StartseiteMagazinKulturVon Lausanne nach Paris, um ein Meister zu werden

Von Lausanne nach Paris, um ein Meister zu werden

Félix Vallotton starb vor 100 Jahren – für das Musée cantonal des Beaux-Arts in Lausanne ein Anlass, dem Künstler die grösste je realisierte Retrospektive zu widmen. Die Fondation Felix Vallotton, ebenfalls in Lausanne beheimatet, trägt wichtige Werke dazu bei.

Die Ausstellung folgt den Lebensstationen des Künstlers, zeigt seine künstlerische Entwicklung und gruppiert seine Werke entsprechend ihrer künstlerischen und thematischen Ausrichtung. Der jugendliche Félix zieht schon mit 16 (laut anderen Quellen: 17) Jahren nach Paris, um Malerei zu studieren. Orientiert er sich zuerst am Pariser Salon, damals die Referenz schlechthin, so entdeckt er später den Holzschnitt und wird darin ein  Meister. Bücher illustriert er ebenfalls – von seiner Kunst will er ja leben. 1893 schliesst er sich der Gruppe der Nabis an, die sich vom Impressionismus weg in Richtung Symbolismus und Art Déco entwickelt.

Ausstellungsansicht, links: Catherine Lepdor, Chefkonservatorin MCBA © René und Elisabeth Bühler

Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wandelt sich Vallottons Stil: Er wendet sich «realistischen Strömungen» zu, was für Vallotton bedeutet, dass er seine Gemälde – er malt von nun an nur noch -, genau komponiert, leuchtende Farben verwendet und damit weit über eine rein realistische Wiedergabe hinausgeht. Bis zu seinem Tod arbeitet er in völliger Unabhängigkeit, unbeirrt von Tendenzen, die gerade en vogue sind.

Ausstellungsansicht mit Katia Poletti, Konservatorin der Fondation Félix Vallotton, Lausanne. Rechts: Le bain au soir d’été (Leihgabe aus dem Kunsthaus Zürich)  © René und Elisabeth Bühler

1908 kommt er in Kontakt mit dem Winterthurer Ehepaar Hahnloser-Jaeggi; diese beginnen, seine Werke zu sammeln. Deshalb erstaunt es nicht, dass eine Ausstellung zu Ehren von Félix Vallotton im Frühling 2025 in Winterthur ebenfalls grosse Beachtung fand. Seniorweb hat darüber berichtet. Vallotton kommt 1909 zu seiner Ausstellung nach Zürich, in den folgenden Jahren reist er, unter anderem nach Russland und nach Amerika.

Ausstellungsansicht © René und Elisabeth Bühler

Künstlerisch erspriesslich sind seine Aufenthalte in Honfleur, wo viele Pariser Künstler den Sommer verbringen, und nach dem Ende des 1. Weltkriegs in Cagnes sur Mer, wo ihm das milde Klima behagt. – Dieser kleine provenzalische Ort ist ebenfalls ein beliebter Aufenthalt für Künstler. Félix Vallotton stirbt am Tag nach seinem 60. Geburtstag an den Folgen einer Krebsoperation – in jenen Zeiten leider nicht selten.

Im Musée des Beaux-Arts sehen wir mehr als 250 Exponate, darunter einige Leihgaben auch aus anderen Schweizer Museen, Werke, die Félix Vallotton berühmt gemacht haben, seine Aktbilder, seine Landschaften, besonders vom Genfersee und den Alpen. Hier soll der Blick auf einige Arbeiten gerichtet werden, die weniger bekannt sind.

Félix Vallotton, Autoportrait à l’âge de vingt ans, 1885. Öl auf Leinwand. Musée cantonal des Beaux-Arts de Lausanne, Ankauf, 1896. Foto: MCBA, Lausanne

Seinen 20. Geburtstag feiert Vallotton in Paris, er darf zum ersten Mal im Pariser Salon des artistes français ausstellen. – Sein Portrait aus diesem Jahr gehört zu den ersten Gemälden, die das Kunstmuseum Lausanne elf Jahre später ankauft.

Sein Stil orientiert sich an den alten deutschen Meistern Lukas Cranach dem Ält., Albrecht Dürer oder Hans Holbein. Der junge Mann wirkt ernsthaft, kein jugendlicher Schalk ist sichtbar. Er malt sich auch nicht als Maler mit Palette und Pinsel – vielleicht scheinen ihm diese Attribute zu traditionell.

Félix Vallotton, L’argent. 1898. Aus der Serie «Intimités», 1897-1898. Holzschnitt 18×22,5 cm. Musée cantonal des Beaux-Arts. Ankauf 1903

Bis Vallotton als Künstler seine Anerkennung fand, dauerte es etliche Jahre. Er zeichnete für Zeitungen und für Modefirmen. Seine Zeichnungen und Grafiken zeigen, dass er vielseitig begabt und interessiert war. Seine Grafiken – keine Karikaturen – zeigen sein waches gesellschaftliches Interesse und einen scharfen Blick auf die politischen Verhältnisse.

Künstlerisch sind seine Holzschnitte meisterhaft. Er hat einen ganz eigenen Stil, mit den schwarzen und weissen Flächen umzugehen. Die Serie Intimités, die Momente einer Beziehung oder einer Ehe zeigen, stellt diese Szenen höchst ironisch und teils mehrdeutig dar. L’argent ist dafür ein Beispiel. Wir fragen uns, welchen Wert das Geld in dieser Szene hat. Auf jeden Fall wird es eher heimlich oder sogar verschämt übergeben.

Der 1. Weltkrieg nach einigen Jahrzehnten Frieden war ein Schock für Europa. Zeugnisse gibt es von vielen Künstlerinnen und Künstlern. Der tote Soldat am unteren Bildrand und die furchterregenden Wolken erschüttern uns heute wohl ebenso wie vor mehr als einhundert Jahren. Man meint den Kanonendonner zu hören. Den Soldat malt Vallotton in altem Stil, an Hans Holbein erinnernd.

Ausstellungsansicht: links: Félix Vallotton, L’homme poignardé (1916), im Hintergrund: Félix Vallotton, Verdun (1917). © René und Elisabeth Bühler

Das andere Kriegsbild, eine Darstellung der Schlacht von Verdun, beeindruckt besonders durch seine kühne Gestaltung. Der Künstler malt nicht das Schlachtgeschehen, sondern abstrahiert – obwohl er, wie er selbst sagte, nicht abstrakt zu malen beabsichtigte. Er konstruiert ein Bild dieses Krieges, dessen Zerstörungen jegliche Vernunft übersteigen und nur in Formen und Farben darstellbar sind. Dieser Stil (nicht das Thema) erinnert an den Bauhaus-Maler Lionel Feininger.

Félix Vallotton, Poivrons rouges, 1915. Öl auf Leinwand. Solothurn, Dübi-Müller-Stiftung. Foto: © 2025, Kunstmuseum Solothurn, Dübi-Müller-Stiftung

Viele Stillleben von Vallotton kennen wir nicht. Die Peperoni malt der Künstler fotorealistisch genau, ihre glänzende Schale in leuchtenden Farben. Daneben liegt ein Messer, bereit, die Schoten für eine Mahlzeit zu schneiden. Rätselhaft nur, dass dieses Messer vorn ganz rot ist – wovon? Kunst-Interpreten meinen, es sei Blut und also ein Symbol für die Gewalt, die im Kriegsjahr 1915 die Welt beherrschte. – Von Félix Vallotton selbst gibt es keine Erklärung.

«Vallotton Forever. Die Retrospektive» ist im Musée cantonal des Beaux-Arts, «Plateforme 10», direkt neben dem SBB-Bahnhof Lausanne bis zum 15. Februar 2026 anzuschauen.


Über die Winterthurer Ausstellung hat Ruth Vuilleumier berichtet:
Zwischen Akt und Landschaft.


Titelbild: Félix Vallotton, Soleil couchant dans la brume, 1911. Öl auf Leinwand. Privatsammlung, Schweiz. Foto: Peter Lauri Fotografie, Bern

 

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