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Auf alten Wegen

Über die Alpenpässe sind Menschen seit Jahrtausenden gewandert. Von zwei besonderen Männern, denen man in Südtirol oft begegnet, soll hier die Rede sein.

Der erste gilt inzwischen als der berühmteste Südtiroler überhaupt: Der Mann aus dem Eis, der Gletschermann oder kurz «Ötzi» genannt. Als seine Mumie vor dreissig Jahren am Tisenjoch fast an der Grenze zu Österreich gefunden wurde, ahnte niemand, dass er ungefähr 5’300 Jahre im Eis gelegen hatte. Ein einzigartiger Fund, vor allem für Wissenschaftler, Archäologinnen, Anthropologen, Genetikerinnen, Mediziner. Was die Forscherinnen und Forscher im Laufe der Jahre herausgefunden haben, fasziniert, sobald wir uns damit beschäftigen.

Diese Nachbildung des Gletschermanns ist das einzige Museumsobjekt, das fotografiert werden darf.

Die Mumie ist so originalgetreu wie nur möglich im Bozner Archäologiemuseum ausgestellt, schwach beleuchtet hinter dickem Glas, um den Zustand von Ötzi zu erhalten, denn die Forschungen werden wohl nie ganz abgeschlossen sein. Es ist dem enormen Fortschritt der Genetik zu verdanken sowie den Möglichkeiten, Daten der Menschheitsgeschichte exakt zu bestimmen, dass wir heute so viel über diesen frühen Berggänger wissen, der in den Ötztaler Alpen in einer geschützten Senke im Herbst 1991 nach einem besonders heissen Sommer entdeckt wurde. Es dauerte eine Weile, bis klar war, dass man den ältesten Steinzeitmenschen entdeckt hatte, dazu mit einer vollständigen Ausrüstung, seiner kunstvoll verarbeiteten Kleidung und seinen Werkzeugen.

Ötzi stammte wohl entweder aus dem Schnalstal, das näher bei der Fundstelle liegt, oder aus dem Eisacktal. – Der Eisack fliesst vom Brennerpass nach Süden. Der ca. 45 Jahre alte Mann – ein hohes Alter für jene Zeit – war knapp 1.60 m gross, normal für Steinzeitmenschen. Eine «Rekonstruktion» bringt uns Laien sein Aussehen näher. Tanja Cassitti, unsere Führerin, findet sie sehr gelungen bis auf die Hände, die ihrer Meinung nach zu gross und zu grob gestaltet wurden. – Doch Ötzi musste ja vieles von Hand machen, er brauchte kräftige Hände.

Der Mann aus dem Eis litt an Arterienverkalkung, worüber die Mediziner sehr überrascht waren. Bisher hatte man Arteriosklerose als Zivilisationskrankheit bezeichnet. Nach dem Befund beim Gletschermann mussten die Forschenden andere Ursachen suchen und entdeckten eine genetische Prädisposition für dieses Leiden. Ötzi muss über heilerisches Wissen verfügt haben, denn er behandelte sich selbst mit tattoo-artigen Markierungen auf der Haut.

Woran ist Ötzi gestorben, fragte man sich lange. Auch heute sind sich die Wissenschaftler nicht vollkommen einig: Sicher ist: Eine Pfeilspitze hatte ihn von hinten getroffen, «es war Mord», sagt Frau Cassitti. Ötzi erwartete wohl nicht, dass er verfolgt wurde, denn ca. eine Stunde vor diesem Ereignis hatte er noch eine kräftige Mahlzeit zu sich genommen, mit Fleisch und Getreide. Aber Verletzungen an der Hand deuten auf einen Kampf am Tag vorher hin. Starb Ötzi nun, weil die Pfeilspitze die linke Arteria subclavia traf und er schnell verblutete? Oder starb er an einem Schädel-Hirn-Trauma, weil er durch den Pfeilschuss unglücklich fiel? Wir werden es vielleicht nie sicher wissen. Unzweifelhaft ist die Faszination, die diese Geschichte auf Gelehrte und Laien ausübt.

Interview mit Prof. Dr. Albert Zink, dem Direktor des Mumienforschungsinstituts an der EURAC in Bozen. Ötzi-Museum

«. . . du, glückliches Österreich, heirate»

Diese Statue des grossen Kaisers steht neben der Herbstenburg in Toblach

Maximilian I. (geb. 1459, gest. 1519) gilt unter den Habsburger Herrschern als einer der beliebtesten. In Südtirol wie auch im österreichischen Tirol stossen wir allerorten auf Zeugnisse seiner Anwesenheit. Man nannte ihn den «letzten Ritter», denn das Mittelalter, die hohe Zeit der Ritter, ging zu Ende. Maximilian, ein hochgebildeter, damals «moderner» Mann, förderte die Künste und interessierte sich stark für die neue Ausrichtung der Gelehrten: Humanismus und Renaissance.

Als Kaiser des «Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation» verband er durch Heirat geschickt verschiedene Fürstenfamilien, worauf der Spruch anspielt: «Andere führen Kriege, du glückliches Österreich heirate» (Bella gerant alii, tu felix Austria nube). – Kriege führte Maximilian allerdings auch. Unter seinem Enkel Karl V. wurde Österreich, durch Heirat mit Spanien verbunden, zum Reich, in dem die Sonne nie unterging.

