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Der unbeugsame Wille zur Autonomie

Ist es ein altes Klischee, das sich in Südtirol verwirklicht hat? Bergvölker beugen sich nicht gern unter fremde Herrschaft. Wir schauen uns in der Geschichte Südtirols um.

Dass Tiroler und Tirolerinnen Österreicher sind, ist unbestreitbar. – Jedoch: Südtirol gehört seit 1918, dem Ende des Ersten Weltkriegs, de facto zu Italien, seit dem Abschluss des Versailler Vertrags 1921 auch de iure. Das Österreich-Ungarische Kaiserreich musste sich den Siegern des 1. Weltkriegs beugen, die Südtiroler hatten dazu nichts zu sagen.

Der Südtiroler Wille zur Selbstbestimmung ist allerdings viel älter als diese einschneidende Grenzziehung vor hundert Jahren. Denn schon einmal wurde Tirol von den österreichischen Stammlanden abgetrennt: Napoleon hatte überall, wohin er kam, neue politische Strukturen geschaffen.

Andreas Hofer auf dem Bahnhofsplatz von Meran (Foto: Armin Kübelbeck / commons.wikimedia.org)

Das Österreichische Kaiserreich stand 1805 immer noch im Krieg mit Napoleon, während der König von Bayern mit dem französischen Herrscher einen Friedensvertrag abgeschlossen hatte. Tirol wurde – als Belohnung für diesen Einigungsvertrag – Bayern zugeschlagen, womit die Tiroler nicht zufrieden waren. Eine Trennung zwischen Nord- und Südtirol gab es damals noch nicht. Gemäss dem neuen französischen System wurde Tirol in drei Kreise eingeteilt: Inn-, Eisack-, Etschkreis.

In Frankreich werden die Departemente immer noch gemäss der napoleonischen Gliederung nach Flüssen benannt. Das Dipartimento dell’Alto Adige («Etschkreis») geht also auf Napoleon zurück. Die Bezeichnung werden wir im 20. Jahrhundert wiederfinden.

Die Kriegszüge Napoleons waren bekanntlich noch lange nicht beendet. Als Bayern 1808/9 Truppenaushebungen in Tirol durchführte – als neuer Verbündeter durchführen musste -, kam es unter der Führung von Andreas Hofer, einem Gastwirt aus dem Südtiroler Passeiertal, zu einer breitunterstützten Revolte. Der Fluss Passer, der dem Passeiertal seinen Namen gibt, durchfliesst Meran, bevor er in die Etsch fliesst. Das Wirtshaus von Andreas Hofer, dem Sandwirt, wie man ihn nannte, besteht noch heute oberhalb von Meran und ist ein beliebtes Ausflugsziel mit Museum, Gedenkstätte und Kapellen.

Die Erschiessung von Andreas Hofer in Mantua am 20. Februar 1810 / commons.wikimedia.org

Die Aufständischen unter Hofers Führung konnten sich ein halbes Jahr halten, wurden dann aber vernichtend geschlagen. Andreas Hofer wurde hingerichtet – und galt seitdem als Volksheld, dessen Name uns vielerorts begegnet, oft auch als Denkmal. In verschiedenen Ländern sah man ihn als Vater der Befreiungsbewegungen; nicht nur Nationalisten, sogar Kommunisten verehrten ihn.

Das 20. Jahrhundert: Bewegte Zeiten

Nach dem 1. Weltkrieg, genauer gesagt, schon 1922 kam Mussolini in Italien zur Macht. Ihm ging es um die Festigung und Zentralisation seiner Macht. Nicht nur in Rom, sondern auch in Bozen erkennt man die klotzigen Bauten im Stil der Faschisten. Mussolini siedelte ausserdem viele Italiener aus ärmeren Regionen an, um Südtirol zu italienisieren. Alle Ortsnamen erhielten einen italienischen Namen, in einem Land, das vorwiegend von Menschen deutscher Muttersprache bewohnt wurde.

Der Bozner Bahnhof – ein Beispiel für Mussolinis Baustil (Foto Ruth Vuilleumier)

Die Südtiroler mussten im 2. Weltkrieg noch einmal Zerstörung und Niederlage erleben. – Eine Weinbäuerin bei Bozen erzählte uns, dass in den Weinbergen noch immer unerwünschte ‹Souvenirs› des 2. Weltkriegs – Blindgänger – lägen.

