StartseiteMagazinKulturZu Besuch beim Lyriker Paul Gisi am Bodensee

Zu Besuch beim Lyriker Paul Gisi am Bodensee

Seine Verse tragen die Reife gelebter Jahre, die Leidenschaft junger Liebe und ein tiefes Begehren nach Transzendenz. Für Paul Gisi ist die Liebe kein vergangenes Kapitel. 

«Ich bin ein Lyriker in der verspielten Form des Poeten, der Farben, Harmonien, Galaxien, Zebrafinken, die Schönheit, den Wind und die Liebe liebt – in den Verlorenheiten des Lebens». So lese ich in einem Selbstporträt von Paul Gisi, der im Sommer 78 Jahre alt wurde.

Beim Besuch in seiner Dichterklause treffe ich auf einen Menschen, der seine innere Welt nicht laut, nicht selbstgefällig, sondern in einer feinen, behutsamen Weise öffnet – auf einen Autor, der Nähe zulässt, aber sich nie aufdrängt. Mit schlohweissem Haar und ebensolchem Vollbart besitzt er eine markante Ausstrahlung. Doch er will nicht auffallen, sondern einladen, seine sehr besondere Welt mitzuerleben.

Paul Gisi stellt mir das Bändchen Tanzschwarm der Illusionen vor – es ist sein hundertfünfzigstes. Eine Zahl nicht etwa zum Innehalten, für ihn bestimmt nicht. Denn er arbeitet Nacht und Tag bereits am nächsten Werk. Und die Hoffnung des Lesers, dem Autor in diesem Tempo folgen zu können, ist vergebens. Sein poetisches Konvolut ist in diesem Jahr schon wieder um drei Werke gewachsen.

«Jedes Werk ist für mich das erste: Terra incognita. Es gilt, sich immer weiter zu entdecken in neuen Zusammenhängen, Täuschungen, Träumen – in der Liebeslust, in der Fata Morgana des Erkennens. Gespinstflechtig alles einbeziehen. Den Zirkelschlag des Seins einüben. Liebeserklärungen an den Geist und an die Sinnlichkeit formulieren. Welten in neuen weiten Zusammenhängen zu sehen, das ist herrligg!« – erklärt der Autor, ein gebürtiger Basler, der nun schon seit Jahrzehnten am Bodensee lebt.

RONDO DER LUST –
      die Haut flammend
      in den Traumbildern
in den Wesenheiten
der Engel der Lurche
der Waldhyazinthen
der Sterne
erfüllt sich alles

Der Text entfaltet eine kurze, aber hochverdichtete fast ekstatische Szene, in der Körper und Traum, Natur und Kosmos zu einem einzigen, sich erfüllenden Moment verschmelzen. Die Motive bewegen sich von einer sinnlichen Wahrnehmung «die Haut flammend», intensiv und erregt, zu einem paradoxen hybriden Motiv («der Engel der Lurche»). Verbunden mit einem Naturbild («Waldhyazinthen»), zart und verführerisch duftend, reicht es bis in die Unendlichkeit des Kosmos– ein Aufstieg vom Leiblichen ins Transzendente. Die Aussage «erfüllt sich alles», kann eine Auflösung, Verschmelzung oder Vollendung andeuten.

In diesem Text finden sich Motive und poetische Verbindungen, die Paul Gisi oft verwendet: kurze, intensive Aufstiege bis in die Vereinigung der Gegensätze und hin zur Aufhebung der Dualität. Vom sinnlichen Erleben des Körpers in den Traum und in das Reich zwischenweltlicher Wesen, verbunden durch ein Motiv aus der Natur und schliesslich hinein in die Ordnung des Kosmos. Alles in einem Zustand maximaler Durchlässigkeit – Sinnlichkeit, Vision, Natur, Sterne -, die in einem Moment ineinander verschmelzen.

Milchstrassen
       wie Notenlinien
       auf deiner Haut –
in der Dämmerung zu singen
das rubinrote Liebeslied
über deine Lippen segeln
SICH OFFENBAREN

Der Text entfaltet eine kosmisch‑intime Liebesmetaphorik, in der Haut, Licht, Klang und Offenbarung zu einem einzigen Moment verdichteter Nähe verschmelzen. Der Text ist in drei Bewegungen strukturiert:

Zu Beginn ein grossartiges Bild: «Milchstrassen / wie Notenlinien / auf deiner Haut». Die Haut wird zur galaktischen Partitur, der Körper zu einem Universum, das gelesen und gehört werden kann. Und wunderschön: «in der Dämmerung zu singen / das rubinrote Liebeslied». Intimität, Schwingung und Vision mischen sich, glühend, leidenschaftlich und kostbar; «über deine Lippen segeln / SICH OFFENBAREN». Lippen als Organ intimster Wahrnehmung und gleichzeitig des Austauschs zwischen Innen und Aussen, für Atem und Sprache. Als Schlusspunkt: ein Liebeslied kann diese Grenze überqueren. Ein eindringlicher Appell, sich zu zeigen, ja sich ohne Grenzen zu enthüllen und nicht nur bei einem blossen Austausch stehen zu bleiben.

