StartseiteMagazinKulturUralte Fresken und ein Glas Traminer

Uralte Fresken und ein Glas Traminer

Tramin im Südtirol ist bekannt als Namensgeber des Gewürztraminers. Der Ort ist auch stolz auf mittelalterliche Fresken in der Jakobskirche.

Erde – Himmel – Unterwelt: Die Aufteilung in Ober- und Unterwelt, in göttlich und teuflisch, hat die Menschen in vielen Kulturen schon vor dem Christentum beschäftigt. Zeuge aus der christlichen Frühromanik sind Fresken in einer kleinen Kirche über Tramin. Bestien und bedrohliche Fabelwesen ziehen die Besucher in ihren Bann.


Die romanische Apsis von St. Jakob auf Kastelaz. Foto: wikicommons

Diese Fresken sind ein faszinierendes Zeugnis mittelalterlichen Kunst und von grosser kulturhistorischer Bedeutung. Sie gehören zu den ältesten Freskenzyklen des deutschen Sprachraums und bieten einen Einblick in die damalige religiöse Weltanschauung.

Hier nicht zu sehen sind die Fresken mit den zwölf Aposteln und zuoberst in der Apsiskalotte der thronende Christus, die Maiestas Domini, umgeben von vier Evangelistensymbolen. Mit der Zweiteilung von oben und unten ist die Distanz zwischen dem Göttlichen und dem Irdischen, dem Heiligen und dem Sündigen, oben an der grossen Freskenwand und unten im Sockelband dargestellt.

Versammlung der Fabel-und Mischwesen: die Figur ganz links sieht nach Fischmensch aus; daneben ein Mann, der auf einem Ziegenfisch reitet und von einer zweischwänzigen Schlange gebissen wird; weiter rechts eine doppelschwänzige Sirene; dann ein Mensch mit Raubtierkopf, der in eine Schlange beisst (oder als Variante auf das Tier der Weisheit hört).

Die Exklusivität der romanischen Fresken in St. Jakob in Kastelaz ist das phantasievoll ausgearbeitete Bestiarium, die Darstellung dämonischer Mächte und bedrohlicher Fabelwesen aus der antiken Mythologie. Es geht dabei um eine Darstellung des Kosmos, das Göttliche oben, das Unheilige unten. Die Mischwesen symbolisieren somit den Gegenpol zur göttlichen Ordnung.

Vogelfrau mit einem dritten Kopf-Schnabel-Arm.

Die Beziehung zwischen Fabel- und Mischwesen, zwischen Mensch und Tier ist von Projektionen geprägt. Sie ist ambivalent: Einerseits stellen Tiere eine Gefahr dar, andererseits werden sie wegen ihrer Eigenschaften, zum Beispiel wegen ihrer Kraft und Schnelligkeit, bewundert. Diese Faszination vergöttert sie, verteufelt sie auch. So übernehmen sie menschliche Stärken und Schwächen wie auch Tugenden und Laster. Sie zeigen sinnbildhaft, was davon in unserer animalischen Natur lebt.

Man kann diese Fantasiefiguren in Gruppen ordnen: Mischwesen als Mensch und Tier in betont menschlicher Haltung (Tiermensch) und Mischwesen mit Tierleib und/oder in betont tierischer Haltung (Menschentier). Die Überlegenheit einzelner Tiere – verbunden mit menschlichen Eigenschaften – wird benutzt, das Göttliche darzustellen. Es sind nicht Abbildungen von Göttern, als vielmehr Aussagen über gottähnliche Wesenszüge oder Eigenschaften.

Die beiden Figuren in den Ecken der Apsis wurden als Adam und Eva bezeichnet. Die Deutung ist umstritten.

Göttliche Wesen in Tiergestalt finden sich in vielen Religionen und Kulturen. Das Christentum übernahm politisch und kulturell das Erbe der weiten römischen Welt und der Antike. Sein Menschenbild drückt sich in der Ebenbildlichkeit Gottes aus. Im Unterschied zu allen anderen Lebewesen besitzt der Mensch eine Seele und setzt sich somit von andern Lebewesen ab. An eine beseelte Natur zu glauben galt als primitiv und heidnisch. Mythologisches Denken wird bekämpft. Das irdische Leben ist nicht das Wesentliche – all das Denken und Handeln soll auf das jenseitige Leben ausgerichtet werden. Die Schöpfung ist aus Gegensätzen aufgebaut: geistig und leiblich, männlich und weiblich, oben und unten. Oben ist das Reich Gottes, des Ewigen unten das Reich der Menschen und das des Vergänglichen und der Verdammnis.

Kirche St. Jakob auf Kastelaz, einem Burghügel über Tramin, Südtirol. In der Kirche gibt es neben den romanischen auch gotische Fresken. Foto: SMLW wikimedia commons

Die Kirche hat Bilder und Motive adaptiert und uminterpretiert. Im sechsten Jahrhundert weist Papst Gregor der Grosse der Kirche die Aufgabe zu, den Gläubigen die Schöpfungs- und Heilsgeschichte nahe zu bringen. Im zehnten und elften Jahrhundert kamen die Pilgerfahrten auf. Südtirol als Durchgangsland spielte hier eine besondere Rolle. In Südtirol allein gibt es 25 Jakobskirchen und Kapellen.

Doch zurück in unser Zeitalter. Das Dorf mit dem St.Jakobskirchlein ist nicht irgendeines, sondern Tramin, Heimstatt des hiesigen Gewürztraminers. Um diese Rebsorte dreht sich alles in dem etwas mehr als 3000 Einwohner zählenden Ort an der Weinstraße.

Titelbild: Kentauernkampf
Fotos: © Justin Koller

Weitere Informationen zu Kastelaz/St. Jakob
Mehr Angaben beim Tourismusverein Tramin

Seniorweb hat über die Südtiroler alpine Strasse der Romanik berichtet
sowie über den fasnächtlichen Egetmannumzug in Tramin

 

 

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