt diese Solidarität auch, wenn der «normale» Alltag wieder Einzug hält?

    Im Grunde geht es im menschlichen Miteinander immer um Empathie und um die Fähigkeit jedes Einzelnen, über seinen eigenen Schatten zu springen und sein Ego zu überwinden. Ich glaube, dass der Mensch während seiner Evolution genau das lernen musste und muss, um überleben zu können. Also ist Mitgefühl nicht in erster Linie eine Sache des Herzens, sondern des Verstandes. Im Sinne von, geht es allen gut, geht es auch mir gut, angewandte Demokratie sozusagen.

    Sorry, aber ich halte nicht viel von «Gefühlsduseleien» um die Weihnachtszeit und von einer Einmalaktion auf Facebook oder anderen Medien. Für mich bedeutet die Weihnacht Rückbesinnung auf das Wesentliche in einer bewusst stillen Zeit. Das folgende Jahr wird mir zeigen, was es gebracht hat.

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