Zu Fuss – wie Ötzi – überschritt Maximilian die Berge wohl nicht, eher in einer Kutsche oder hoch zu Ross. Den Brenner, den niedrigsten Alpenpass, hat er wohl unzählige Male überquert. Nicht nur für kaiserliche Reisende, sondern auch für Händler war die Verbindung von Österreich und Bayern über den Brenner nach Italien der wichtigste Pass. Das berühmte Augsburger Handelshaus der Fugger hatte extra für seine intensiven Handelsbeziehungen einen Ableger in Bozen eingerichtet.

Die Herbstenburg, ausgebaut von Christoph von Herbst, Richter in Toblach, und seinem Bruder Kaspar.

In Toblach im Pustertal mit wunderbarem Blick auf die Dolomiten stiessen wir unerwartet auf Maximilians Spuren. Auf der kleinen, fast familiären Herbstenburg, damals gerade von den neuen Besitzern ausgebaut, hatte sich der Kaiser zweimal, in den Jahren 1508 und 1511 aufgehalten. Er ruhte sich dort nicht einfach aus, sondern bereitete den Reichstag 1508 in Augsburg vor. Das heisst, er schickte seine Boten von diesem abgelegenen Ort aus an alle Fürsten seines Reiches. Toblach lag damals nämlich an einer Handelsstrasse nach Venedig, war also gut vernetzt.

Erdpyramiden am Ritten oberhalb von Bozen (alle Fotos: mp)

Um vom Papst gekrönt zu werden, wie es sich für einen Kaiser gehörte, wollte Maximilian nach Rom reisen. Dass er schliesslich in Trient gekrönt wurde, lag an einem Streit mit den Venezianern, die ihn nicht passieren liessen. In Südtirol selbst waren die Wege nicht so ausgebaut wie heute. Man konnte nicht vom Brenner aus das Eisacktal durchfahren, sondern musste südlich von Brixen einen Umweg über den Ritten oberhalb von Bozen nehmen. Dort sind wir auf Maximilians Pfaden, dem «Kaiserweg», gewandert, was sehr reizvoll ist, denn zwischen dem Gehölz der Hänge befinden sich an verschiedenen Stellen Erdpyramiden, ein Naturphänomen, das bei bestimmten geologischen Bedingungen entstehen kann, in der Schweiz im Val d’Hérémence VS. Genaueres darüber weiss Ruth Vuilleumier im nächsten Beitrag.

Und schliesslich sind wir auch in Meran auf Maximilians Spuren gestossen: In der Landesfürstlichen Burg, einer noch kleineren Burg als der oben erwähnten Herbstenburg, konnten wir sogar das Bett anschauen, in dem der Kaiser geschlafen haben soll.

Da viele Einrichtungsgegenstände in diesem hübschen kleinen Museum nicht aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts stammen, sondern etwas später zu datieren sind, ist an diesem Ort unsere Fantasie vonnöten. – Die weissen Bettlaken wirken jedenfalls einladend.

Die Reise wurde vom Tourismusbüro IDM Südtirol-Alto Adige organisiert.

Teil 1: Ruth Vuilleumier: Südtirols Schätze entdecken
Teil 2: 
Maja Petzold: Auf alten Wegen
Teil 3: Ruth Vuilleumier: Italienischer Charme in Südtirol
Teil 4: Maja Petzold: Der unbeugsame Wille zur Autonomie
Teil 5: Ruth Vuilleumier: Kurstadt an der Passer
Teil 6: Maja Petzold: Brot, Wein, Äpfel und ein Highlight 

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3 Kommentare

  1. Schöner Bericht über unsere östliche Nachbarregion.
    Für einmal etwas Gehaltvolleres über das Hochpustertal als der vor einem Jahrzehnt überall populäre Fernsehfilm «Un passo dal cielo».
    Und was viele nicht wissen: die Oetzi-Fundstelle ist auf der schweizerischen Landeskarte eingetragen, samt dem Wanderweg Similaunhütte – Tisenjoch (www.map.geo.admin.ch öffnen und dann auf Masstab 1:12.500 zoomen).

  2. So wie die Schöllenenschlucht beim Gotthardpass war auch der Weg durch die Eisackschlucht mühsam und es brauchte auch hier einen Ausbau, der damals als technische Meisterleistung galt.

    Der Kuntersweg wurde im 14. Jahrhundert angelegt. Der Umweg von Kollmann nach Lengmoos und hinunter nach Bozen betrug 900 Höhenmeter Die unternehmerisch beachtliche Bauleistung der Neutrassierung wertete die Brennerstrecke enorm auf und begünstigte die Entwicklung Bozens zur bedeutendsten Handelsstadt Tirols.

    Heinrich Kunter – nach ihm der Name des Weges – bekam am 1314 gemeinsam mit seiner Frau Kathrein vom Landesfürsten Graf Heinrich von Tirol das Recht für den Ausbau, konnte dafür einen Wegzoll erheben sowie daran zwei Tavernen betreiben. Es waren als nicht die Genossenschaften der Talbewohner wie am Gotthardpass sondern frühkapitalistisches Unternehmertum», das auf die rasche Amortisierung erheblicher ökonomischer Vorleistungen setzte. (Wikipedia)

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