Małgorzata Mirga-Tas verbindet in ihren textilen „Malereien“ Vergangenheit und Gegenwart der Roma. Sie erzählt im Kunsthaus Bregenz Geschichten ihrer Gemeinschaft, geprägt vom Stolz auf die eigene Kultur.
Małgorzata Mirga-Tas ist eine faszinierende polnisch-romani Künstlerin und Aktivistin, die mit ihrer Arbeit nicht nur ästhetisch beeindruckt, sondern auch gesellschaftlich relevante Themen anspricht. Es geht ihr um Familie, Solidarität und Selbstermächtigung
Małgorzata Mirga-Tas, 2025. Foto: Miro Kuzmanovic. © Kunsthaus Bregenz, Małgorzata Mirga-Tas
Auch die aktuelle Ausstellung in Bregenz setzt Kunst als politisches und kulturelles Werkzeug ein. Die Künstlerin hat 2022 bei der Biennale von Venedig Polen vertreten und im laufenden jahr sowohl in Luzern als auch nun in Bregenz grosse Einzelausstellungen bekommen.
Frauen verzieren in einer kleinen Gruppe eine Jangarfigur
Mit Frauen aus ihrer Gemeinschaft nähte die Künstlerin Tischdecken und Bettwäsche, Kleidungsstücke und Vorhänge und weitere Textilien, gesammelt im Familien- und Freundeskreis, zu grossformatige Collagen zusammen. Mirga-Tas stellt Themen des Alltags aus feministischer Sicht dar.
Zuschauerinnen interessieren sich für die Herstellung der textilen Collage
Die Aktivistin berichtet aber auch von der oft stigmatisierenden und ausschliessenden Haltung der Mehrheitsgesellschaft gegenüber den Roma. Die Künstlerin schöpft aus der Tradition und zeigt den Reichtum ihrer Kultur auf.
Nomadisches Leben ist im Winter schwierig
Die Ausstellung Tełe Ćerhenia Jekh Jag (Unter dem bestirnten Himmel brennt ein Feuer) ist eine Erzählung über Migration und nomadisches Leben. Mirga-Tas zeigt Alltagsszenen zu Themen wie Gemeinschaft, Weiblichkeit, Freundschaft und Familie. Die Roma erobern als Romnja ihre eigene Kultur und Sprache zurück und kämpfen gegen die jahrhundertealten diskriminierenden Fremdbilder. Die Romnja sind die grösste europäische Minderheit (12 Millionen Menschen). Sie sind keine einheitliche Ethnie, sondern verschiedene Gruppierungen mit internationaler Herkunft.
Landschaft mit dem Fluss Biafka
Die Technik der Stoffcollage knüpft an die traditionelle Handwerkskunst an. Doch Mirga-Tas’ textile Kunst ist weit mehr als eine Hommage an traditionelle Frauenarbeit. Sie erhebt das Nähen in den Rang einer politischen Praxis. Diese Frauenfiguren sind nicht passive Akteurinnen, sondern Protagonistinnen ihres selbstgestalteten Lebens. Sie sehen Arbeit dank ihrer Kunst nicht nur als Last, sondern auch als Quelle von Identität und Gemeinschaft.
Ausstellungsansicht mit einem der Jangaren
Im ersten Obergeschoss befinden sich die Jangare, große Figuren aus Wachs, dunkel und monochrom. Ihre Körper wirken massiv und erinnern an archaische Standbilder der Antike oder an Idole. Sie sind keine Heldenfiguren, beschützen aber die Menschen. Jangare und Textilbilder werden durch die Frauen in Beziehung gesetzt. So vereinen sich Weben und Nähen zu einer magischen Verbindung von Textilkunst und Mythos
Das zweite Obergeschoss widmet Mirga-Tas dem Bild des Schmieds und seiner Bedeutung für die Gemeinschaft. Mein Großvater war Schmied, erzählt sie. Aus dem glühenden Eisen wird eine neue Form geschmiedet – eine Allegorie auf die Widerstandskraft der Romnja-Kultur. Trotz widriger Umstände, Armut und Ausgrenzung entstehen Kraft und Erneuerung.
Die Werkzeuge des Schmieds stehen für handwerkliches Geschick, aber auch für Überlebenskunst und Anpassungsfähigkeit.
Das oberste Geschoss entführt uns von neuem in eine Welt der Magie. Hier begegnen wir drei monumentalen Bären aus Wachs. Die mythischen Wesen finden sich auch in anderen Arbeiten, eingebettet in Landschaften oder, als tierische Freunde, nahe bei und mit den Menschen.
Der Bär als mythischer Begleiter
Für ihre Kunst hat Małgorzata Mirga-Tas eine einzigartige Bildsprache erschaffen: Eine Verbindung von Herkunftsgeschichte und Gegenwart, von individueller Erzählung und kollektivem Gedächtnis.
Frauen zeigen sich selbstbewusst und leben ihre Identität trotz aller Widrigkeiten.
Wer nicht genug bekommt, kann sich die Ausstellung nun mit nach Hause nehmen: Soeben ist der Katalog zur Ausstellung Małgorzata Mirga-Tas – Tełe Ćerhenia Jekh, herausgegeben vom Kunsthaus Bregenz, erschienen. Die Publikation bietet spannende Texte, Bildmaterial in leuchtenden Farben sowie Einblicke in den Arbeitsalltag und das Studio der Künstlerin.
Titelbild: Siesta mit zwei Bären
Bilder: Justin Koller © Małgorzata Mirga-Tas, Kunsthaus Bregenz. Courtesy of the artist, Foksal Gallery Foundation, Warschau, Frith Street Gallery, London, Karma International, Zürich
Romnja und Sintizze (Mehrzahl, weiblich) anstelle von Roma und Sinti sind die offiziellen Selbstbezeichnungen, die vom jeweiligen Zentralrat empfohlen werden.
Bis 28. September
Katalog: Małgorzata Mirga-Tas – Tełe Ćerhenia Jekh, hg. vom Kunsthaus Bregenz, Walther König Verlag, 2025. ISBN 978-3-7533-0829-6
Seniorweb hat über die Ausstellung in Luzern berichtet.


