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Und die Moral von der Geschicht…

Basel zeigt „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch in erweiterter Fassung.

Ein brandaktuelles Stück

Es ist anzunehmen, dass die Basler Premiere von Max Frisch’s Stück „Biedermann und die Brandstifter“ mit vollem Bedacht auf den Februar 2014 angesetzt wurde, jenen Februar, auf den die inzwischen schon berüchtigte Abstimmung zur Initiative „Gegen Masseneinwanderung“ fiel. Von der Spielplangestaltung her wirklich politisch hellwach und hintersinnig geplant, chapeau! Denn bei jedem Ausgang, so oder so, war das Thema vom Eindringen in ein fremdes Haus und dessen Folgen brandaktuell. Wortwörtlich in Brand gehen auch Haus und Stadt von Biedermann auf, und das nur, weil einer seine Anpassung und Feigheit zu weit getrieben hatte.

In diesem Lichte betrachtet, erscheint uns Frischs Stück im ersten Moment beinahe wie ein Befürwortertext zur Initiative, sogar als ein Plädoyer für das Beharren auf traditionellen Werten gegenüber ungebetenen Gästen. Doch das völlig verblödete, blinde, bis zum Tode führende Beharren auf die überkommenen Wertvorstellungen des Gottlieb Biedermann im Schauspiel machen bald deutlich, warum Max Frisch sein Stück als „Lehrstück ohne Lehre“ bezeichnet hatte. Das Thema tauchte – unter dem Eindruck der kommunistischen Machtübernahme in der Tschechoslowakei – schon 1948 in Frischs Tagebuch als „Burleske“ auf.

Das  wurde denn auch nach der Uraufführung von 1958 im Schauspielhaus Zürich gleich gründlich missverstanden als antikommunistische Warnung gegenüber feindlichen Eindringlingen. Um dem entgegenzuwirken, schrieb Frisch ein Nachspiel in der Hölle, in der er seine Position klar machte. Dieses Nachspiel hat Frisch allerdings später selbst wieder herausgenommen, da ihm der Rahmen des politischen Kontextes als zu eng gefasst erschienen war.

Profi-Schauspieler und Laien

Nun also Biedermann und die Brandstifter im Schauspielhaus Basel. Regie führt der deutsche Erfolgsregisseur Volker Lösch, der dafür bekannt ist, dass er gerne Profi-Ensembles und Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten zusammen auftreten lässt. Und dieses Rezept wurde natürlich auch in Basel umgesetzt – logisch, bei diesem Thema! Vor dem Hintergrund einer veritablen Guckkastenbühne, auf der sich das Frisch’sche Drama abspielt, agieren die Laien, welche  Lösch in Basel quasi von der Strasse her engagiert hatte: in Basel lebende AusländerInnen, MigrantInnen, Flüchtlinge, Sekondas und Secondos etc. aus vielen Ländern nicht nur Europas. Diese starke Gruppe verkörperte als Chor die Gegenstimme zu dem von Frisch konzipierten, patriotisch gestimmten  „Chor der Feuerwehrleute“ – hier bei Volker Lösch eine graue Gruppe aus der Business-Class. Diese Gruppe, „Bürger der Vaterstadt“, äussert sich als unisono agierender antikischer Sprechchor, im Text den aktuellen schweizerischen Gegebenheiten angepasst, z.B. „Es isch so wit! Deutsche sitzen in unseren Kampfjets … und in unseren Theatern. Aber es gibt noch Hoffnung: der Direktor dieses Theaters ist Schweizer!“ Regisseur Lösch versteht es also, das Publikum immer wieder mit witzigen Einsprengseln zu ködern.

Zutiefst moralistisch

In Wirklichkeit ist er jedoch zutiefst Moralist. Und das wirkt sich nicht immer positiv auf ein Bühnengeschehen aus. Ganz am Anfang, als Prolog sozusagen, hört man noch konzentriert und erstaunt das vom Sprechchor vorgetragene, grosse Gedicht des Schweizer Autors Albrecht von Haller „Die Alpen“:

„Versuchts, ihr Sterbliche, macht euren Zustand besser,

Braucht, was die Kunst erfand und die Natur euch gab…“

Das wurde 1729 geschrieben: Lösch aber lässt nach alledem durch die Ausländergruppe in einem von den Beteiligten erarbeiteten Epilog eine währschafte Moralpredigt an das Publikum von Stapel, die direkt dem Programm eines Sozialhelfer-Workshops entstammen könnte. Alles, was da von den wirklich engagierten und ihr Bestes gebenden Laien gesagt wird, ist zwar richtig, mais c’est le ton qui fait la musique. Und wenn diese Moralpredigt mit dem an sich erschütternden Satz endet: „Es ist so kalt hier“, bewirkt das eher ein Frösteln der Müdigkeit im Publikum, das durch den vorangegangenen echten Wahlkampf die einschlägige Terminologie ja schon x-mal von vorne und hinten kennen gelernt hat. Hier wäre weniger entschieden mehr gewesen. Auch wenn Schiller das Theater als moralische Anstalt bezeichnet hat.

Eine bittere, hohnlachende Paraphrase

Was nicht heissen soll, dass dies sonst nicht ein durchaus gelungener Theaterabend in einem witzigen, anzüglichen, cartoonhaften Bühnenbild ist (Bühne: Sarah Rossberg, Illustration: Giovanna Bolliger) . Das eigentliche Bühnengeschehen um den Herrn Biedermann (David Berger), seine Frau Babette (Cathrin Störmer) samt Dienstmädchen (Claudia Jahn) und die Eindringlinge Schmitz (Andrea Bettini) und Eisenring (Jan Viethen) entwickelt sich, ganz wie im antiken Drama, folgerichtig und unausweichlich. Die beiden Brandstifter geben von Anfang an ganz offen zu, Biedermanns Haus anzünden zu wollen. Der jedoch wirft sie nicht etwa hinaus, sondern will unbedingt das Ganze als gelungenen Scherz auffassen, spielt zitternd den Grosszügigen und lässt die beiden in Ruhe ihre Vorbereitungen treffen, ja, reicht ihnen zum Schluss sogar noch selbst die Streichholzschachtel. Das ist eine bittere, hohnlachende Paraphrase.

Max Frisch fragte schon 1965: „Was will die Schweiz von der Zukunft? Ihre Vergangenheit?“ Die vielen jungen Menschen an dieser Basler Premiere, die glücklicher- und natürlicherweise mehr die Zukunft im Auge haben, applaudierten heftig und lange. Denn schliesslich, um bei Frisch’s wohl berühmtesten Satz zu bleiben: „Wir riefen Arbeiter und es kamen Menschen“.

Nächste Vorstellungen: 2., 3., 6. März

Foto: © Judith Schlosser at Theater Basel

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