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Frauen sind auch Menschen

Die Ausstellung «Frauen.Rechte » im Landesmuseum zeigt, dass die Proklamation der Menschenrechte in der französischen Revolution noch nicht einmal ein Anfang war beim Kampf um gleiche Rechte von Mann und Frau

Der siebente März vor 50 Jahren war auch Abstimmungssonntag, Die Männer gaben den Frauen das Stimmrecht. Der achte März ist der Internationale Frauentag, 1910 vorgeschlagen von Clara Zetkin bei der ersten internationalen Frauenkonferenz in Kopenhagen. Auch Frauen aus der Schweiz waren dabei, international gut vernetzt, zuhause Untertanen, denn weder konnten sie ihr Vermögen verwalten, noch ihren Wohnsitz wählen und erst recht nicht im Staat mitbestimmen.

Blick in die Ausstellung. © Schweizerisches Nationalmuseum 

Wie wärs mit einem Museumstag im Umkreis berühmter Frauen? Im Landesmuseum geht es bei Frauen.Rechte um den langen Kampf für gleiche Rechte, dann zeigt die Zentralbibliothek am Predigerplatz die Saffa-Künstlerin Warja Lavater, und schliesslich steht das Literaturmuseum Strauhof im Zeichen der Frauen im Laufgitter.

Heftige Stürme um die Abstimmungen: ein bewegter Himmel voller Plakate

Die Damen der beiden Einzelausstellungen sind auch im Landesmuseum zu Gast. Iris von Rotens Buch liegt auf ihrem Schreibtisch neben der Schreibmaschine, sie ist auf einer der vielen kleinen Videostationen zu sehen, ihre Lebensdaten werden mit Porträt auf einem riesigen Bildschirm erzählt. Er kann von einem Touch-Screen aus gesteuert werden, auf dem einige Dutzend Frauen aus fünf Jahrhunderten angewählt werden können, angefangen bei der weitgereisten Kunstmalerin Angelika Kauffmann, aufgehört im Heute, beispielsweise bei der Expertin für Cybersicherheit Solange Ghernaouti aus Lausanne.

Revolutionsgarden waren auch weiblich: Marsch auf Versailles.

Die designierte Direktorin des Schweizerischen Nationalmuseums, Denise Tonella, hat die Ausstellung Frauen.Rechte kuratiert und historisch weit ausgeholt. Das ist keine Ausstellung zum Frauenstimmrechts-Jubliäum mit der tristen bis peinlichen Vorgeschichte, sondern es geht um den zweihundertjährigen Kampf der Frauen gegen Diskriminierung, der in der Aufklärung beginnt und mit der Erklärung der Menschenrechte in der französischen Revolution Breitenwirkung bekommt. Aber Menschen, das war damals keine Frage, waren Männer, Frauen waren keine, hatten als solche keinen Anspruch auf Bürgerrechte. Und das sollte noch lange so bleiben.P

Diese Pistolen gehörten dem Freiheitskämpfer-Paar Georg und Emma Herwegh

Frauen kämpften an der Seite der Aufständischen sowohl 1789 als auch 1830 und 1848 – wenn nötig mit Waffen. Die Erklärung der Menschenrechte hat auch in der Eidgenossenschaft viel ausgelöst, vor allem in den Untertanengebieten Die Schweiz gibt sich eine demokratische Verfassung, aber ohne Einbezug der Frauen, die noch immer als minderwertig gelten.

Darüber hatte sich Marianne Ehrmann schon 1788 in ihrem Briefroman Amalie lustig gemacht: «Du lieber Gott, was haben diese Menschen für absurde unterentwickelte Begriffe von einem Frauenzimmer, die denkt und denken muss, wenn sie nicht Maschine sein will.»

Im 19. Jahrhundert waren den Frauen zivilrechtliche Anliegen wichtiger als politische Rechte. Frauen mussten Industriearbeit leisten und gründeten Arbeiterinnenvereine. Frauen von Bauern konnten zwar in ihrem Bereich selbständig wirtschaften, dennoch waren sie abhängig.

Fritz Brupbacher und seine Frau Paulette führten im Zürcher Kreis 4 eine «Arztpraxis für Arbeiter».

Gefordert wird eine Besserstellung am Arbeitsplatz, in der Ehe und im Erbrecht und vor allem das Recht auf Bildung. Wenigstens ist nun allgemeine Schulpflicht. Das Gemälde «Die Schulstunde» von Albert Anker zeigt einen Lehrer, viele Buben an Pulten und Mädchen, die am Rand sitzend dem Unterricht wenigstens zuhören dürfen. Aber Frauen setzen sich für ihren Platz an der Universität durch. Die Juristin Emilie Kempinsky-Spyri strengt den ersten Gleichstellungsprozess an: Sie will als Anwältin praktizieren, was ihr jedoch verweigert wird, weil sie keine vollwertige Bürgerin sei.

Die Flügel von Erica Pedretti symbolisieren Befreiung und entstehen, als die Frauenbewegung neue Emanzipationswege erprobt. Gleichzeitig erinnern die Flügel an das Ikarus-Motiv: Bei Höhenflügen droht immer auch der Absturz. © Erica Pedretti (*1930), Flügel, 1980, Bambus, Draht, Stoff, Latexfarbe. Bündner Kunstmuseum, Chur. Erica Pedretti (*1930), Flügel mit Kopf, 1979, Bambus, Transparent, Latexfarbe. Kunstsammlung der Stadt Biel.

