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Goshas Hilfsprojekt

Killwangen ist ein Ort ohne Einkaufsmöglichketen. Jegliche Versuche einen Laden einzurichten, scheiterten. Denn der grosse Nachbar Spreitenbach bietet mit seinen Einkaufszentren fast alles, was man zum Leben braucht.

Seit diesem April gibt es in Killwangen wieder einen Laden. Im «Gosha for Ukraine» können sich ukrainische Geflüchtete unentgeltlich mit Kleidern und Alltagsgegenständen versorgen, abgegeben von der Bevölkerung aus der Umgebung.

Hinweisschild auf dem Weg zu Goshas Free Shop

Initiantin ist Gosha Zaranska. Sie stammt aus Polen und lebt seit zwanzig Jahren in der Schweiz, mehrere Jahre in Killwangen. Als sie vom Krieg in der Ukraine hört, will sie helfen und sammelt in der Nachbarschaft Hilfsgüter. Vorerst kommt alles in die eigene Garage. Bald ist diese zu klein und auf Anfrage bei der Gemeinde kann sie das Schützenhaus nutzen, das, seit die Soldaten nicht mehr Pflicht schiessen müssen, leer steht. Hier stapeln sich nun Kleiderkisten, Betten, Kinderwagen, Velos, Haushaltartikel, Pfannen und Geschirr.

Bald quillt auch das Schützenhaus über und die Gemeinde stellt Gosha einen zurzeit nicht belegten Kindergarten zur Verfügung. Regelmässig werden nun Hilfsgüter in die Ukraine geschickt, bis diese Ende März die Annahme stoppt, weil die Infrastruktur für die Verteilung fehlt. Doch Gosha wäre nicht Gosha, wenn sie nicht einen Ausweg für ihr inzwischen beachtliches Warenlager fände.

Gosha Zaranska

Doch wer ist Gosha? Ich treffe sie im Kindergarten, der jetzt zum Gratisladen umfunktioniert ist. Während unseres Gesprächs kommen immer wieder Leute aus der Umgebung vorbei und bringen Gegenstände. Eine Frau fragt, ob sie zwei Kinderwagen bringen dürfe, eine andere gibt einen Sitzsack ab. Ein Mann bringt einen grossen Rollkoffer, der besonders begehrt ist, denn die Geflüchteten denken an ihre Rückkehr.

Gosha hatte in Warschau Finanzwirtschaft und Buchhaltung studiert, reiste viel für Financial Auditing, kontrollierte Prozesse von Marketing, Finanzen, Verkauf oder Einkauf. Immer war sie in hochqualifizierten Stellungen tätig, auch in der Schweiz, wo sie vor zwanzig Jahren nach Lausanne berufen wurde. Eigentlich waren zwei Jahre ausgemacht, schliesslich wurden es vier. Dann kam sie für diese Firma nach Zürich. Von hier aus versetzte man sie für zwei Jahre nach Südafrika, wo sie ihren Mann kennenlernte. Als beide mit ihrem kleinen Sohn Alex in die Schweiz zurückkehrten, trennten sie sich. Für die Betreuung des Kindes kamen die Eltern aus Polen in die Schweiz und Gosha konnte sich ihrer Arbeit, die sie erfüllte, widmen. Doch anfangs 2022 kam die Kündigung, weil sie nicht mehr 200 Prozent arbeiten konnte und nahe am Burnout war.

Spenden für die ukrainischen Flüchtlinge. Möbel und grosse Gegenstände werden auch telefonisch vermittelt.

Dann kam der Krieg in der Ukraine und Gosha denkt: «Ich sitze auf dem Sofa, mir geht es gut, ich habe Zeit und dort ist Krieg». Da Polen und die Ukraine viele Gemeinsamkeiten haben, auch sprachlich, will sie etwas tun. Sie fängt mit der Garagensammlung an. Als Expat sprach sie vor allem Englisch. Nun erst macht sie Bekanntschaft mit Schweizerinnen und Schweizern und lernt Deutsch. Sie spricht jetzt sehr gut Deutsch.

