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Woher kommt eigentlich der Weihnachtsmann?

In vielen Kulturen gehört der alte Mann mit weissem Bart und roter Kutte untrennbar zu Weihnachten. Ob Samichlaus, Weihnachtsmann, Père Noël oder Blickfang im Schaufenster: im Advent und bis zu Weihnachten prägt er Stadtbild und Vorfreude. Doch wie brachte es dieser Sympathieträger zu solcher Berühmtheit?

Manch ein Schweizer Kind im fortgeschrittenen Alter erinnert sich an den Besuch des Samichlaus. Gefürchtet wegen seines Tadels, freudig erwartet wegen seiner Gaben, gehörte er zu allen Ritualen um den 6. Dezember. Lange vor den professionellen oder karitativen Chlausorganisationen war es der Onkel, der Nachbar oder sonst ein, wenn nicht angsteinflössender, doch wenigstens stattlicher Herr, der die Rolle im Auftrag der Familie übernahm.

In unserer Familie wurde manchmal ein Monteur aus der Schweiz angefragt. Er wartete während dieser Zeit in der Fabrik in Mailand eine Maschine oder baute eine auf. War es Zeit, waltete er mit tiefer Stimme seines Amtes. Gut vorbereitet von den Eltern, war er meistens ein glaubwürdiger Samichlaus. War er in der Familie bekannt, ahnten die Kinder, ihn an den Händen zu erkennen. Ein letzter Zweifel blieb doch immer: ist er’s oder ist er’s nicht?

Der Schweizer Samichlaus im Mailänder Nebel kurz vor dem Besuch bei den mehr oder weniger artigen Kindern am 6. Dezember 1956 (Foto zvg.)

Meistens las er mit würdiger Miene einen Brief vor und berichtete, was ihm das Christchindli vor dem Besuch alles Mögliche an Bravem und Bösen über uns Kinder berichtet hatte. Dann leerte er den schweren Samichlaussack auf dem Teppich aus. Mandarinen und Nüsse kullerten auf den Teppich und unter die Möbel und die Welt war wieder in Ordnung.

Der Mann mit den Geschenken

Doch wie brachte es dieser Herr, der es letztlich immer gut meint, in die Stuben von aller Welt? Bei der Suche hilft oft der Zufall. Dieses Mal in einer selbständigen Buchhandlung in Mailand mit originellem Sortiment*. Da lag das Büchlein und wartete auf mich. Zwei Autoren, Alfio und Michele Maggiolini, gehen in «La vera storia die Babbo Natale» genau dieser Frage nach.

Die wahre Geschichte des Weihnachtsmanns: ein heikles Projekt um eine meist liebenswürdige Figur, um die sich viele Sagen ranken (Buchumschlag Verlag Raffaello Cortina Editore, Mailand)

Der Weihnachtsmann sei, so die Geschichte, eine Übertragung des heiligen Nikolaus in die moderne Zeit. Der anatolische Bischof Nikolaus, der in den Jahren 270 bis 340 lebte, muss schon zu Lebzeiten eine Kultfigur gewesen sein. Ein frühreifes Kind, das, kaum geboren, vor seiner Mutter hinkniete und zwei Stunden lang betete. Er wird als Erwachsenenkind überliefert, der über das Wohl von Kindern und Erwachsenen wachte. Viele Wunder und Legenden werden ihm zugeschrieben. Unter anderem die Geschichte, wir er drei jungen heiratsfähigen Frauen, die keine Mitgift besassen, je einen Geldsack ins Fenster warf. Zwei Fenster waren geöffnet, da gelang der Wurf. Das letzte war verschlossen und so warf Nikolaus seinen Geldsack kurzerhand durch den Kamin des Hauses. Die Geschichte gefiel fast ein Jahrtausend später sogar Dante, der sie in seine Göttliche Komödie aufnahm.

Beliebte Geschenkebringer

Jedenfalls hatte sich Nikolaus als Geschenkebringer etabliert und verewigt. In dieser Rolle bekam er zwar später Konkurrenz von den drei Königen und anderen Figuren, die es aber in den Volksbräuchen nie mit Nikolaus aufnehmen konnten. Nur der Weihnachtsmann, sozusagen als kulturelle Weiterentwicklung des heiligen Nikolaus, gelang der absolute Durchbruch als Überbringer von Geschenken. Und wie wir alle wissen, in verschiedenen Kulturen und Kontinenten.

Eine schöne Erfindung der Erwachsenen

Eine spezielle Rolle hat der alte Mann mit dem weissen Bart in der roten Kutte. Erst macht der den Kindern etwas vor. Dann motiviert er die Erwachsenen zum Kauf von Geschenken, die sich sozusagen an seine ursprüngliche Stelle setzen. Und Jung und Alt bringt er Freude. Letztlich sind es die Kinder, die an den Weihnachtsmann glauben, weil die Erwachsenen ihn zu diesem Zweck erfunden haben. Auf ihn übertragen die Erwachsenen für einen Augenblick ihre eigene Erziehungsaufgabe. Der Weihnachtsmann tadelt und lobt. Und vergibt und belohnt mit Geschenken. Kommen die Kinder den Eltern auf die Schliche, sind sie nicht einmal wütend auf sie, sondern eher stolz darauf, auch erwachsen zu sein und zu denen zu gehören, die das fröhliche Treiben durchschauen.

Das Büchlein, aus dem ich die Weisheiten habe, erschien 2011. Es ist bei www.raffaelecortina.it immer noch erhältlich und ein unendlicher Fundus schöner Geschichten. Zu diesen und allen anderen rund um den Weihnachtsmann gilt sowieso: se la storia non è vera, è ben trovata. Und überhaupt: frohe Adventszeit allerseits.

* Ein Tipp für den nächsten Mailänder Besuch: «La libreria del mondo offeso», Piazza San Simpliciano 7, 20121 Milano, http://www.libreriadelmondooffeso.it/


Hier können Sie die bis jetzt erschienenen Beiträge der Weihnachtsserie 2021 «Rituale» nachlesen:
Bernadette Reichlin: Blütenzauber jenseits aller Modetrends

Peter Schibli: Die Magie des Lichts
Peter Steiger: Vom Pöstler, vom Geld und von Lys Assia
Linus Baur: Rituale sind so wichtig
Beat Steiger: Wer wird wo geboren?
Eva Caflisch: Advent Advent

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1 Kommentar

  1. Diese Weihnachtsserie gefällt vor allem auch deshalb, weil sie so vielseitig daher kommt und unsereinen an auch immer wieder an die Kindheit erinnert. Es ist auch ein Einblick in die unterschiedlichen Denkweisen, vielleicht gar Charaktere der Redakteurinnen und Redakteure bei Seniorweb. Jede neue Folge also eine Art Adventskalendertürchen in die Redaktion.

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