Kultur

Von jungen Männern träumen

Das Berner Kunstmuseum widmet dem fast vergessenen Maler Ricco Wassmer eine grosse Ausstellung

„Der Ricco, das war eine Ikone,“ sagt eine Besucherin der Ausstellung, welche damals, in den wilden 60er Jahren, selbst zur verrückten Kunstszene Berns gehörte. In fast allen Ateliers habe es Sammlungen von Fundstücken und Brockenhaus-Antiquitäten gegeben – eben so, wie bei Ricco.

Puppe, Holzpferd, Gipshand – Sammelstücke aus Riccos Atelier

Im Berner Kunsthaus geben eine Fotografie und eine Vitrine Aufschluss: Ricco Wassmer, Spross einer reichen, gebildeten und kulturell aktiven Industriellenfamilie, hat nach der Natur gemalt. Seine Natur war freilich speziell. So erscheinen seine gesammelten Artefakte – unter anderem ein anatomisches Menschenmodell ohne Haut, eine lädierte Puppe, eine Gipshand und so weiter – immer wieder in seinen Bildern; zentrale Figur ist jedoch fast immer ein junger Mann.

Peintre et modèle. Öl auf Leinwand. 1957 © Ruedi A. Wassmer

Die Neigung zu sehr jungen Männern war denn auch Riccos Krux. Jahrelang wurde Ricco von der Wissenschaft als homosexueller Künstler mit pädophilen Neigungen ignoriert. Mit dem Werkverzeichnis zum 100. Geburtstag will Bern nun weiteren Fehlinterpretationen entgegentreten, und Ricco Wassmers Arbeit in den kunsthistorischen Kontext stellen. Erst durch Marc-Joachim Wasmers Forschungen wird nun klar, dass Ricco sehr früh die Fotografie als Skizze benutzte. Aber diese Fotografie wurde ihm auch zum Verhängnis: er wurde verhaftet und verurteilt, weil bei ihm als pornografisch eingestufte Fotos mit jungen Männern gefunden wurden. So fehlt das Jahr 1963 in seiner Werkbiographie: 1962 malte er seine Hommage an Niki de Saint-Phalle, damals ebenfalls schillernde Vorbild-Figur der Berner Szene, ein Jahr später entsteht als erstes Bild nach dem Gefängnisaufenthalt sein altes Motiv mit Segelschiff und Matrosen.

Grapeshot, Öl auf Leinwand. 1964 © Ruedi A. Wassmer

Ricco Wassmer fuhr nach einem längeren Aufenthalt auf Tahiti 1948/49 als Hilfskoch zur See und umrundete auf einem Frachter zweimal die Welt. Von 1950 an lebte er in Frankreich, von 1963 an in Ropraz bei Lausanne, wobei er mit Bern, vor allem auch mit dem Kunsthalleleiter Arnold Rüdlinger eng verbunden blieb. Schwer lungenkrank starb er erst 56jährig.

 Die Ausstellung mit über 200 Leihgaben vorwiegend aus Privatbesitz wurde kuratiert vom Kunsthistoriker und Wassmer-Forscher Marc-Joachim Wasmer, dessen Arbeit von einem Neffen des Künstlers, Ruedi Wassmer, grosszügig unterstützt worden war. Die Bilder sind selten im Handel, viele wurden noch nie gezeigt, denn sie gehören den Erben, andere sind bei Sammlern, die mit dem Künstler befreundet waren, ihm Geld pumpten, Zähne flickten und im Gegenzug irgendwann ein Bild bekamen. Wenigstens besitzen die Museen von Bern und Aarau je 15 Tafelbilder, Legat eines dieser Privatmäzene. Obwohl von seiner begüterten Familie regelmässig unterstützt, war Ricco laufend in Geldnöten.

Ricco (eigtl. Erich Wassmer): Ohne Titel (Zwei Knabenakte, einer rauchend) (1960) / Tusche auf Papier / 38.2 x 24.4 cm

Zwei Knabenakte, einer Zigarette rauchend. Tusche auf Papier. 1960 © Ruedi A. Wassmer

Das Frühwerk zeigt die Hand eines linkischen Künstlers, der „autobiographisch“ malt, wie Kurator Wasmer sagt. Er malt seine Krisen, seine Melancholie, ist ein Ästhet, dem ein schöner Rahmen wichtig ist, der die Lieblingsfarbe „framboise“ oft einbringt. Schon als Bub wusste der Bubenmaler, dass er niemals in die Fußstapfen seines Unternehmervaters treten würde. Freilich lebte dieser Vater im Schlösschen von Bremgarten bei Bern mit der kunstsinnigen Mutter ein großzügiges Mäzenen-Dasein. Bei Wassmers verkehrten Hermann Hesse, Othmar Schoeck und andere Grössen, die der junge Ricco verehrte. Bis zuletzt stand er auch im regen Diskurs mit Meret Oppenheim. Seine Malerei ist dem magischen Realismus zuzuordnen, gegenständlich, allegorisch, vieles bleibt rätselhaft. Darin steckt die Sehnsucht nach dem Buben, der eine idealisierte Jugend verkörpert, die nie so war. Seine Bilder sind Träume, zugleich sinnlich und mystisch. Viele sind Hommagen an Dichter wie Hermann Hesse, Novalis, Rimbaud, zu denen er sich hingezogen fühlte. Wer ihn beeindruckte, dem widmete er eine seiner letztlich nicht zu entschlüsselnden Kompositionen.

Nature morte au crayon. Öl auf Leinwand. 1953 © Ruedi A. Wassmer

Dem Autodidakten, der trotz Studienaufenthalten in Paris und München sichtbar Mühe mit der Anatomie hatte, verhalf die Fotografie als Medium der Skizze. Bildvorlagen waren aber nicht nur Fotos und Skizzen seiner jugendlichen männlichen Modelle, sondern auch seine Sammlung schöner, seltsamer, antiker und skurriler Artefakte, seine nach ästhetischen, nicht wissenschaftlichen Kriterien angelegten Schmetterlingskästen, oder eben die Anatomiepuppe, die er einst bei einem Trödler erwerben konnte.

Im Berner Kunsthaus hofft man, dass Ricco Wassmer, der Vergessene, nun auch international wahrgenommen werde – warum nicht als der Schweizer Balthus. Seine Bilder sind durchwegs kleinere Formate, er wollte sie im Auto transportieren können. Umso gewichtiger sind die oft überfrachteten, verschlüsselten Inhalte, eine komplexe Rätselwelt, deren Auflösung dank des vorliegenden Werkverzeichnisses, dem Catalogue raisonné, erst recht beginnen kann.

Teaserbild: Knabenkopf auf Gipshand ruhend. Fotografie 1952 © Ruedi A. Wassmer
Kunstmuseum Bern: Ricco Wassmer 1915 – 1972. Zum 100. Geburtstag. Bis 13. März 1916
Catalogue raisonné der Gemälde und Objekte. 576 Seiten, 700 Abbildungen. 99 Franken