FrontLebensartEndlich ferien- und urlaubsfrei!

Endlich ferien- und urlaubsfrei!

Pensionierte haben keine Ferien mehr. Allenfalls begleiten Sie gelegentlich Nachkommen in den Schulferien oder machen mit An- oder Zugehörigen gemeinsam Urlaub. Es kann sein, dass nach einer durchlittenen Krankheit ein Erholungsurlaub verordnet wird, sonst sind Seniorinnen und Senioren erfreulicherweise ferien- und urlaubsfrei.

Was für ein Gefühl, keiner Ferien mehr zu bedürfen, es braucht weder Traumferien noch Ferienträume. Jeder Tag kann frei gestaltet werden: seinen wirklichen oder vermeintlichen Interessen nachgehen, Fernsehen, Musik hören, Yoga – oder Fitnessübungen machen, malen, schreiben, gärtnern, Freundschaften pflegen, sich als Freiwilliger engagieren, reisen, mal abhauen, die Zeit vertrödeln, spazieren, weiter im Beruf tätig sein mit einem Arbeitspensum, wie’s grad passt usw. Der Mix der Aktivitäten, der Ruhe- und Handlungsphasen kann täglich neu erfunden oder bewährte Routinen können weiterhin befolgt werden. Je nach Temperament und Charakter kann man den Tag durchtakten oder sich zufällig oder im Flow vom einen zum andern ziehen lassen.

Privileg

Wer so leben kann, lebt privilegiert, weil er den mehr oder weniger «wohlverdienten» Ruhe- oder Unruhestand erreicht hat. Keine Ferien mehr, dafür viel freie Zeit! Zugegeben, es gibt aktive Ältere, deren Agenda nach der Pensionierung mindestens so voll ist wie vorher. Sie machen weiterhin Ferien, da sie ja nur dem Namen und chronologischem Alter nach in Pension sind. Von dieser Gruppe soll in diesem Text nicht die Rede sein.

Spass

«Jetzt kannst du endlich machen, was dir Spass macht», wird gebetsmühlenartig den Frischpensionierten vorgehalten. Kreuzfahrten? Sich mehr um die Partnerin, den Partner, die Enkel, die Freunde kümmern? Endlich Schmöcker lesen? Na ja, mal dies, mal jenes. Und nach einer abenteuerlichen Velo- oder Flussfahrt die Tischrunde mit Anekdoten unter- oder hinhalten? Okay?

Wer nur dem folgt, was ihm Spass macht, hat möglicherweise das hedonistische Paradoxon aus den Augen verloren, das salopp ausgedrückt etwa so lautet: Das Streben nach Lust erzeugt letztlich Frust. Oder etwas schwächer formuliert: Je mehr du nach Lust oder Angenehmem strebst, umso grösser ist die Gefahr, dass du Unlust erntest … oder immer wieder mal mit einem schalen Lebensgefühl zu kämpfen hast.

Langeweile

Es ist nicht überraschend, dass Pensionierte nach einer kompensatorischen Aktivphase in den ersten Jahren nach der Pensionierung irgendwann genug haben von der Rumreiserei und anderen Angeboten für Pensionierte aus der Spass- und Konsumgesellschaft. Sie beginnen sich zu langweilen. Die Langeweile kann mit einem erneuten aktivistischen Getue übertüncht werden oder Rumnörgelei, Unzufriedenheit oder depressive Verstimmungen und Antriebslosigkeit machen sich breit, nicht selten kombiniert mit sogenannten Alterskrankheiten.

Selbstverwirklichung?

Statt jedem Spass nachzurennen und sich so vergeblich vor der drohenden Langeweile ablenken zu wollen, fragen sich einige, was ihnen im Leben wirklich wichtig ist. Selbstverwirklichung? Sich endlich selbst finden? Oder zu sich selbst werden? Aber wo ist denn dieses Selbst vergraben?  Unter meinen mehr oder weniger gut gespielten Rollen?

