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Tahiti – Insel der Träume

Von Ferien und fremden Ländern kann man immer träumen. Es gibt nichts Schöneres als Reisekataloge durchblättern und überall ein Eselsohr machen, wo es einen hinzieht. Am Schluss kommt der zerfledderte Katalog zum Altpapier. Es gibt aber auch Gemälde, die unsere Sehnsucht wecken, wie die Bilder von Paul Gauguin.

Ferienreisen schaffen für kurze Zeit etwas Abstand von zu Hause und erweitern unseren Horizont. Doch viele Menschen fühlen sich in der eigenen Heimat so eingeengt, dass sie auswandern wollen. Sie träumen von einer anderen, schöneren Welt. So suchte Paul Gauguin (1848-1903) stets das urtümlich Archaische, zuerst in der Bretagne, dann in der Karibik, und schliesslich fand er es in der Südsee.

Paul Gauguin, Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?, 1897, Museum of Fine Arts, Boston. Gauguin malte immer das «Paradies», auch wenn es ihm miserabel ging.

Gauguins Bilder lösen Sehnsüchte aus und locken Touristenströme nach Tahiti. Auch mich haben sie verzaubert, allerdings nicht für Traumferien. Ich bin ihnen erstmals in einer grossen Ausstellung in der Tate Gallery begegnet. Ich war neunzehn und konnte nach der Buchhandelslehre im Times-Bookshop in London arbeiten. Ich kannte Gauguins Bilder von Kunstdrucken, aber sie original zu sehen, war überwältigend. Die intensiven Farben und die kräftigen ruhigen Frauen von Tahiti haben mich tief berührt. Von da an stand für mich fest, ich wollte Kunstgeschichte studieren, um dem Geheimnis seiner Bilder näher zu kommen. Dafür musste ich allerdings zuerst die Matura nachholen.

Paul Gauguin, Frau mit Mango, Vahine, no te vi, 1892, Baltimore Museum of Art.

Im Kunstgeschichte-Studium stellte ich dann fest, es ist ein faszinierendes Fach, ich lernte viel über Kunst, Malerei und Architektur, es wurde mein Beruf. Doch Gauguin war in den frühen 1970er Jahren in der Kunstwelt kaum präsent. Und schliesslich hätte ich zum Verständnis seiner Bilder das Studium nicht unbedingt gebraucht, stellte ich später fest.

Ein Bild hat es mir besonders angetan. Als Gauguin die Frau mit Mango 1892 malte, erlebte er wohl seine glücklichste Zeit. Er lebte in Mateia, einem kleinen Ort im Süden Tahitis und fand hier die einfache Welt, von der er geträumt hatte. Anfänglich war er der Fremde, doch als er das Leben mit dem tahitischen Mädchen Téha’amana teilte, lernte er ihre Sprache und die alten Mythen kennen. Er malte sie immer wieder, am Strand, liegend als Akt, stehend mit einem Knaben auf den Schultern und einem Heiligenschein, Ia Orana Maria (Gegrüsst seist du Maria). Auch für die Frau mit Mango stand sie ihm Modell als sie schwanger war mit seinem Kind.

Gauguin wollte dem europäischen Publikum zeigen, dass die tahitische Frau einer europäischen Eva ebenbürtig und ebenso schön ist. Er versuchte, die Kultur der sogenannten Wilden den Europäern nahezubringen und sie aufzuwerten. Téha’amana stand selbst in diesem Spannungsfeld, jeden Sonntag ging sie zur Messe in die christliche Missionskirche und trug europäische Kleidung, wie es von den Missionaren erwartet wurde. Gleichzeitig kannte sie alle Götter ihres Volkes und war mit ihnen ebenso innig verbunden wie mit dem christlichen Gott, das war für sie kein Widerspruch.

Paul Gauguin, Frauen am Strand, 1891, Musée d’Orsay, Paris

Als Téha’amana das Kind zur Welt brachte, war Gauguin auf der Rückreise nach Paris. Er war in Existenznöten, weil man ihn praktisch vergessen hatte und kaum Geld schickte. Sie ging zu ihrer Familie zurück und heiratete einen Einheimischen. Gauguin kehrte zwei Jahre später nach Papeete zurück, doch die Europäisierung verdrängte zusehends sein Paradies.

Paul Gauguin, «Warum bist Du böse», 1896, Art Institut of Chicago, Chicago.

1901 zog Gauguin weiter auf die Marquesas Insel Hiva Oa. Doch zu seinem Leidwesen herrschte dort die katholische Kirche über die Einheimischen. Er versuchte sich für die Bevölkerung sowie ihre angestammte Kultur einzusetzen. Dabei provozierte er die Kirche derart, dass sie ihn verklagte. Er starb rechtzeitig mit 54 Jahren, so blieb ihm die Gefängnisstrafe erspart. Doch die Einheimischen verehren ihn bis heute, seine Nachkommen sind stolz auf ihren berühmten Gross- und Urgrossvater.

Paul Gauguin, Reiter am Strand, 1902, Museum Folkwang, Essen.

Gauguins Grab befindet sich auf einem pittoresken Friedhof über dem Meer, «gesäumt von Palmen, deren Wedel sich in der sanften Ozeanbrise sacht bewegen», schreibt ein Tourismusblog. Auch das Grab von Jacques Brel ist dort zu finden. Der Sängerpoet kam schwer krank in die Nähe seines Idols, um dort zu sterben. Brel war dem Sog von Gauguins Südseeparadies gefolgt. Und ich selbst? Nein, ich möchte nicht dort sterben und nicht einmal dort die Ferien verbringen. Es genügt mir, in Gauguins magische Bilder einzutauchen und zu träumen.

Bilder: Wiki Commons

Hier finden Sie die bereits veröffentlichten Beiträge zur Sommerserie der Seniorweb-Redaktion:

Bernadette Reichlin: Ferienträume – Traumferien
Eva Caflisch: Das Glück am Grab
Peter Steiger: Familie Steigers Reise ins Rotlichtmilieu
Maja Petzold: Erst Traum, dann Erinnerung
Josef Ritler: Expedition auf den Kilimandscharo

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