Altersheime sind ein Teil der sozialen Gemeinschaft. Fürsorge für hilfsbedürftige Menschen, ob alt oder jung, gehört zum Wertekanon unserer Gesellschaft. Das war nicht immer so. Obwohl der alte Mensch, der «senex» im Alten Rom, grosse Achtung genoss, war Unterstützung Privatsache.
Mitte der 1950er Jahre zogen der pensionierte Jurist Albert und seine Frau Elfriede in das Altersheim ihrer Wahl. So war es geplant, denn ihre Tochter, bei der sie zuvor gewohnt hatten, verkaufte ihr Haus und begann einen neuen Lebensabschnitt. Albert und Elfriede fühlten sich wohl im Altersheim, einem älteren Gebäude, das wohl früher anderen Zwecken gedient hatte. Sie konnten dort mit neuen Freunden und Freundinnen ihre Interessen pflegen, Albert spielte Harmonium und lernte neue Sprachen. Leider starb er schon fünf Jahre später. Elfriede fühlte sich zunehmend einsamer, denn viele ihrer Bekannten starben nach und nach. Sie las, schrieb Briefe und freute sich auf Familienbesuche.
Meine Nachbarin hatte ihr gesamtes Eheleben von über 60 Jahren in ihrer Gartenwohnung verbracht, als sie 2023, bald nach dem Tod ihres Mannes, ins Altersheim umziehen musste. Spitex-Dienste genügten nicht mehr, sie brauchte mehr Pflege. Das Betagtenheim der Gemeinde – so der offizielle Name, ein grosser Betonbau mit mindestens 10 Stockwerken – war ein paar Jahre vorher geschlossen und verkauft worden. Freiwillig hätte sie ihr kleines grünes Paradies nie verlassen. Nun musste sie in das nüchterne Gebäude einer führenden Seniorenheim-AG ziehen, mit Blick auf die Hauptstrasse und ein Gewerbegebäude. Sie verbrachte dort die letzten Monate ihres Lebens.
Altersheim an der Pegnitz bei Nürnberg © Hartmut / pixelio.de
Das Altersheim kann ein passender Ort für erfüllte Jahre sein oder der notwendige Pflegeort angesichts schwieriger Umstände. – War das schon immer so? Bei meinen Recherchen zum Frienisberg im Berner Seeland ging es um die Geschichte dieses Orts vom mittelalterlichen Kloster zum zeitgemässen Alterszentrum. Dabei stiess ich auf Bezeichnungen wie «Asyl» und später «Verpflegungsanstalt», die Frienisberg am Ende des 19. Jahrhunderts trug.
Was ist eine Verpflegungsanstalt
Niemand konnte mir erklären, worum es sich dabei handelte. Ich fand Verpflegungsanstalten in Berlin, in Sachsen, in Riggisberg BE und Frienisberg. Es handelt sich um ein wenig benutztes Wort für eine Institution, die Fürsorge leistet, nicht nur für alte Menschen, sondern auch für andere Hilfsbedürftige. Anderswo hiess ein solcher Ort «Asyl»; in Burgdorf BE gab es ein «Greisenasyl» – aber noch im 19. Jahrhundert wurde man früher ein Greis als im 20. bzw. 21. Jahrhundert!
In einer Verpflegungsanstalt wurde man nicht nur verpflegt und beherbergt, man musste dafür auch arbeiten, sich in Garten und Landwirtschaft nützlich machen, was immer in Berlin oder Frienisberg zu tun war. Das Alter war nicht das einzige Kriterium, oft waren es Alleinstehende, die von der Fürsorgebehörde ihrer Gemeinde geschickt wurden.
Schon seit Jahrhunderten betreiben die Berner Burger ihr «Burgerspital», früher vor den Toren der Stadt gelegen. Das heutige Generationenhaus beherbergt vielerlei, u.a. ein Altersheim. Blick in den Innenhof (Foto mp)
Fürsorge- und Besserungsanstalt
Eine solche Behörde im Wallis sandte einmal einen «Pensionär» mit einem Alkoholproblem, er trank bis zu fünf Liter Wein am Tag. Der Frienisberger Verwalter brachte den Mann dazu, nicht mehr als einen Liter pro Tag zu trinken, sonst hätte er extra Kostgeld zahlen müssen. Mit wenigen Ausnahmen hielt sich der Mann daran und – als Folge – erholte er sich gesundheitlich so gut, dass er in seine Walliser Heimat zurückkehren konnte.
In Frienisberg, wo Landwirtschaft und verwandte Arbeiten stets an erster Stelle standen, gab es um 1900 neben der Wäscherei, die für die hauseigene Wäsche zuständig war, auch eine Sattlerei, eine Schusterei und eine Strohflechterei. Überall arbeiteten die Hausbewohnerinnen und -bewohner, denn, wie gesagt, sie mussten finanziell zu ihrem Unterhalt beitragen.