Sie informiert sich, welche Hilfsgüter die Ukraine braucht, wie diese verpackt und wohin sie verschickt werden sollen. Die geforderten Angaben müssen streng eingehalten werden und so lernt sie ihren neuen Job learning by doing. Vertraut mit Social Media Plattformen organisiert sie Freiwillige für ihre neue Aufgabe, weil sie die nicht mehr alleine schafft.

Küchenutensilien sind sehr gefragt

Nach dem Lieferstopp in die Ukraine funktioniert sie das Lager im Kindergarten zum Laden um. Für die Einrichtung erhält sie aus der Nachbarschaft die nötigen Regale und Kleiderständer. Mit Freiwilligen aus Spanien, Polen und Amerika richtet sie den Laden an einem Wochenende ein. Bei der Eröffnung am 4. April, bei der auch die Gemeindevorsteher vorbeischauen, kommen 283 Geflüchtete. Sie bilden eine lange Schlange durch das ganze Areal. Alles geht gut, auch weil genügend Hilfskräfte draussen zum Rechten schauen. Anfänglich war der Laden an zwei Morgen offen, dabei kamen jeweils zwischen 200 und 250 Ukrainerinnen und Ukrainer, auch dank der SBB-Gratistickets. Heute, ohne diese, sind es noch etwa 120.

Gosha hat mittlerweile ein fixes Team, das ehrenamtlich arbeitet. Am Montag und Samstag kommen polnische Freundinnen, die Deutsch sprechen, für die Annahme der Waren. Für die Ausgabe am Dienstag sind immer sechs bis sieben Ukrainerinnen anwesend. Für sie ist es wie eine Therapie, sagen sie, so kommen sie durch die Gespräche auf neue Gedanken.

Gosha und ihr Team im «Gosha for Ukraine» in Killwangen

Auf die Frage, wie sie alle mit Weihnachten umgehen, meint Gosha, durch die viele Arbeit vergesse sie selbst Weihnachten fast. Für die Geflüchteten ist es sehr schwierig. In Gesprächen sagen sie: «Wir sind so nah und auch so weit weg». Am liebsten möchten alle nach Hause, aber die Männer in der Ukraine raten ihnen ab, es sei zu gefährlich. Die Katholiken trifft Gosha in ihrer polnischen Kirchgemeinde in Zürich und die Orthodoxen feiern Weihnachten nach dem julianischen Kalender erst am 6./7. Januar in der orthodoxen Kirche.

In der Kinderecke können die Kinder auch zeichnen

Eigentlich wollte Gosha nur «nützliche» Sachen im Laden und keine Dekos, auch keinen Weihnachtsschmuck. Aber ihre Mitarbeiterinnen wollen den Laden weihnachtlich schmücken, zudem fragen die Kundinnen danach. Anfänglich war sie aus Platzgründen auch gegen Bilder, doch auch diese sind sehr gefragt.

Wenn die Geflüchteten nicht bei Schweizer Familien privat untergebracht sind, müssen sie alles selber organisieren, abgesehen vom Allernotwendigsten. Die Leute erzählen Gosha, dass sie dankbar sind für ihren Laden, denn oft kamen sie nur mit einem Rucksack in der Schweiz an. Sie freuen sich über die Kaffeemaschine oder die notwendigen Kleider. Gleichzeitig sind sie traurig.

Im Oktober konnte Gosha im Gemeinschaftszentrum Loogarten in Altstetten eine Bibliothek mit ukrainischen Büchern einrichten. Ein Stück Heimat mehr. Der Raum ist gratis, dafür arbeitet jemand von ihren Leuten einen Tag freiwillig mit.
Fotos: rv

«Gosha for Ukraine», Öffnungszeiten im Kindergarten Zelgmatt in 8956 Killwangen:
Annahme von Spenden: Montag, 16 bis 19 Uhr und Samstag, 10 bis 13 Uhr
Ausgabe von Spenden: Dienstag, 10 bis 14 Uhr


In der Weihnachtsserie «Feiern in dunklen Zeiten» bereits erschienen:

Bernadette Reichlin So viele düstere Wolken
Peter Steiger Chic oder Schock – Christbaum verkehrt herum
Maja Petzold Licht im Dunkel
Peter Schibli, Vom Himmel hoch…..
Sibylle Ehrismann, Verluste
Josef Ritler, Christkindli-Briefkasten

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