FrontGesellschaftBücher und kleine Sorgen

Bücher und kleine Sorgen

Leben mit Corona? – Nein: Leben mit Büchern! Immerhin sind da trotzdem ein paar sorgenvolle Gedanken…

Ich bin sozusagen fünffacher Corona-Risiko-Mensch. Ausser meinen 83 Altersjahren erspare ich die Details. Damit lebe ich jedoch jetzt schon jahrzehntelang. Was eine Corona-Ansteckung für Folgen hätte, lässt sich ausdenken. Doch Angst habe ich keine. Im Gegensatz zu einigen bemerkenswerten geäusserten Meinungen bin ich auch nicht der Ansicht, dass das Alter bei notwendigen Triagen nicht mitbewertet werden sollte. Vielmehr bin ich voll davon überzeugt, dass ein so glücklich verlaufendes Leben, wie es nie zu erwarten war und ich es gehabt habe, nicht verlängert werden muss, wenn die Zeit gekommen ist. Ich bin an einem Sonntag geboren und nicht abergläubisch, obschon meine Biografie als Schulbeispiel für das Glück von Sonntagskindern dienen könnte. Nachdem mein Vater mit 33 Jahren an einer Gefässkrankheit gestorben ist, hatte ich fast bis zu demselben Alter das Gefühl, auch ich werde jung sterben. Augenscheinlich habe ich mich geirrt.  Da fällt das Nachdenken über das natürliche Ende jeden Lebens nicht schwer.

Arbeit mit Büchern

Schon früh sind mir als Sekundarschüler Bücher mit Werken der deutschsprachigen Weltliteratur zur Verfügung gestellt worden. Verschlungen habe ich sie, auch wenn ich gewiss nicht alles ganz verstanden habe. Als Sechstklässler habe ich im Fach Deutsch als Quartalsarbeit eine Art Würdigung der Hauptwerke von Theodor Storm geschrieben, die mir eine sehr gute Note und viel Anerkennung eingetragen hat. Vielleicht hat ja damit manches begonnen…

Leben mit Corona fällt mir leicht, weil ich mich schon jahrelang mit dem Sterben auseinandersetze und keine Angst davor habe. Es gehört zum Leben wie die Geburt. Ich habe nachgeschaut, zu meinem 16. Geburtstag hat man mir Rilkes Stundenbuch geschenkt. Dort lese ich «O Herr, gib jedem seinen eignen Tod. / Das Sterben, das aus jenem Leben geht, / darin er Liebe hatte, Sinn und Not.» Diese drei Zeilen haben mich seither begleitet, und ich hoffe auf solchen Tod, aber auch darauf, beim Sterben nicht leiden zu müssen.

Besuch der Ausstellung

Dank meiner Altersvorsorge habe ich keine Verpflichtung zu Erwerbsarbeit. So tue ich, was ich immer tue: Schreiben und Lesen – auch Bücher, über die ich nicht schreiben will. Zwar kann ich keine Theateraufführungen, Ausstellungen und Buchtaufen mehr besuchen, keine Gänge durch die Stadt unternehmen, nicht angeregt über das Erlebte mit anderen sprechen. Doch langweilig wird es mir nie. Trotzdem kommen einige grüblerische Gedanken.

Vorerst einmal über unsere Töchter. Die 40-Jährige mit ihren beiden 12- und 8-jährigen Kindern ist wie die im Juli 39-Jährige mit ihrem 15-monatigen Buben in Nicaragua. Wir haben regen Kontakt und vertreiben uns damit auch die echten Sorgen ein wenig. Vor rund zwei Wochen ist dann innert 20 Minuten auf Anraten der DEZA der Entscheid zum Evakuierungsflug getroffen worden. Seither sind für die Mutter mit ihren zwei Kindern die Sorgen vorbei. Die Schwester aber hat sich zu bleiben entschieden, weil ihr nicaraguanischer Partner und Vater des Kindes keine Einreiseerlaubnis erhalten hat. Damit sind unsere Sorgen geblieben.

Zum Geburtstag von Salome (6 ½ jg.)

Und was ist mit meiner Frau und mir? Mein erster Entschluss war, im Falle einer Ansteckung die Überweisung in ein Spital zu verweigern. Ich bin, und das ohne jegliche Überheblichkeit, in meinem Alter zu sterben bereit, weiss auch, dass auch ohne den Virus der Tod jederzeit eintreten kann. Doch dann hat sich dieser Entschluss gewendet: Was geschieht dann mit meiner Frau, die mit mir zusammenleben muss? Wird sie sich nicht auch anstecken? Damit sind neue Sorgen da. Doch auch eine neue Art von Lebensvertrauen.

In einem unserer täglichen «Gute-Nacht-Gesprächen» mit dem üblichen Glas Wein haben wir uns auf diesen Begriff geeinigt. Er steht gleichwertig zu Lebensfreude, Lebensmut, Lebenslust. Vertrauen darauf, dass im Leben das geschieht, was vorbestimmt ist. Dieses Vertrauen würde aber den bekannten «Laissez-faire»-Stil nicht rechtfertigen. Es geht nicht darum, symbolisch die Hände in den Schoss zu legen, weil ohnehin alles so kommt, wie es kommen muss. Es geht vielmehr darum, an sich und mit seiner Umwelt zu arbeiten, zu versuchen, das beste aus allem zu machen – und trotzdem Vertrauen in das Leben zu haben.

Coronavirus hin oder her.

Es ist eine etwas gar persönliche Auslegeordnung geworden. «Leben mit Corona» soll aber hier genau so verstanden werden: Wie lebe ich persönlich mit der Krise?

Honni soit qui mal y pense.

Bilder: fv


In loser Folge schildern unsere Redaktionsmitglieder, wie sie wegen der Corona-Krise das zu Hause sein erleben und wie sie damit umgehen. Hier die Links zu bereits erschienenen Beiträgen: 

Vorheriger ArtikelAlles wird gut
Nächster ArtikelWelche Wahrheit?

5 Kommentare

  1. vielen Dank Fritz Vollenweider, das ist sehr klug, sehr ehrlich und klar, das wünscht man/frau allen, so viel Friedfertigkeit – und ja das Leben ist facettenreich., weiterhin auch sorgenfreie und glückliche Momente.

  2. Lieber Fritz, danke für Deine Offenheit. Da lass ich mich gerne inspirieren, Lebensvertrauen gefällt mir gut! Ich freue mich, wenn wir uns wieder einmal sehen.

  3. Danke für den schönen Artikel! Nur am Schluss, der Imperativ des Verbs «honnir» hat mich mit dem «y» statt dem «i» gestört.

    • Danke für den Hinweis! Wird korrigiert, der üble Verschreiber! Immerhin sei angefügt, dass die Form «Honny…» in den von mir konsultierten Lexika auch gestattet ist; sie leitet sich nämlich original vom Motto des «Hosenbandordens» her.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel