Dem vielseitigen deutschen Künstler Otto Nebel, über Jahrzehnte in Bern beheimatet, widmet das Schloss Spiez BE seine diesjährige Sommerausstellung: «Farbe Sprache Form». Zu entdecken ist ein gut durchdachter Zusammenklang – absolut empfehlenswert.
Vor einhundert Jahren, 1926, wurde Otto Nebels erstes Werk Zuginsfeld in der Berliner Zeitschrift Der Sturm in Fortsetzungen veröffentlicht. Den Künstlerinnen und Künstlern im Umfeld dieser wichtigsten deutschen Zeitschrift des Expressionismus fühlte sich Nebel vielfach verbunden. Bekannt war er auch mit Kurt Schwitters, der dem Dada zugerechnet wird und dem gerade im Berner Zentrum Paul Klee eine Ausstellung gewidmet war.
Zuginsfeld (zu lesen als «Zug ins Schlachtfeld»), im Museum in einem Kasten zu sehen, schuf der Künstler schon 1919 in englischer Kriegsgefangenschaft. Das expressionistische Antikriegsgedicht ist ausdrücklich als Warnung vor weiteren Kriegen gemeint.
Otto Nebel «zerpflückt» die Sprache, Parolen, Befehle, Liedzeilen, Bildungsfloskeln, verfremdet und verdichtet sie zu rhythmischen Wortketten. So protestiert er gegen neu aufkommenden oder noch bestehenden Militarismus. 1930 fügt er Tuschzeichnungen hinzu, deren groteske Figuren und Szenen die Dichtung eindrucksvoll ergänzen.
Otto Nebel 1924 in Weimar. Eigentum der Otto Nebel-Stiftung, Bern
Otto Nebel wurde 1892 in Berlin geboren. Er absolvierte eine Ausbildung als Hochbaufachmann, seine Tätigkeit bestand in exaktem Zeichnen und Bauführung. – Die genauen und klaren Linien, die diese Arbeit verlangt, zeigen sich später auch in seinen künstlerischen Werken.
Zusätzlich machte Nebel eine Ausbildung zum Schauspieler, bis er 1914 zum Kriegsdienst eingezogen wurde, eine traumatische Erfahrung würden wir heute sagen, die ihn spätestens als Kriegsgefangener in Colsterdale / England zur Kunst führte.
«Bauen ist mein wahrer innerster Beruf.» (Otto Nebel, Herkunft und Bestimmung)
Zurück in Berlin entwickelte Nebel seine künstlerischen Ideen, er schuf grafische Formen, die er Runen nannte, eine Keilschrift, probierte Formen und Farben aus. Er lernte in Weimar am Bauhaus seine künftige Frau Hildegard Heitmeyer (1885-1974) kennen, die ihn während ihres gesamten gemeinsamen Lebens eine starke Partnerin war, was Klang, Farbe und Form anging.
Otto Nebel, Verwunschener Garten (Ausschnitt), 1935. Tusche, Deckfarben, Firnis und Goldhauch auf Papier, 56.7 × 44 cm. © Otto Nebel-Stiftung
In Weimar traf Nebel auch Paul Klee und Wassily Kandinsky, mit denen er befreundet blieb. Besonders Kandinsky fühlte er sich nahe. Dessen philosophische Betrachtungen trafen sich mit Nebels eigenen Vorstellungen. In den kommenden Jahren holte er sich Inspirationen auf Reisen nach Frankreich.
Ausstellungsansicht (Foto mp)
Die Kathedralen-Bilder (s.o.) haben ihren Ursprung in allem, was Nebel in Paris und Chartres gesehen hatte. In seinen Bildern jedoch stellt er nicht einzelne Kirchenschiffe dar, sondern Aspekte, wie er diese Räume wahrnimmt.
Im Sonnenland Italien schuf er den Farben-Atlas von Italien. Seine Licht- und Farbbeobachtungen dort legte er in einem systematischen Merkbuch nieder. Später kamen Reisen nach Griechenland und in den Vorderen Orient hinzu.
«Ich will das Licht geben, keine dinghaften Erinnerungsbilder.»
Otto Nebel, Tagebuch 31.12.1929
Im Umkreis des Sturm kam 1933 der harte Einschnitt: Nebels Kunst wurde verboten, so dass er mit seiner Frau im gleichen Jahr in die Schweiz emigrierte. Dort war er frei von Verfolgung, aber für lange Jahre litt er unter einem – in der Schweiz damals üblichen – Arbeits- und Erwerbsverbot. Glücklicherweise konnte Kandinsky einen Kontakt zur Guggenheim Foundation in New York vermitteln und damit eine langjährige Förderung von Nebel erreichen.
Otto Nebel, Flüchtlinge, 1935. Deckfarben und Tusche auf Papier, 39 × 29 cm. © Otto Nebel-Stiftung
In Bern fand Otto Nebel ab 1951 für einige Jahre eine Beschäftigung, die an seine frühen Schritte auf die Bühne erinnern: Er durfte als Schauspieler an den Berner Kammerspielen (später: Ateliertheater) auftreten. 1973 starb er in Bern, nachdem er seine bildnerischen Werke in eine Stiftung überführt hatte und seine ebenso bemerkenswerten dichterischen Werke im heutigen Schweizerischen Literaturarchiv Platz gefunden hatten. Ob Otto Nebel dem Berner Surrealisten Otto Tschumi (1904-1985) begegnet ist, konnte ich nicht eruieren.
«Wir bauen Lichtbastionen in das Nichts …» (Otto Nebel im Gästebuch von Paul Klee)
Einen Glücksfall sehen wir im hintersten Raum der Ausstellung: In den späten 1950er Jahren produzierte das noch junge Schweizer Fernsehen SRF ein Portrait von Otto Nebel. Damals sendete SRF noch in Schwarzweiss – ein kleiner Wermutstropfen, denn Farben sind für Nebel von höchster Bedeutung.
Wer diesen klugen Künstler kennenlernen möchte, dem sei empfohlen, sich dafür ein wenig Zeit zu nehmen. Der Künstler erklärt seine Gedanken und sein Vorgehen eindrucksvoll. Künstlerisches Schaffen und philosophische – kunsttheoretische – Überlegungen gehen Hand in Hand, und Otto Nebel kann das alles überzeugend in Worte fassen.
Otto Nebel: Farbe Sprache Form. Ausstellung im Schloss Spiez bis 18. Oktober 2026
Titelbild: Otto Nebel: Ein Dorf träumt vom Monde. 1934. Öl mit geglühtem Sand auf Leinwand mit Kreidegrund in Ei-Bindung. Kunstmuseum Thun. Depositum Otto-Nebel-Stiftung (Foto mp)