In meiner Pubertät versuchte ich mich selbst zu finden, musste die erfolglose Suche ernüchtert aufgeben und gab mich schliesslich mit der Einsicht zufrieden, dass ich jeden Tag jeweils an meinem Tun und Lassen, an meinen Gedanken und Gefühlen ablesen könne, wer ich gerade an diesem Tag sei … und kurz danach gewesen sei.

Vielleicht ist das Drehen um sich selbst weniger wichtig als sich zu kümmern um andere, um die Nachkommen oder um die hochbetagten eigenen Eltern. Oder man hat schlicht und einfach Freude, mit andern in die Beiz, auf Bergtouren oder geistige Höhenflüge zu gehen. Bei allem was mir machen oder sein lassen, klopfen aber immer deutlicher die letzten Jahre und Stunden an die Tür.

Vergänglichkeit

Wie begegnen wir der Endlichkeit unseres Lebens? Geht es vielleicht nicht mal um die Frage, ob wir altersweise oder altersmüde werden, da wir so oder so sowieso sterben? Oder können wir der Vergänglichkeit trotzen und uns in ein Leben nach dem Tode hineinphantasieren oder unserer Buddhanatur im Hier und Jetzt folgen oder unser Seelenfünklein in der Tradition von Meister Eckhart in seiner Gottähnlichkeit wirken lassen?

Fragen über Fragen, die wir zwar nicht wissenschaftlich beantworten, die uns aber in den Ferien und in der ferienfreien Zeit, im hohen Alter und bei zunehmender Gebrechlichkeit begleiten können, vor allem dann, wenn wir das uns Mögliche tun für ein erfreuliches Leben unserer Lieben und zukünftiger Generationen. Mehr braucht es nicht, Selbstüberforderung tut nicht gut … und so machte ich mit meiner Familie soeben Ferien am Lago Maggiore, wie diese Fotos zeigen…mit ambivalenten Gefühlen, da ich ja «eigentlich» ferien- und urlaubsfrei bin…

Abendstimmung am Lago Maggiore

Campieren im Zelt oder Wohnwagen mit Parkmöglichkeit für das Auto direkt neben dem Zelt

Bequemer als auf dem Zeltboden übernachten Rückenweh-Anfällige in einem Maxi Caravan (7.20×3.00 ),  Maxi Comfort (8,00×3.00m),  Maxi Prestige (8,00×4,00m), Maxi Space (8.30×4.00m), Maxi Deluxe (8.60×4.00m), Maxi Lago (8.60×4.00m) oder in einem noch luxuriöseren Bungalow oder Apartment. Auf diesem Foto sind, obwohl der Campingplatz ausgebucht ist, keine Menschen zu sehen, weil sie sich wegen schlechten Wetters in ihre provisorische Behausung zurückgezogen haben oder sich im 1600 qm grossen Pool Park vergnügen mit Hydromassage, Wasserspielen, einem Strömungskanal, Liegestühlen und Sonnenschirmen. Andere sind aktiv auf Fussball-, Tennis- oder anderen Spielplätzen oder lassen sich von einem internationalen Animationsteam zu Spiel und Tanz ermuntern. 

Für Kinder gibt’s die Rutschburg

Angeschwemmtes Unwetterholz wird jeden Tag fein säuberlich rausgefischt und mit Traktor und Anhänger wegtransportiert, so dass der Strand fast so schön aussieht wie im Werbeprospekt.

«Oh soleil, soleil (soleil-leil)» (Nana Mouskouri, 1972)

Da ist sie ja, die Sonne, bei den Schwänen (Fotos: Beat Steiger)

Hier finden Sie die bereits veröffentlichten Beiträge zur Sommerserie der Seniorweb-Redaktion:

Bernadette Reichlin: Ferienträume – Traumferien
Eva Caflisch: Das Glück am Grab
Peter Steiger: Familie Steigers Reise ins Rotlichtmilieu
Maja Petzold: Erst Traum, dann Erinnerung
Josef Ritler: Expedition auf den Kilimandscharo
Ruth Vuilleumier: Tahiti – Insel der Träume
Peter Schibli: Alpkäsen statt Canyon-Wanderung
Judith Stamm: Begegnungen

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