Ein irrationaler Amoklauf witzig inszeniert: Regisseurin Claudia Bossard zeigt am Schauspielhaus Zürich mit «Graf Öderland» von Max Frisch ein turbulentes, ironisches Lehrstück eines gut situierten Wutbürgers, der aus der bürgerlichen Ordnung ausbricht und mit der Axt mordend radikale Freiheit sucht.
Ein Hauswart, erschlagen – ohne Grund, ohne Motiv, einfach so: Durch den Arbeitsalltag vom Leben entfremdet, greift der Bankangestellte zur Axt und mordet. Diese Tat erschüttert Staatsanwalt Martin nachhaltig. Im Mörder und dessen Tat sieht er sein eigenes Gefangensein in einer bürgerlichen Existenz gespiegelt. Schlagartig nimmt ihn eine Urangst gefangen, die ihn zur Flucht in die mythische Welt eines mysteriösen Alter Ego treibt: in die Welt von Graf Öderland. Als Graf Öderland beginnt Martin mit der Axt in der Hand einen Feldzug gegen den gesellschaftspolitischen Status quo. Doch am Ende entpuppt sich, was anfangs als gesellschaftlicher Befreiungsschlag erschien, als ein verzweifeltes und brutales Ringen um die eigene innere Freiheit. Max Frisch bezeichnete «Graf Öderland» als sein liebstes Stück. 1951 wurde es am Schauspielhaus Zürich erstmals aufgeführt und fiel beim Premierenpublikum durch. Danach hat Frisch es mehrfach umgeschrieben.
Mit etlichen helvetischen Anspielungen
Die Zuger Regisseurin Claudia Bossard zeigt auf der Pfauenbühne eine turbulente, ironisch gefärbte Inszenierung eines irrationalen Amoklaufs. Die Figuren purzeln von einer surrealistischen Situation in die nächste, sorgen mit slapstickartigen Einlagen für etliche Lacher. Geboten wird ein witziger Albtraum der Zivilisation, ein heiteres, unterhaltsames Bild eines traumatisierten Wutbürgers, der aus der bürgerlichen Ordnung ausbricht. Bossard versieht die Inszenierung augenzwinkernd mit etlichen helvetischen Anspielungen, so auf Wilhelm Tell, auf das Grounding der Swissair, auf die Übernahme der CS durch die UBS, auf Glencore und Co., verschafft so einen Bezug auf unsere aktuelle Gegenwart.
Henri Mertens im Häftlingsanzug spielt den schweigenden Mörder.
Zu Beginn sitzt der Mörder (Henri Mertens) im orangefarbenen Häftlingsanzug auf einem Stuhl in der Bühnenmitte, wird vom Verteidiger Doktor Hahn (Lukas Darnstädt) nach den Beweggründen seiner Mordtat befragt. Wild gestikulierend versucht er, entlastende Gründe zu eruieren. Vergeblich, ein erkennbarer Grund gibt es nicht. Staatsanwalt Martin (Thomas Wodianka), der selbst unter der Enge seines bürgerlichen Lebens leidet, fühlt sich vom Mörder magisch angezogen, verbringt schlaflose Nächte, verlässt seine Frau, gibt seine komfortable Position auf und greift schliesslich selbst zur Axt. Er landet im schneebedeckten Wald bei den Köhlern, verwandelt sich traumatisiert in Graf Öderland, der als Symbol für den Traum grenzenloser Selbstverwirklichung und Auflehnung gegen jede Form von Ordnung fungiert, und zieht mordend umher.
Eine grandiose Ensemble-Leistung
Gespielt wird auf einer nüchternen, dunkeln Bühne mit einer Hebewand, die im Verlauf des Abends hochgezogen wird. Gezielte Lichtelemente und Projektionen steuern das Geschehen, rücken die Agierenden ins Rampenlicht (Bühnenbild: Romy Springuths). Ob komödiantisch mit Slapstick, in rasanten Dialogen oder hochtrabenden Monologen, die Spielenden zeigen eine grandiose Ensemble-Leistung. Haften bleibt vorab der euphorische Monolog der Innenministerin (grossartig vorgetragen von Laina Schwarz) über Frieden, Freiheit, Sicherheit und Demokratie, während Bombendetonationen von Aufständischen draussen und Zwischenrufe von Graf Öderland im Publikum sitzend zu hören sind. Betörend die Szenen, in denen die Anhänger des Grafen ihre Äxte zu lauter Donnermusik in den Bühnenboden hämmern und der Graf selbst in einer Rock-Performance anstelle der Axt seine E-Gitarre malträtiert. Dass Graf Öderland am Ende alles nur geträumt haben will, aber schon längst tief in der Machtergreifung sitzt, manifestiert das Zitat am Schluss: «Wer, um frei zu sein, die Macht stürzt, übernimmt das Gegenteil der Freiheit, die Macht.» Ein gelungenes Lehrstück über einen Ausbruch aus der bestehenden Ordnung, der in die Illegalität führt und statt radikaler Freiheit neue Machtstrukturen provoziert. Dafür gabs am Premierenabend langanhaltenden Applaus.
Im Streitgespräch: Laiana Schwarz als Innenministerin und Thomas Wodianka als Graf Öderland.
Titelbild: Thomas Wodianka als Graf Öderland mit der Axt mordend unterwegs. Fotos: Elke Walkenhorst
Weitere Spieldaten: 3., 6., 12., 16., 26., 31. Oktober, 3. November