Alters- und Langzeitpflegeinstitution Kühlewil: © Siloah Langzeit Kühlewil
Kühlewil bei Bern gilt als erstes Altersheim der Stadt Bern (gegründet 1892); es wurde offiziell «Armenanstalt» genannt und ausserhalb der Stadt auf dem Längenberg angesiedelt, so dass die Bewohnerinnen und Bewohner selbst für den Anbau von Lebensmitteln sorgen konnten bzw. mussten. Heute ist Kühlewil eine Alters- und Langzeitpflegeinstitution, bestens ausgestattet nach modernen Standards.
Altersheime als soziale Aufgabe
Altersheime für Bedürftige entstanden erst im 19. Jahrhundert; komfortable Institutionen, «Altersresidenzen», erst im 20. Jahrhundert. François Höpflinger, führender Schweizer Altersforscher, hat dazu festgestellt: Einzig die Tatsache, dass die Armen oft starben, bevor sie alt wurden, führte dazu, dass Altersarmut bis ins 19. Jahrhundert kaum als Massenphänomen wahrgenommen wurde. (Zur Geschichte des Alters in der Schweiz. 2002)
Zuvor wurden Hilfsbedürftige, ob alt oder jung, krank oder behindert, so weit wie möglich gleich behandelt. Zwischen Asyl, Spital, Pflegeheim und psychiatrischer Anstalt wurde nicht klar unterschieden. In den damaligen Armen- und Altenhäuser des 19. Jahrhunderts und des frühen 20. Jahrhunderts galten strenge Hausordnungen, schreibt Höpflinger. Der Besuch von Wirtshäusern sei ebenso verboten gewesen wie der von Tanzveranstaltungen oder eben der Konsum von Alkohol. Eine Modernisierung (inkl. Professionalisierung) der kommunalen Alterspflege erfolgte erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Mehr als ein Asyl oder eine Verpflegungsanstalt: «Altenheim im Grünen» Altenburg / Thüringen: © Andreas Hermsdorf / pixelio.de
Von François Höpflinger erfahren wir, dass erst mit dem Entstehen von staatlichen, halbstaatlichen oder privaten Fürsorgestrukturen den Alten in der Gemeinschaft Hilfe zuteil wurde. Klöster waren schon jahrhundertelang darauf ausgerichtet, auch Hilfsbedürftige aufzunehmen – das gehört zum christlichen Wertekanon. Doch das war weder eine institutionelle noch verlässliche, stets vorhandene Unterstützung. Der soziale Gedanke als Aufgabe der Gesellschaft verwurzelte sich erst im 19. Jahrhundert. Die Kosten sollten jedoch weiterhin von den Betroffenen getragen werden, mindestens so weit wie möglich.
«Friede sei mit den Alten»
In Hippos, einer antiken Stadt am See Genezareth entdeckte ein Archäologenteam der Universität Haifa wohl das weltweit älteste bekannte Altersheim. Wie 2025 in der Times of Israel zu lesen war, fand man ein Mosaik-Medaillon aus dem späten vierten oder frühen fünften Jahrhundert mit der griechischen Inschrift «Friede sei mit den Alten». Das könnte als erstes fassbares Beispiel für organisierte Altenpflege gelten.
Titelbild: Bürger-Asyl in Schaffhausen © Henning Hraban Ramm / pixelio.de
Die «Versorgung» der Alten verändert sich wie die Gesellschaft in der sie leben. Bei uns im reichen Westen schiessen die Luxus-Residenzen wie Pilze aus dem Boden. Die durch gezwungenermassen zahlenden Kunden reich gewordenen Pensionskassen, Versicherungsellschaften, Banken etc., müssen ihre Überschüsse ja irgendwo möglichst gewinnbringend anlegen. Dabei zählt nicht die Devise: Was brauchen Senior:innen im letzten Lebensabschnitt, auch minderbemittelte, nein, das Segment «Gut- bis sehr gut Bemittelte» wird bedient. Monatspreise so hoch, dass man auch im Hotel wohnen könnte.
Die Altersheime von früher rüsten punkto Komfort auch auf, aber es bleibt halt ein Altersheim. Es gäbe alternative Wohnformen, die in den Medien immer öfter zitiert werden. Aber es fehlt an der Realisation und an der Zahlbarkeit für nicht reiche Altersrentner:innen. Die Stadt Bern ist ein gutes Beispiel, wie man es nicht angehen sollte. Die Devise lautet: Hauptsache, der Architekt hat einen guten Namen und das Projekt ist Preisverdächtig. Zudem glaube ich, die Beamt:innen der Liegenschaftsverwaltung Bern wissen nicht von was sie reden, wenn’s um sozial kompatiblen Wohnraum geht.
Ausweichen könnte man ins Welschland oder den Tessin, dort wird altersgerechter Wohn- und Lebensraum zu günstigen Konditionen angeboten und meistens ist auch noch ein Schwimmbad dabei, was doch für die alten Knochen das Beste ist, um mobil zu bleiben. Oder man geht gleich ins Ausland, z.B. nach Thailand.