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Unterwegs in der vertikalen Stadt

Der Basler Journalist und Historiker Lukas Schmutz hat einen aussergewöhnlichen Architekturführer mit 26 Rundgängen durch die erste Schweizer Hochhaus-Stadt geschrieben.

Der Kanton Basel-Stadt hat (inkl. der beiden Landgemeinden Riehen und Bettingen) auf nur 37 Quadratkilometern Platz. Nicht zuletzt aus diesem Grund wächst die Metropole am Rheinknie seit einigen Jahren in die Höhe. Nach dem Messehochaus, dem Novartis Campus, den Roche-Türmen sind neue Hochhäuser wie etwa der Claraturm am Riehenring entstanden. Weitere Wolkenkratzer befinden sich in Planung.

In einem neuen Buch beschreibt der Journalist und Historiker Lukas Schmutz (65) am Beispiel von 26 Rundgängen, wie verschiedene, mit Basel eng verbundene Persönlichkeiten den aktuellen Wandel des Stadtbildes erleben. Darunter befinden sich das «Who is Who» der beteiligten Architekten Jacques Herzog, Pierre de Meuron und Meinrad Morger, die Politikerin Eva Herzog, der Wirtschaftsführer und Roche-CEO Severin Schwan. Ihre Beziehung zur Stadtentwicklung Basels schildern auch die Münsterpfarrerin Caroline Schröder-Field, die Cellistin Sol Gabetta, der Infektiologe Manuel Battegay sowie der Gassenarbeiter Michel Steiner.

Mit Karten und kleinen Fotos

Welche Orte waren für sie prägend, und welche prägen sie heute? Was halten sie von Basels neuer Skyline? Die von den Gesprächspartnerinnen und -partnern selbst gewählten Routen geben dem Buch eine überraschend persönliche Dimension. Jeder Beitrag wird durch eine Karte eingeleitet, auf der die beschriebenen Gebäude, Strassen und Plätze eingezeichnet sind. Gewöhnungsbedürftig ist die Bebilderung: Statt wie bei Architekturbüchern üblich mit grosszügigen Illustrationen, ist der Band gespickt mit vielen «Briefmarken»-Fotos, die aber an der richtigen Stelle platziert, den Text sinnvoll ergänzen.

Jacques Herzog

Als Ausgangspunkt für seinen Spaziergang hat Stararchitekt Jacques Herzog das Bernouilli-Silo im Basler Rheinhafen (Foto)  gewählt. Von der Aussichtsterrasse des 1924 erbauten Industrieturms beschreibt der Visionär seinen Blick: «Entlang des Rheins reihen sich die Quartiere von Osten nach Westen aneinander und erzählen die Geschichte Basels. Jede Epoche hat ein Gesicht. Schon das Münster sitzt wie ein Naturphänomen auf diesem Hügel am Rhein.»

Herzog spricht von «der ersten vertikalen Stadt der Schweiz», die am Rheinknie am Entstehen ist. Diese Entwicklung sei auf bemerkenswerte Art «eine Mischung von Kontinuität und Bruch», bei welcher die Pharma-Multis Novartis und Roche eine treibende Rolle spielten: «Die Power, mit der die Transformierung umgesetzt wurde, gleicht dem Ausbruch eines Vulkans. Zwei Weltfirmen in einer Topbranche sagen neu: Das ist und bleibt unser Standort, mitten in der Stadt.»

Caroline Schröder-Field

Für die Münsterpfarrerin Caroline Schröder-Field bilden Basels Hochhäuser «eine Art Kreis um die Stadt.» Sie kämen ihr vor wie eine neue Stadtmauer. So wie einst die Türme des Basler Münsters (Foto) seien die neuen Roche-Türme heute, von aussen betrachtet, das neue Stadtzentrum. Hell, modern und von überall her erkennbar. Nur dass diese wesentlich grösser seien als die historischen Münstertürme. Der Kirchenbau indes füge sich «still ins neue Stadtbild ein», habe sich gelöst «von dem, was Macht und Einfluss hat», schrieb sie zum 1000-jährigen Geburtstag des Münsters in einer Hymne.

Die Münsterpfarrerin steht nicht in Konfrontation zu den modernen Türmen, obwohl diese ihre Kirche bei weitem überragen. Und obwohl die Kirche und die Pharma entgegengesetzte Sichtweisen auf das Leben verfolgten: Der Fokus der Pharma-Lobby liegt auf die Lebensqualität, der ihrer Kirche auf ewiges Leben. Mit Blick auf die Hochhaus-Konkurrenz vor ihrem Bürofenster findet Caroline Schröder-Field: «Die Gesellschaft verliert etwas, wenn sie nicht mehr zu hören bereit ist, was die Kirche sagt.»

Severin Schwan

Wenig überraschend entpuppt sich Roche-CEO Severin Schwan auf seinem Spaziergang als erster Fan der Roche-Türme (Foto). Er ist überzeugt von der sehr einheitlichen Architektursprache, von den hellen Farben, den durchgezogenen Fensterbändern. «Insgesamt schlichte, unaufgeregte Gebäude, die in der Kombination dennoch ein interessantes und spannendes Ensemble darstellen. Vor allem im Spiel der beiden Türme miteinander.»

Als Schwan 2008 CEO des Pharma-Multis wurde, übernahm er den Vorsitz im Lenkungsausschuss der Arealentwicklung. Dennoch habe die gewählte Architektur nichts mit ihm zu tun, aber «extrem viel mit Roche», versichert er. «Es ist eine revolutionäre Weiterentwicklung aus dem Bestand. Man sieht und spürt die lange Geschichte. Jetzt kommt sie auf harmonische Art in der dritten Dimension an.»