Die Abstimmung 1971 ist weder ein Endpunkt noch ein Anfang, sondern bestenfalls eine Verschnaufpause im «langen und schmerzlichen Kampf» um die Gleichberechtigung und Gleichstellung, wie Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss im Gespräch mit Bundesrat Alain Berset bei der Vernissage sagte. Sie war 1959 bei der haushoch verlorenen Vorgänger-Abstimmung neunzehn und fühlte sich in ihrer Würde tief verletzt. Ein Dutzend Jahre später stimmt die Mehrheit der Mannen dafür. Nicht mal bedankt hätten sich die Frauen.

Wie löst man die Aufgabe, eine historische Ausstellung aufzubauen, bei der die meisten Artefakte Dokumente, Briefe, Bücher, allenfalls Fotos oder Videos sind. Riesige Spruchbänder mit Forderungen der Frauenbewegung aus über 200 Jahren hat die Grafikerin Dorothea Weishaupt in in den Raum gehängt. Damit diese auch fliegen können, sind ihnen zwei grosse Flügel der Künstlerin Erica Pedretti beigegeben.

Ausstellungsansicht mit der Wand, die wachsende Freiheiten dokumentiert, während dahinter die illegale Abtreibung ein schreckliches Panoptikum bietet.

Überraschend, wie alt und zugleich gültig einige dieser Sprüche sind:
La femme demeure égale à l’homme en droits. 1791
Wöchnerinnen-Versicherung. 1904
Das Bildungsrecht kann uns nicht verweigert werden. 1845
Der Mann soll nicht mehr Haupt der ehelichen Gemeinschaft sein.1897
A travail égal au salaire égal. 1991

Unter dem Sentenzenhimmel gibt es etliche Sitzecken, wo sich müde Füsse entspannen und der wache Kopf über Hörstationen Aussagen von Protagonistinnen zum Kampf um Gleichheit, absurde Urteile oder Kurzberichte über brutale Bevormundungen reinziehen kann.

Verunsicherte Männerzünfte: Skizze für einen Anti-Emanzen-Wagen beim Sechseläuten 1870

Denn eine Ausstellung ist ja meist ein Steh-Marathon, wo es vieles anzuschauen gilt, selbst für Kennerinnen der Frauenpolitik Neues, sei es die Folgen der Rechtlosigkeit lediger Frauen und Witwen im 19. Jahrhundert, sei es der Trick, mit dem Gertrud Heinzelmann, die grosse Verliererin der 59er Abstimmung, die Ewiggestrigen ausbootete: Der Beitritt der Schweiz zu internationalen Organisationen ist so lange eine Verletzung der Menschenrechtskonvention, bis das allgemeine Stimm- und Wahlrecht gilt.

Nach dem ersten Weltkrieg erkämpfen sich Frauen in mehreren Ländern das Wahlrecht. Im zweiten Weltkrieg sind sie die Arbeitskräfte, die die Wirtschaft aufrecht erhalten, während die Männer Wehrdienst leisten. Nun folgen weitere Staaten mit der Gleichstellung. Dennoch sollen die Frauen wieder von der öffentlichen Bildfläche verschwinden, erneut wird das Bild der sanften, folgsamen Gattin und Mutter als Norm propagiert.

Karikatur zur Landsgemeinde Appenzell Ausserrhoden. Paul Brassel 1971

In diese Zeit fällt der unglaublich heftige und für die Frauen verletzende Kampf gegen das Frauenstimmrecht 1959. Gehässige Plakate mit bösartigen Karikaturen zieren die Plakatwände und Inseratseiten und nun das Museum. Die Erniedrigung der Frauen damals wird so richtig spürbar. Ein Dutzend Jahre später sind die Gegner auf dem Rückzug. Aber mit dem Stimm- und Wahlrecht beginnt die Arbeit erst.

Die patriarchale Staatsordnung mit der Idee der natürlichen Geschlechterdifferenz ist an der Urne nicht auszulöschen, die sitzt tief. Mir fällt der Kollege ein, der mir und seiner Frau um 1980 erklärte: Er könne auf ihre Backoffice-Arbeit mit Haushalt und Kindern nicht verzichten, wolle er seinen anspruchsvollen Job richtig machen. Bis die Verfassung den Menschenrechten angepasst ist, dauert es zehn Jahre und bis heute stehen Gesetze und Normen im Widerspruch mit dem Artikel, beispielsweise das Steuerrecht.


Als Prolog zur Ausstellung: Pippilotti Rists heitere und deutliche Installation «Ever is Over All», 1997, © Pipilotti Rist. Courtesy the artist, Hauser & Wirth and Luhring Augustine

Die Ausstellung bietet auch Freude, beispielsweise die Erinnerung an die Frauenstreiktage, oder die Geschichten der vielen linken und bürgerlichen Frauen, die sich im 19. und 20. Jahrhundert exponierten, und es schält sich heraus, dass der Einsatz für die Rechtsgleichheit sowie für die Anerkennung jedes Menschen als gleichwertig wichtig sei für alle, auch das ein Dreifuss-Ausspruch von der Vernissage.

Teaserbild: Logo der Kampagne «Helvetia ruft!» 2018, alliance F, Bern
Hier geht es zur Ausstellung Frauen.Rechte
Hier können Sie das Gespräch von Bundesrat Alain Berset und Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss sowie die weiteren Voten der Vernissage nachhören

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