Dass die Unmenschlichkeit von Faschismus bzw. Nationalsozialismus an Südtirol nicht vorbeigegangen war, erfuhren wir im Bozner Dom. Als wir die grosse gotische Kirche von innen anschauten, sahen wir zu unserem Erstaunen ein grosses Foto eines jüngeren Mannes, das den Hauptaltar zudeckte – für meine Begriffe ein ungewöhnliches Bild in einer katholischen Kirche. Wir entdeckten die Erklärung an der Seite: Der junge Südtiroler hätte gegen Ende des 2. Weltkriegs, als Mussolini schon geflohen war und Hitler im September 1943 Südtirol besetzt hatte, in die SS-Wehrmacht eintreten müssen. Er hatte sich geweigert, wurde zuerst ins Gefängnis und schliesslich in ein Konzentrationslager gebracht, wo er verstarb. Der Tag unseres Besuches wird in dieser Kirche als sein Gedenktag gefeiert.

Der Bozner Dom Maria Himmelfahrt, Stadtpfarrkirche und Bischofssitz zugleich (Foto mp)

Als die schlimmsten Jahre nach dem Krieg vorbei waren, erwachte der Wunsch der Südtiroler nach Autonomie wieder. Auch in völkerrechtlichem Rahmen verhandelten die europäischen Staaten über Minderheitenschutz. Weitsichtige Staatsmänner wie der Italiener De Gasperi begannen schon bald nach dem Ende des 2. Weltkriegs zu sondieren, wie eine neue Ordnung Europas verwirklicht werden könnte. Alcide De Gasperi war noch im alten Österreich-Ungarn im Trentino geboren worden und beherrschte Deutsch und Italienisch gleichermassen perfekt. Aufgrund seiner Bemühungen um Zusammenarbeit gilt er als einer der Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft. Ein Abkommen, das er zusammen mit dem österreichischen Aussenminister Karl Gruber schloss, bildete die Grundlage von Südtirols Autonomie.

Aber in Südtirol krachte es noch einmal. Ende der 1950er und 60er Jahre machten militante Autonomisten von sich reden, denn das 1. Autonomiestatut von 1948 wurde ungenügend umgesetzt. Vor allem fühlten sich die Deutschsprachigen diskriminiert, denn die Verwaltungskreise waren so eingeteilt, dass sich die Italienischsprechenden in der Mehrheit befanden. Erst 1992 trat das aktuell gültige, schon 1972 ausgehandelte Autonomiegesetz vollständig in Kraft, das den Regionen Südtirol / Alto Adige und Trient weitgehende Autonomie zugesteht und beide Sprachen gleich behandelt; auch das Ladinische, in manchen Gegenden noch lebendig, ist seitdem als Minderheitensprache anerkannt.

Ein Denkmal aus alten Zeiten: Die Burg Tirol, sie steht nahe dem Dorf Tirol oberhalb von Meran (Foto mp)

Die Südtiroler sind heute stolz auf ihre Rechte, die auch in wirtschaftlichen Erfolgen sichtbar werden. Die erwähnte Weinbäuerin zeigt mit Genugtuung auf die Rebberge rund um Bozen und erklärt: «Wenn wir die nicht durch ein Gesetz geschützt hätten, wären alle Hänge zugebaut. So dürfen nur bestehende Häuser ersetzt werden. Die Weinberge dürfen nicht verschwinden.» – Landschaftsschutz und Beitrag zur Erhaltung traditioneller Landwirtschaft in einem.

Für den Südtiroler Wohlstand spielt auch der Tourismus eine wichtige Rolle, erleichtert durch die nach unseren Erfahrungen sehr gute Zweisprachigkeit und ein ausgezeichnet ausgebautes ÖV-Netz. Mit den gut aufeinander abgestimmten Bus- und Bahn-Verbindungen erreicht man fast jede Ecke Südtirols.

Die Reise wurde vom Tourismusbüro IDM Südtirol-Alto-Adige organisiert.

Titelbild: Der Berner Physiker, Bergführer, Homöopath und Maler Jürg Reinhard schuf diese künstlerische Interpretation der berühmten «Drei Zinnen» in den Dolomiten.

Empfehlung: Wer mehr über das Leben in Südtirol im 20. Jahrhundert erfahren möchte:
Francesca Melandri: Eva schläft. Aus dem Italienischen von Bruno Genzler.
Wagenbach Taschenbuch Nr. 805. ISBN 978-3-8031-2805-8. (Laut Angaben des Verlags lieferbar)

Teil 1: Ruth Vuilleumier: Südtirols Schätze entdecken
Teil 2: 
Maja Petzold: Auf alten Wegen
Teil 3: Ruth Vuilleumier: Italienischer Charme in Südtirol
Teil 4: Maja Petzold: Der unbeugsame Wille zur Autonomie
Teil 5: Ruth Vuilleumier: Kurstadt an der Passer
Teil 6: Maja Petzold: Brot, Wein, Äpfel und ein Highlight 

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