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Sommerwochen in der Wüste

Muss man verrückt sein, einige Wochen im Hochsommer in der israelischen Wüste, dem Negev, zu verbringen, um bei archäologischen Ausgrabungen mitzuwirken?

Nein, fand ich vor fünfzig Jahren, im Gegenteil. Wie man im Boden Spuren aus alten Zeiten findet und daraus das Leben der damaligen Menschen rekonstruieren kann, hat mich schon früh fasziniert. Genau gesagt, seit ich eine Biografie über Heinrich Schliemann gelesen hatte, über seinen Enthusiasmus und seine unbeirrbare Überzeugung, er könne das Troja aus Homers Epos Ilias ausgraben.

Seit Schliemann, der übrigens vor 200 Jahren geboren wurde, sich mit Leib und Seele in Kleinasien seinen Ausgrabungen gewidmet hatte, war viel geschehen. Die Archäologie war zur Wissenschaft geworden, die in den letzten fünfzig Jahren durch neue Techniken viel genauere und differenziertere Aussagen machen kann. Auch das eigentliche Ausgraben wird sorgfältiger und überlegter durchgeführt als zu Schliemanns Zeiten. Davon können Expertinnen und Experten ein Lied singen.

Blick auf die frühere Anlage der Stadt (im Vordergrund) und auf die spätere Festung oben auf dem Hügel (heute rekonstruiert). © Ian Scott / wikimedia.org

Ich hingegen war als einfache Hilfskraft zum Tel Arad gekommen, einem Hügel, der nordwestlich der heutigen Kleinstadt Arad liegt, östlich vom «Tor zum Negev»: Be’er Scheva. Es war damals sehr friedlich. Der Sechstagekrieg war vorbei. Die Israelis fühlten sich als Sieger einigermassen sicher, die arabischen Nachbarn waren nicht auf neue Kämpfe eingestellt. Wir waren eine Gruppe von Helferinnen und Helfern aus verschiedenen Weltgegenden. Einige studierten Archäologie, dann gehörten solche Einsätze zu ihrem Studienprogramm; andere kamen aus Wissbegier und mit dem Wunsch, in ihren Ferien etwas Nützliches zu tun. Ich hatte mein Geschichtsstudium gerade abgeschlossen, aber von Ausgrabungen verstand ich nichts.

Für archäologische Projekte werden häufig Helferinnen und Helfer benötigt, denn es gibt viel auszugraben, bis die Fachleute relevante Funde aus der Erde holen. Das bedeutete, dass wir sehr früh aufstanden, so lange es noch kühl war, dann dahin gingen, wo aktuell gegraben wurde, und uns, jede nach ihren Kräften, an die Arbeit machten. Meistens ging es darum, Steine oder mit Glück Scherben vorsichtig von Erde zu befreien, so dass entweder ein Fundstück zutage kam, eine Scherbe oder ein Stück Mauer, ein Innenraum oder der Teil eines Tores freigelegt wurde. Die Leiterin dieser Grabungsperiode – am Tel Arad wurde viele Jahre gegraben – behielt stets den Überblick, denn es war nicht nur wichtig, was wir fanden, sondern von ebenso grosser Bedeutung, wo der Fund entdeckt wurde.

So sieht ein fachgerecht freigelegtes Stück Mauerwerk in Tel Arad aus / wikimedia.org

Ich hatte also keine grosse Schaufel zur Verfügung, sondern einen kleinen Spachtel für die Erde, oft auch nur verschiedene Bürsten, um den Jahrtausende Jahre alten Sand zu beseitigen. – Sehr spannend war das nicht, aber so lernte ich den Alltag der Archäologen kennen. Spannender war es am späten Nachmittag, als die Sonne nicht mehr so hoch am Himmel stand. Dann sassen die Archäologinnen und die fortgeschrittenen Studierenden zusammen an einem Tisch, um zu beurteilen, was sie in den Vormittagsstunden gefunden hatten. Auch wir Helferinnen und Helfer durften dabei zuhören. Zu Beginn hatten die Fachleute uns herumgeführt und erklärt, was das Ziel der Grabungen war und was schon sichtbar geworden war.

Der spektakulärste Fund in Tel Arad, den wir nur in der Führung anschauen durften. Damals waren sich die Expertinnen noch nicht sicher, um was genau es sich handelte: Ein aus Stein gemauertes kultisches Becken in Tel Arad aus dem 3. Jahrtausend vor Chr. / wikimedia.org

Damals wusste ich nur, dass es auf dem Hügel selbst Reste einer Siedlung aus der Eisenzeit gab und ältere Reste aus der frühen Bronzezeit unterhalb des Hügels, dort, wo wir beschäftigt waren. Inzwischen ist daraus ein Nationalpark geworden: Tel Arad, eine inzwischen zum Teil rekonstruierte jüdische Festung, während der untere Teil, der unser «Revier» war, schon im 4. Jahrtausend vor Chr. besiedelt worden war, deshalb für die Erforschung der frühen Geschichte Palästinas grosse Bedeutung besass.

Wir kamen aus aller Herren Länder und sassen oft zusammen. An Gesprächsstoff fehlte es uns nicht. Ich kann mich nicht mehr erinnern, worüber wir uns unterhielten, weiss nur noch, dass die Abende kurzweilig waren. Nur weil wir morgens früh aufstehen mussten, um die Werkzeuge wegzulegen, bevor die grosse Hitze kam, plauderten wir wohl nicht bis in die tiefe Nacht hinein. Zum Programm gehörten auch Ausflüge, der grösste ging ans Rote Meer. Wir fuhren mit zwei Lastwagen, die zur Ausrüstung der Archäologen gehörten, und übernachteten unter freiem Himmel, d.h. unter den funkelnden Sternen im Sand bei Eilat. Am nächsten Tag, vor der Rückfahrt, konnten wir von einem Glasbodenboot aus in die Tiefe des Roten Meeres blicken. – Ein unvergessliches Wochenende.

Küste bei Eilat am Roten Meer / wikimedia.org

Und die Sommerhitze in der Wüste? Die war gut auszuhalten, denn unsere Gastgeber hatten Erfahrung, wie wir uns bei solchen Temperaturen zu verhalten hatten. Niemand bekam einen Hitzschlag.

Nachwort: Damals hatte ich einen hübschen, aber simplen Fotoapparat, mit dem ich kleine Schwarzweiss-Fotos schoss. Die sind leider verloren gegangen und überdies untauglich für eine Webseite. Deshalb begnüge ich mich hier mit Fotos aus dem Internet, die, wenn ich sie anschaue, meine Erinnerungen wachrufen und zeigen, wie es heute dort aussieht.

Titelbild:  Typische Strukturen der bronzezeitlichen Stadt Arad. Der Ort war später für mehrere Jahrhunderte nicht besiedelt, bevor das Fort auf der Hügelkuppe errichtet wurde. Zu dieser Zeit war die untere Stadt nicht bewohnt. © Ian Scott / wikimedia.org


In der Reihe «Endlich Sommer» bereits erschienen:

 

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