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Barockreigen am Opernhaus Zürich

Es ist ein Kraftakt sondergleichen. Das Opernhaus Zürich lanciert mit «Zürich Barock» im März ein internationales Festival der historisch authentischen Musizierpraxis. Hier treffen sich hochkarätige Interpreten der Alten Musik. Den Auftakt machte am Mittwoch Cecilia Bartoli als Cleopatra in Händels «Giulio Cesare in Egitto».

Der neue Intendant des Opernhauses, Matthias Schulz, kennt keine Gnade. Drei Tage nach der bühnentechnisch aufwändigen Premiere von Olga Neuwirths «Monster‘s Paradise» steht die Premiere von Händels «Giulio Cesare in Egitto» an – und damit die Eröffnung des Festivals «Zürich Barock».

Opern, Konzerte und Bach-Passionen

Auf dem Programm stehen zudem Händels Oper «Scylla et Glaucus», und die wiederentdeckte Musik des französischen Barockkomponisten Jean-Marie Leclair (1697-1764). Dazu kommen diverse Konzerte, und die hochkarätig besetzten Aufführungen von Bachs Matthäus- und Johannes-Passion.

Zürich als Barock-Hochburg, das ist nicht neu. Nikolaus Harnoncourt, der grosse Pionier der historischen Musizierpraxis, hatte am hiesigen Opernhaus seinen legendären Monteverdi-Zyklus dirigiert – das Ereignis machte weltweit Furore. Harnoncourt war es dann auch, der mit dem «Orchestra la Scintilla» am Zürcher Opernhaus ein auf Alte Musik spezialisiertes Ensemble aufbaute.

Ein Orchester nur für Alte Musik

Dieses «Orchestra la Scintilla» ist zu einem Spitzenorchester geworden, es prägt nun auch das neue Barock-Festival. Der Klang historischer Instrumente ist anders: die Darmsaiten sind etwas tiefer gestimmt, werden mit leichten Bögen gestrichen, kein Vibrato verstärkt den Ton, und die Artikulation ist sehr differenziert. So gespielt wirkt die Barockmusik agil und entspannt.

Cecilia Bartoli in einer ihrer Paraderollen, der Cleopatra in Händels «Giulio Cesare in Egitto». 

Auch Cecilia Bartoli forscht unentwegt nach vergessenen barocken Perlen. Und das Opernhaus Zürich gibt ihr dafür seit jeher eine Bühne. Die Cleopatra in Händels «Giulio Cesare in Egitto» ist eine ihrer Paraderolle. Die Figur hat viele Facetten des Weiblichen: kecke Neckereien, heftige Racheschwüre, zwitschernder Charme und verklärter Liebesschmerz.

Keine kann diese Facetten so subtil zur Geltung bringen wie Bartoli. Mögen ihre Koloraturen noch so virtuos sein, sie singt sie scheinbar mühelos und mit farbenreich differenziertem Ausdruck. Ob in der spektakulären Arie «Al lampo dell’armi», im traumhaften «V’adoro pupille» oder dem tieftraurigen «Piangerò», über Bartolis Musikalität und Stimme kann man nur staunen.

Eine Star-Besetzung durch und durch

Doch die Diva ist nicht allein. Die Besetzung dieser Händel-Oper ist vom Feinsten. Die 70jährige Anne Sofie von Otter singt die Partie der Cornelia, der ewig trauernden Witwe des ermordeten Pompeo. Von Otter ist wie Bartoli ein Mezzosopran, doch diese beiden einzigen Frauenrollen zeichnet Händel sehr unterschiedlich: hier die irrwitzigen Koloraturen der koketten Cleopatra, da die dunkel timbrierte Melancholie Cornelias.

Szenenbild «auf hoher See» ….

Umgeben sind die beiden Damen von drei Countertenören. Carlo Vistoli brilliert als heroischer Cesare. Unglaublich, wie agil und kraftvoll er die vielen wahnwitzigen Koloraturen gleich zu Beginn hinschmettert. Dass sich Cleopatra sofort in ihn verliebt, wundert einen nicht. Cesares hinterlistiger Widerpart ist Achilla. Diese doppelbödige Partie singt Renato Dolcini mit herrlich schmierigem Charme

Cornelias Sohn Tolomeo will den Vater rächen und seine Nachfolge antreten, doch die Mutter verachtet ihn, er ist ein Weichling. Max Emanuel Cencics lyrisch weiche Stimme passt wunderbar zu dieser Rolle. Er singt seine eleganten Koloraturen mit inniger Hingabe und starker Bühnenpräsenz.

… wo es durchaus auch mal stürmisch werden kann. (Opernhaus Zürich/ Monika Rittershaus)

Es sind also vor allem die Stimmen, die bei dieser Produktion bannen. Bleibt noch die Regie. Davide Livermore versetzt die antike Geschichte in die Aufbruchszeit der 1920er Jahre. Man trifft sich auf einem Luxus-Dampfer, es wird Sekt getrunken, verhandelt und charmiert. Auf dem Bühnenprospekt im Hintergrund ist der Ozean zu sehen, je nach Szene mit ruhigem oder starkem Wellengang. Die beeindruckenden Videobilder der Produktionsfirma D-Wok sorgen für prägnante Stimmungen.

Lebendig und einfühlsam

Einfühlsam begleitet werden die Sängerinnen und Sänger vom «Orchestra la Scintilla». Gianluca Capuano dirigiert es mit viel Temperament und Freude am rauen Klang. Wunderbar sanft und verinnerlicht gelingen die melancholischen Arien, und die irrwitzig schnellen Tempi meistert dieses fabelhafte Orchester unglaublich präzise. Man muss schon sagen: der Auftakt zu diesem neuen Festival ist mehr als gelungen.

Weitere Vorstellungen: 15./17./21./25./28. März. Festival Zürich Barock: noch bis am 29. März. www.opernhaus.ch

 

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1 Kommentar

  1. «Zürich als Barock-Hochburg – das ist nicht neu». Das ist ein ziemlicher Hohn, da alle anderen Orchester von Zürich und Spielorte fleissig Barock-Konzerte mit einem Konzertflügel anstelle des Cembalo des Komponisten aufführen, und auch die Bach’schen Cembalowerke unbarmherzig am Steinway runterklimpern lassen. Also, da hat Basel die bessere Kultur. – Das Scintilla Barockorchester ist hier die positive Ausnahme in Zürich.

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