FrontLebensartVom Mailänderli, dem ein Zacken fehlte

Vom Mailänderli, dem ein Zacken fehlte

Doch, doch, die Geschichte hat sich so zugetragen. Nun ja, irgendwie prinzipiell, dem Sinn nach. Immerhin: Brunsli, Zimtsterne und Pfeffernüsse gibt es wirklich. Na also.

 „Ich bin so süss“, säuselte der Zimtstern, „bei mir ist oben alles verzuckert“. – „Ich bin weitgereist“, brummte das Brunsli, „in mir hats Kakao aus Afrika“. – „Ich bin am kräftigsten“, rief die Pfeffernuss, „meine Gewürze sind so stark, dass man sie ganz vorsichtig verwenden muss“. Nur das Mailänderli schwieg. Es schämte sich, weil es beim Backen nicht aufgegangen war und nun viel zu dünn war. Noch schlimmer: Statt sechs Zacken wie der Zimtstern hatte es bloss fünf Ecken. Das fehlende Stücklein war abgefallen.

Zwar wissen wir alle, dass Weihnachtsgebäck eigentlich nicht sprechen kann. Aber es gibt eine Ausnahme: Am Heiligen Abend beginnt die Stunde der Zimtsterne und ihrer Kollegen. Da schnattern und palavern sie. Allerdings: Die Güetzi sprechen nur, solange die Gebäckdose  verschlossen ist. Sobald sich jemand am Deckel zu schaffen macht, schweigen sie. Deshalb hat auch noch keiner vernommen, was die Pfeffernuss zum Brunsli sagt.

So war es auch bei Rutschis. Vater, Mutter und die Kinder Eveline und Patrick freuten sich auf den Weihnachtsabend. Nicht nur wegen der Geschenke, sondern auch, weil sie dann erstmals die Gebäckbüchse öffnen durften. Bei Rutschis war es Brauch, dass in dieser Dose nur je ein einziges Güetzi lag, ein Brunsli, ein Zimtstern, eine Pfeffernuss, ein Mailänderli. Am 24. Dezember durfte jedes Familienmitglied sein Lieblingsgebäck heraussuchen.

Rutschis waren an diesem Abend eifrig am Vorbereiten. Aber auch in der Güetzibüchse war Hochbetrieb. Nun muss man wissen, dass das Weihnachtsgebäck ein besonderes Völklein ist. Jedes Güetzi freut sich, wenn es gegessen wird,  je eher desto lieber. „Ich bin diesmal besonders süss“, lispelte der Zimtstern. „Schaut mal, wie schön dunkel ich bin“, grummelte das Brunsli. „Ich rieche so gut, wie der Gewürzstand auf dem Märit“, rief die Pfeffernuss. Bloss das Mailänderli sagte nichts und genierte sich, dass es so dünn war und bloss fünf Zacken hatte.

Just als Eveline als erste zur Büchse griff, verstummten die Güetzi. Das Mädchen öffnete die Dose und nahm den Zimtstern. Der Vater bediente sich bei der Pfeffernuss. Patrick schnappte sich das Brunsli. Jetzt lag bloss noch das Mailänderli in der Büchse. „Niemand mag mich, niemand will mich“, dachte es.

Nun, in der Christnacht geschehen Wunder. Die Mutter nämlich nahm das unscheinbare Ding, betrachtete es von vorn und von hinten und sprach: „An Weihnachten sollte gerade jene, denen ein Zacken fehlt, einen besonders schönen Platz haben.“ Sie steckte das Mailänderli in ein goldenes Netzchen, in dem vorher Schoggi-Fünfliber waren  und befestigte es ganz vorne am Weihnachtsbaum. Obwohl das Mailänderli ganz dünn war, platzte es nun beinahe vor Stolz. „Ihm fehlt zwar etwas“, sagte die Mutter, „aber  am heiligen Abend sollen die, die nicht alles haben, es besser haben, als jene, die alles haben.“


Hier finden Sie bereits veröffentlichte Beiträge der Serie „Weihnachtsgeschichten“, verfasst von den Redaktionsmitgliedern:

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