Flüchtlinge integrieren, gewiss. Und dazu gehört, sie zu unterstützen und von ihnen zu lernen.
Ende Oktober 2025 fanden die Flüchtlingstage der Region Basel statt. Ich leitete das Schlussgespräch im Sissacher Kultur-Bistro Cheesmeyer. Daran nahm auch Ishtayah Ayman teil, der seit drei Jahren in der Schweiz lebt. Selbst migriert, engagiert er sich freiwillig beim Basler Jugendrotkreuz. Sein Anliegen bestehe darin, «den Austausch mit geflüchteten Menschen zu fördern».
Zu Beginn der Flüchtlingstage begegnete ich Mahssa Behdjatpour. Sie ist eine junge iranisch-deutsche Schriftstellerin und verfasste schon zwei Kinderbücher sowie eine (Auto-)Ethnografie, die davon handelt, «wie Rassismus krank macht».
Mahssa Behdjatpour kam 1992 in Hannover zur Welt. Ihre Eltern mussten Mitte der 1980er-Jahre aus dem Iran fliehen. Mahssa hat Gesundheitswissenschaften studiert. In ihrer Dissertation setzt sie sich damit auseinander, was diskriminierten Menschen hilft, sich zu wehren.
Die Schah-Diktatur foutierte sich um Menschenrechte. Und wer sich nach der 1979er-Revolution dem Mullah-Regime widersetzte, erlebte Ähnliches. Mahssas Eltern wollten das Land demokratisieren und kamen, wie weitere Angehörige, ins Gefängnis. Dort erlebten sie Folter. Die Flucht rettete sie wohl vor dem Tod. Zeichen der Erinnerung triggern auch Mahssa. Traumatische Versehrungen übertragen sich transgenerational. Ebenso widerständige Dispositionen.
Mahssa wuchs mit kritischer Literatur auf. Das prägte ihre Sozialisation. Brennende Flüchtlingsheime nahm Mahssa schon vor ihrer Geburt wahr. Ihre Mutter haderte damit, ein Kind in diese Welt zu setzen. Im Kindergarten war Mahssa in ihrer Altersgruppe die einzige «Person of Colour». Sie fühlte sich in der einheimischen Kultur zwar verankert, verschwieg jedoch, anstelle von Weihnachten das persische Neujahr zu feiern. Ausgrenzung war stets ihre grösste Angst. Und nicht nur ihre. «Du lachst ja gar nicht mehr», flüsterte ihre Oma bei einem Besuch ihrer Mutter zu.
Mahssa verstand bald, mehr als ihre Freundinnen darauf achten zu müssen, sich konform zu verhalten. So auch in ihrem Wohnquartier, einem sozialen Brennpunkt, «in dem sich viele verbrannte Seelen tummelten». Davon zeugten «Kleinigkeiten, wie Eier im Briefkasten und Steine, die gegen das Fenster prallten». Mahssas Vater erkrankte an Krebs. Wohl auch, «weil arm krank macht und krank arm».
Mahssas Mutter konzentrierte sich auf ihre eigene Promotion. Und Mahssa reagierte mit «Anpassung und Stummsein». Sie glättete zuweilen ihre «orientalischen Locken», ass Schweinefleisch und demonstrierte so, keine Muslimin zu sein. Bis sie realisierte, sich selbst zu verlassen.
Rassismus erkannte Mahssa auch, institutionalisiert, an Schulen. Mit zunehmendem Anteil von Migrierten sank beispielsweise die Ausstattung. Hinzu kamen diskriminierende Äusserungen in Unterrichtsmaterialien und von Lehrpersonen, was kaum untersucht sei, hält sie fest. Ähnlich, wie das Abwehren von Kritik am Rassismus. Offenbar sei nicht der Rassismus skandalös, «sondern dass man ihn benennt».
Die Angst, missliche Erfahrungen zu erwähnen, sprach am Schluss der Flüchtlingstage auch Ishtayah Ayman an. «Viele Flüchtlinge leben in ständiger Angst, abgewiesen zu werden», sagte er. Das berührte mich. Wie viele andere auch. Das waren «die eindrücklichsten Worte des Abends», schrieb Journalist Jürg Gohl in der Sissacher Volksstimme. Ja, Ishtayah Ayman sagte in wenigen Worten viel. Das lerne ich gerne von ihm.
Ich lerne auch viel von den Erfahrungen im Buch Was ich anderen erzählen möchte, das an den Flüchtlingstagen auflag. Was diese Frauen aus aller Welt berichten, berührt mich ebenfalls sehr. Und schärft hoffentlich meinen Blick für das, was ich im Alltag wohl oft übersehe. Vielen Dank!
Titelbild: Porträt Ueli Mäder © Foto Christian Jaeggi
Buchhinweise:
– Mahssa Behdtjatpour: Du lachst ja gar nicht mehr. Wie Rassismus krank macht. Rotpunktverlag, Zürich 2025, ISBN 978-3-03973-069-8
– Heike Wach, Cécile Speitel (Hg.): Was ich anderen erzählen möchte – vom Weggehen und Ankommen. Frauen erzählen von ihren Migrationserfahrungen und ihrem Leben in der Schweiz. BoD, Hamburg 2024, ISBN 978-3-7693-0737-5


Ein weiteres wichtiges Buch zu diesem Thema: «Was ich dir nicht sage» von Anja N. Glover
https://nunyola.ch/buch
Danke für den Artikel.
Wir hatten mal uns kennengelernt
Fhhbs sozialsche, vor rund 30 jahren.
Du bist beeindruckent.
Kann ich was mitmachen?