Das Centre Dürrenmatt in Neuenburg, hoch über dem See gelegen, zeigt in seiner neuen Ausstellung «Babel – Hochmut kommt vor dem Fall» Werke von Friedrich Dürrenmatt selbst und als Ergänzung Arbeiten jüngerer Künstlerinnen und Künstlern.
Die sagenhaften Gestalten der Antike, Prometheus, der Minotaurus in Knossos oder der Atlas, interessierten Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) Zeit seines Lebens. Auch die Bibel, besonders das Alte Testament, bietet solche Stoffe: den Turmbau zu Babel etwa. Es war nicht der urtümliche Mythos, der Dürrenmatt künstlerisch anregte, es war die Beziehung zur Gegenwart, zu Dürrenmatts Gegenwart vor vierzig oder gar fünfzig Jahren, aber noch aktueller: zu unserer Gegenwart, zu der Zeit, in der wir leben.
Friedrich Dürrenmatt, Turmbau I, 1952, Tusche auf Papier, 49.5 × 39 cm, Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel © CDN / Schweizerische Eidgenossenschaft
«Der Turm zu Babel ist das Sinnbild der menschlichen Hybris. Er bricht zusammen, und mit ihm stürzt die Menschenwelt zusammen. Was die Menschheit hinterlassen wird, sind ihre Ruinen.» So äusserte sich der Künstler selbst zu seinen Bildern und Zeichnungen über das Gleichnis in der Bibel.
Auch die Sprache, das Werkzeug des Schriftstellers, wird vom Einsturz des Turms betroffen: Gab es vorher EINE Sprache, in der Mensch und Gott miteinander verkehrten, so sprachen die Menschen nachher «in den verschiedensten Zungen», sie verstanden sich untereinander nicht und konnten folglich auch Gottes Worte nicht mehr verstehen. Der kleine Turm in Dürrenmatts Garten zeigt das symbolhaft: Die Sprache ist zu Buchstaben zerfallen, nicht ausreichend für ein sinnvolles Gespräch.
Friedrich Dürrenmatt, Turmbau IV : Vor dem Sturz, 1976, Tusche auf Papier, 51 × 36 cm, Jakob & Philipp Keel Collection © Centre Dürrenmatt Neuchâtel / Schweizerische Eidgenossenschaft
Hybris ist nicht ausgestorben
Der in der griechischen Antike wohl bekannte Ausdruck Hybris gilt für den Grössenwahn, einen Turm in den Himmel bauen zu wollen. Heute benennen wir solche Vorhaben anders, die Überheblichkeit, den Wahnsinn einer solchen Unternehmung kennen wir jedoch durchaus. – Der Untertitel der Ausstellung «Hochmut kommt vor dem Fall» drückt das aus.
Der Turmbau zu Babel beschäftigte die christlich geprägte Menschheit, besonders in der flämischen Malerei des 16. / 17. Jahrhunderts. Pieter Breughel der Ältere malte wohl die berühmteste Darstellung seiner Epoche. Dürrenmatt nahm sich den Turmbau über Jahrzehnte vor, in Zeichnungen, Texten und als Theaterstück. «Ein Engel kommt nach Babylon» sei hier genannt.
Friedrich Dürrenmatt, Gottmond und Menschmond, 1969, Collage und Gouache auf Papier, 32 × 23.9 cm, Privatsammlung © Centre Dürrenmatt Neuchâtel / Schweizerische Eidgenossenschaft
Dazu lesen wir bei Dürrenmatt: «Was mich an Babylon reizte, war das Heutige, das Zyklopische dieser Stadt, als eine Art New York mit Wolkenkratzern und Elendsvierteln – Babylon steht für Grossstadt überhaupt.» Im 21. Jahrhundert ist dem anzufügen: Die dem Turm zu Babel ähnlichen Projekte befinden sich nun wieder in der Nähe des alten Babylons.
Friedrich Dürrenmatt, Prometheus, Menschen formend, 1988, Gouache auf Karton, 99,4 × 69,7 cm, Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel © CDN / Schweizerische Eidgenossenschaft
Grössenwahn im 21. Jahrhundert
Zu den Werken des «Hausherrn» platzierte die Kuratorin Duc-Hanh Luong Arbeiten jüngerer Künstlerinnen und Künstler, teils extra für diese Ausstellung geschaffen, wie das sieben Meter grosse Wandbild von Line Marquis (*1982 in Delémont).
Line Marquis, Danke für die segensreiche Emanzipierung aus der Serie Ex voto, 2026, Öl auf Leinwand, 38 × 45 cm, Courtesy der Künstlerin
Vier gewaltige Bronzeskulpturen steuerte Hansjürg Buchmeier (*1965 in Winterthur) bei. Diese Figuren wurden aus Architekturmodellen gefertigt und zeigen, wie das Unberechenbare neue Formen und Bedeutungen hervorbringt.
Hansjürg Buchmeier, Contingentia I-V, 2017, Bronze, zwischen 123 und 219 cm Höhe, Courtesy des Künstlers
Peter Aerschmann (*1969 in Fribourg) arbeitet mit den Mitteln digitaler Kunst. Er ist einer der Mitbegründer des Berner PROGR. – Die Schriftstellerin Antoinette Rychner (1979 in Neuenburg) setzt sich in ihren Texten mit Fragen der sozialen und ökologischen Gerechtigkeit auseinander und schreibt über Verletzlichkeit, Solidarität und Hoffnung. Sie hat einen Text zum Thema Hybris verfasst, der im Cahier des CDN veröffentlicht wird und in der Ausstellung zu hören ist.

Peter Aerschmann, BABEL I, 2012, Video, 8 Min loop, Courtesy des Künstlers
Im grossen Ausstellungssaal begegnen wir einer Künstlerin, die einige Jahrzehnte in Ligerz am Bielersee gelebt und gearbeitet hat: Erica Pedretti (1930-2022). Wie Dürrenmatt arbeitete sie ebenso literarisch wie bildnerisch. Ihre beiden Installationen zu «Ikarus» ergänzen das Thema dieser Ausstellung aufs Beste.
Das CDN als attraktives Ausflugsziel
Gabriel Grossert, der neue Leiter des Centre Dürrenmatt, erweitert die Ausstellung durch verschiedene Veranstaltungen mit Musik, Tanz und Literatur. Wie schon in den letzten Jahren wird die Vielfalt gepflegt: Gesellige und festliche Anlässe – ein Brunch rund um Dürrenmatts Schwimmbad (s. Titelbild) oder DJ-Sets auf der Terrasse – bereichern das sommerliche Rahmenprogramm.
Die Ausstellung «Babel – Hochmut kommt vor dem Fall» mit Werken von Friedrich Dürrenmatt, Line Marquis, Antoinette Rychner, Peter Aerschmann, Hansjürg Buchmeier, Erica Pedretti, Antoine Roegiers und Du Zhenjun ist bis 16. August 2026 geöffnet.
Auf der Webseite finden Sie Informationen über Öffnungszeiten, Anreise und Veranstaltungen.
Das Centre Dürrenmatt Neuchâtel (CDN) ist als Museum Teil der Schweizerischen Nationalbibliothek (NB), einer Institution des Bundesamtes für Kultur (BAK).
Titelbild: Erica Pedretti, Erinnerung an den Turm von Babel. Schilf, Eisen und Acrylfarbe, 2000. Privatsammlung Pedretti. Foto mp
Aktuell steht der Turm zu Babel neben Dürrenmatts früherem Schwimmbad.
Frühere Ausstellungen im CDN:
Friedrich Dürrenmatt und der Fussball
Dürrenmatt und die Atombombe