Manuel Battegay

Der Infektiologe, Aids-Forscher und Corona-Experte Manuel Battegay beginnt seinen Rundgang bei der Basler Synagoge (Foto), die als Zeichen seines «Jüdisch-Seins» zu seinem Basler Selbstverständnis gehört. Das historische Gebäude ist für ihn ein wichtiges Versammlungslokal, Bethaus und Lehrhaus, «ein warmer Ort, lebendig und gesprächig.»

Battegays Spaziergang führt weiter via Totentanz-Pärklein zum Universitätsspital, dem Wirkungsort des Mediziners. Hier konnte er als Chefarzt seine städtebauliche Überzeugung in die konkrete Planung zur Spitalentwicklung einbringen. Als Mitglied der Wettbewerbsjury bestimmte er mit, wie der künftige Spitalcampus einst aussehen wird. Die Gebäude dürften ruhig auch von Kleinbasel aus zu sehen sein, findet er. Denn man müsse erkennen können, dass hier Spitzenmedizin geleistet werde. Ausserdem gelte es auch, an die Aussicht der Leute drinnen zu denken. «Natürlich heilt eine schöne Aussicht keine Krankheit, aber aus einem Patientenzimmer auf den Rhein zu schauen, das kann viel bedeuten.»

Eva Herzog

Ihrem politischen Credo verpflichtet, beginnt Ständerätin Eva Herzog ihren Rundgang in der Kleinbasler Kollektiv-Beiz «Hirscheneck» (Foto). Hier geht sie ein und aus, seit sie aus dem Baselbiet zum Studieren in die Stadt zog. Wichtig ist für sie, dass es unter dem organisatorischen Dach des «Hirscheneck» auch einen Dritte-Welt-Laden» gab. «Die Idee des alternativen Handels, an dem die Produzenten mehr verdienen als auf den gängigen Routen des westlichen Grosshandels, die hat mich überzeugt.» Auf dem Velo geht es weiter Richtung Kaserne, Eva Herzogs Ausgehmeile: Zum Reiz der Stadt in ihrer Studienzeit gehörten auch Tanz, Konzert, Theater und Leute-Treffen. Das alles spielte sich in Kleinbasel ab.

Prägend für Herzogs Stadtbild waren die Gespräche der «Denkbar-Serie» in der Kaserne: «Da ging es um Stadtentwicklung, konkret beispielsweise um die sogenannte Zwischennutzung, die damals ein grosses Thema war. Diese Erfahrung führte schliesslich zu Herzogs Einstieg in die Lokalpolitik und ebnete den Weg für ihre weitere politische Karriere bis nach Bundes-Bern.

Meinrad Morger

Am Beispiel seines 2013 gekauften «Haus Huber» in Riehen schildert der Architekt Meinrad Morger, der u.a. den Messeturm und den neuen Claraturm (Foto) konzipiert hat, sein Verhältnis zum Erlebnis des «Neuen Bauens». «Der ganze Baukörper ist einzigartig schön: Luft, Licht, Öffnung, Innen und Aussen verbunden, oben auf der Dachterrasse und auf dem Gartensitzplatz.» An seinem Wohnhaus hat er die Prinzipien des «Neuen Bauens» angewendet: «Flexible Grundrisse, Stahlskelettbau, Bandfenster, Dachterrasse.»

In Morgers Schaffen spielen modernes, verdichtetes Bauen mit vielen Wohnungen eine zentrale Rolle. Für die Zukunft sagt er voraus: «Das Wohnen wird einen deutlich höheren Beitrag zur Lebendigkeit des Ortes leisten müssen und können. Jetzt mit 300 neuen Wohnungen im Claraturm und dann – hoffentlich – bald noch mal mit so vielen im Rosentalturm». Dass dieser realisiert wird, findet Morger für Basel entscheidend: Weil dann das Ein und Aus der Bewohnerinnen und Bewohner dem Messeplatz auf natürliche Weise ein höheres Mass an Bewegung und Lebendigkeit verschaffen werde.

Spannendes Stück Zeitgeschichte

Lukas Schmutz’ Erstlingswerk «Basel, unterwegs» ist all jenen – sowohl Baslerinnen wie Nichtbaslern – zu empfehlen, welche die Stadt am Rheinknie (Foto: Mittlere Brücke) für sich neu entdecken und dabei Wissenswertes über Basler Persönlichkeiten erfahren wollen. Das Buch ist nicht nur ein Stadtführer, sondern ein lesenswerter Architekturguide, eine Sammlung teils sehr persönlicher Porträts sowie ein spannendes Spazierbuch, das auch professionelle Stadtkennerinnen und -kenner sowie Architekturinteressierte dazu anregen dürfte, die erste Vertikalstadt der Schweiz aus einem anderen Blickwinkel neu zu erleben. «Basel, unterwegs» ist ein unkonventioneller Stadtführer und ein spannendes Stück Zeitgeschichte.

Titelfoto: Projektion der Basler Skyline, mit Roche-Türmen. Foto: telebasel / weitere Fotos: Zumbühl / Sojka/ Taxiarc / Rapp / Rynacher.

Lukas Schmutz, «Basel, unterwegs», 26 Spaziergänge, Ansichten von Beat Aeberhard, Annette Gigon, Lukas Gruntz, Eva Herzog, Jacques Herzog, Dorothee Huber, Esther Keller, Ueli Mäder, Pierre de Meuron, Meinrad Morger, Katja Reichenstein, Peter Suter u.v.m. Merian Verlag, 2022, ISBN 978-3-85616-969-5.

Christoph Merian Verlag

 

 

 

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