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Für die meisten jungen und alten Menschen in unserer Gesellschaft bedeuten die vier Wochen vor Weihnachten eine besondere Zeit. Der Advent ist die Zeit der Wünsche und Geheimnisse und der Traditionen und Bräuche.

Natürlich kennen Sie sie: Die immer gleichen und immer sehnsuchtsvoll erwarteten Rituale rund um die Weihnachtszeit in Ihrer Kindheit. Was ist geblieben? Immer weniger, wenn ich die Jahrzehnte durchforsche. Einige Bräuche haben sich verabschiedet und sind nur noch Erinnerung. Beispielsweise das Weihnachtsbäume in fremden Stuben zählen, wenn wir am 25. beim Eindunkeln durch leere Strassen zu den Verwandten fuhren, unvorstellbar bei der üppigen Lichtverschmutzung nicht nur um die Weihnachtszeit. Aber vorerst sind wir beim allerersten Türchen im Adventskalender: Hier meine kleine Auslegeordnung zum 1. Dezember über kleine Rituale einst und jetzt:

Der Adventskranz

Einst: Jeweils samstags vor dem 1. Adventssonntag halfen wir Mutter, den Adventskranz zu machen. Meist war er sehr einfach aus Tannenreisig mit einer roten Schleife und vier roten Kerzen. Die möglichst feuersicher zu montieren, war jeweils Vaters Aufgabe.

Ungefähr so haben die Adventskränze bei uns früher ausgesehen. Foto: Pixabay

Jetzt: Irgendwo im Keller gibt es noch eine Kranzform, die ich selbst mit Füllmaterial, einem schwarzen Strumpf und Draht zusammengebaut habe, aber dekoriert habe ich sie längst nicht mehr. Immerhin: Eine Kerze brennt auf dem Frühstückstisch.

Der Adventskalender

Einst: Er war immer aus Papier, hatte die nötigen 24 Türchen und dahinter ganz simple Grafik: ein Apfel, eine Puppe, ein Tannenschoss. Bisschen enttäuscht waren wir Kinder, wenn kein Glimmer auf dem Dekor war, und ein bisschen war auch spannend, wer von den Geschwistern das erste Törchen öffnen durfte. Von da an ging es der Reihe nach.

Hinter der Nummer eins des Vogelwarte-Adventskalender sitzt 2021 der Eichelhäher. Foto: Wiki-Commons

Jetzt: Regelmässig unterstütze ich mit der Vogelwarte eine Organisation, die ebenso regelmässig im November einen Adventskalender verschickt – eher kleinformatig und in zurückhaltenden Winterfarben. Ohne den geht es bei mir auch heute noch nicht, ich freue mich, dass ich nun das erste Türchen öffnen darf. Die Ausgabe 2021 ist dem winterlichen Leben im Eichenhain Wildenstein beim gleichnamigen Schloss im Baselbiet gewidmet.

Das Lebkuchenhaus

Einst: Das allererste Weihnachtguetsli, das unsere Mutter immer vor dem Samichlaustag backte, war das Brotleckerli, ein einfacher Lebkuchen. Aus einigen speziell zugeschnittenen Stücken formte sie mit einer Zucker-Eiweiss-Mischung das Lebkuchenhaus. Wir durften mit dem Rest der Glasur dekorieren: Linien als Fenster- und Türmarkierungen, Schneetupfer auf dem Dach.

Lebkuchenhäuschen. Foto: Ekaterina Bolovtsova by Pexels

Jetzt: Das handgeschriebene Rezept hat überlebt, eine meiner Schwestern hat es in ihr Sortiment aufgenommen. Ich freue mich jedes Jahr aufs probieren, denn darin steckt der Geschmack meiner Kinderzeit.

Die Engel

Einst: Von irgendwoher kam ein geniales Schnittmuster für Engel aus Papier ins Haus. Aus Stanniol als Standfigur oder aus leichtem Goldpapier schnitten wir sie nach Vaters mit Zirkel und Lineal genauen Zeichnung aus , versahen sie nach dem Zusammenfalten mit langen Fäden: sie hingen an den Fensterrahmen hoch über den Heizkörpern und flogen hin und her. Vater nannte sie Helikopter.

Jetzt: Eine von diesen Figuren hab ich aufgehoben. Manchmal bekommt sie einen Platz in meiner Kitschecke, wo das Jahr über kleine Objekte die Jahreszeit symbolisieren: An Ostern ein Hühnchen, im Sommer eine Blume aus Holz, Ende Oktober eine kleine Halloween-Hexe, im Advent eben der Engel aus Goldfolie. 

Christbaumschmuck aus Salzteig. Foto: © E. Caflisch

Und an Weihnachten werde ich – seit ich den Tannenbaum im Elternhaus nicht mehr schmücken kann – meinen eigenen kleinen Weihnachtsbaum in die Stube stellen, dekoriert mit den immer gleichen alten Kugeln, dem Jesuskind in der Krippe aus Salzteig und der nicht mehr so glitzernden Lamettafigur als Spitze, die alle viel älter sind als ich es je werde.

Titelbild: Advent – die erste Kerze. Foto: Pixabay


Hier können Sie die bis jetzt erschienenen Beiträge der Weihnachtsserie 2021 «Rituale» nachlesen:
Bernadette Reichlin: Blütenzauber jenseits aller Modetrends

Peter Schibli: Die Magie des Lichts
Peter Steiger: Vom Pöstler, vom Geld und von Lys Assia
Linus Baur: Rituale sind so wichtig
Beat Steiger: Wer wird wo geboren?

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