Das Ziel unserer Begegnung in seiner Dichterklause besteht für mich darin, mich einzuhören und einzulesen in die Poetik von Gisi. Sie ist in vielem kongruent mit seinem Gesprächsstil. Gisi versteht es, Stimmungen und Zwischentöne beim Partner zu erfassen und darauf einzugehen. Er ist ein Mensch, der Intimität ohne Druck, Tiefe ohne Pathos, Nähe ohne Einvernahme schafft. Kongruent mit dem Dichter, der mit seinem geschriebenen Wort nicht überwältigt, sondern ihm in besonderer Art, Raum schafft. So wie sein Sprechen sind seine Texte – leise, präzise, manchmal tastend. Um diese Erfahrung zu machen, muss man sich Zeit lassen. Es bedeutet Arbeit, sich in seine Texte einzulesen.

Besonderheiten liegen in der antilogischen Struktur. Lebewesen und Dinge in ihrer ungleichen Bewusstseinsstufe verbindet er souverän. Locker schafft er so Zwischenwelten. Stülpt den Kosmos um – nachzulesen im Band mit dem Titel Auf deinen Fingerbeeren tanzt das Weltall. Besonderheiten auch in extremen sprachlichen Verdichtungen, die aus tiefen Traumwelten schöpfen. Die Texte weiten die klassische Logik und laden stattdessen zu assoziativen Entdeckungsreisen ein. «Es ist ein Fest, die ganze Welt an mir vorbeiziehen zu lassen, ohne einen Schritt machen zu müssen», diese Aussage beschreibt auch seinen Arbeitsplatz. Der ist nicht die Welt – Reisen könne er sich gar nicht leisten – sein Arbeitsort ist die Welt der Fantasie zwischen Plankton und Kosmos.

Gisis Poetik hebt sich ab von der modernen Befindlichkeitsliteratur. Anstatt Inhalte und Bezüge zu mystifizieren, steht ihm ein Schatz aus Metaphern zur Verfügung; verbindliche, objektive Naturbeschreibung. Seine Tiere und Pflanzen sind real, nachgeforscht. Die Texte, bewusst kurz gewählt, verbunden mit Weltbausteinen aus kosmischen Sphären und sinnlichen Schichten, haben eine gewaltige Spannkraft.

Das enorme Lebenswerk mit über 150 kleineren oder grösseren Bänden verblüfft. Die Zitate in diesem Bericht sind aus Nummer 150, Tanzschwarm der Illusionen. Da viele Motive in verschiedenen seiner Publikationen anzutreffen sind, ist es nicht so entscheidend, mit welchen der neueren Bändchen man sich in seine Welt einlesen möchte.

Wer lesen will, begegnet in seinen Gedichtbändchen einer Fülle von Leseerlebnissen, die in den Bann ziehen, überraschen, ja berühren. Es sind Augenblicke, die aus der Tiefe aufleuchten und sanft verzaubern.

Titelbild: Paul Gisi, zVg
Paul Gisi: Tanzschwarm der Illusionen, op.150, 2026. ISBN 978-3-6957-0890-1
Paul Gisis Bändchen können im BoD (Books-on-demand Bookshop), in jeder Buchhandlung oder im Internet bestellt werden.
Hier geht es zur Homepage von Paul Gisi

 

Spenden

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, Sie zum Denken angeregt, gar herausgefordert hat, sind wir um Ihre Unterstützung sehr dankbar. Unsere Mitarbeiter:innen sind alle ehrenamtlich tätig.
Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie uns, die Website laufend zu optimieren, Sie auf dem neusten Stand zu halten. Seniorweb dankt Ihnen herzlich.

IBAN CH71 0028 7287 1801 7101 L

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Newsletter & Mitgliedschaft

Lernen Sie uns über den kostenlosen Newsletter kennen und werden Sie Mitglied von Seniorweb.

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Reduzierter Preis beim Kauf einer Limmex Notfall-Uhr
  • Vorzugspreis für einen «Freedreams-Hotelgutschein»
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-