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Alltägliches

Wenn ich es mir richtig überlege, ist der Ablauf meines Tages aus Ritualen zusammengesetzt. So spitze ich in der Adventszeit abends nach 19 Uhr immer die Ohren. Denn bald höre ich Pferdegetrappel auf der Strasse vor meinem Hause. Und ich wohne doch mitten in der Stadt.

Ich beeile mich, ans Fenster zu kommen. Ja, da ist er wieder, der lichterbekränzte Wagen, der von zwei stämmigen Pferden gezogen wird. Von meiner Höhe aus kann ich nicht erkennen, ob und wie viele Gäste im Wagen sitzen. Aber ich freue mich immer darauf, dass die Pferde am Ende meiner Strasse links um die Ecke biegen und in ein anderes Schritttempo verfallen. Sie haben dann nämlich ein recht langgezogenes Strassenstück vor sich, auf dem sie sich entfalten können.

Die Lichter, die Pferde, die Geräusche haben für mich etwas Tröstliches. Im Sinne von: Vielleicht kommt doch noch alles gut! Dabei habe ich mich persönlich gar nicht zu beklagen. Aber die Hiobsbotschaften aus meinem Umfeld über Erkrankungen, Spital- und Heimeinweisungen, Todesfälle nagen an meinem Gemüt. Die Lichter und das unermüdliche Pferdegetrappel versichern mir jeden Abend: Das Leben geht weiter!

Die «Fonduekutsche» des Zunfthausrestaurants Pfistern in Luzern bringt jeden Abend ein Stück Weihnachtsstimmung in die Stadt Luzern. (zvg)

Mein Tagesablauf sei aus Ritualen zusammengesetzt, habe ich geschrieben. So ist es auch. Am geschäftigsten geht es am Morgen zu und her. Aufwachen, Aufstehen, Anziehen wiederholen sich jeden Morgen. Das ist ja ein Kennzeichen eines Rituals, dass es sich wiederholt. Und durch die Wiederholung Struktur und Sicherheit schafft.

Die Morgenstunde umfasst bei mir vieles. Meist setzte ich mich zuerst an den Computer und überfliege auf verschiedenen Webseiten, was sich in den letzten Stunden weltweit getan hat. Erfreulich ist es nicht, mit all diesen Konflikten, Katastrophen und Ungerechtigkeiten konfrontiert zu werden. Aber, sie nicht zur Kenntnis zu nehmen, schafft sie auch nicht aus der Welt!

Ein Freund wartet auf ein Morgen-SMS, das weiss ich. Er wird postwendend quittieren. In diesem kleinen Punkt ist die Welt in Ordnung, unsere Kommunikation funktioniert. Eine andere Freundin will per E-Mail durch einen Spruch in Deutsch oder Englisch aufgemuntert werden. Weil ich das nicht am Abend vorher vorbereite, verläuft die Suche oft recht hektisch. Nicht fehl gehen kann ich, wenn ich «Zitate: Churchill» oder «Zitate: Shakespeare» anklicke.

Auch digitale Kontakte können zu einem schönen Ritual werden.

Manchmal wähle ich auch Begriffe wie «Aufbruch», «Fröhlichkeit», «Hoffnung», damit ich einen guten Wunsch in den Tag hineinschicken kann. Allerdings muss ich mich immer wieder hüten, nicht in den unzähligen Sammlungen von Zitaten und Sprüchen im Internet hängen zu bleiben. «Morgen ist auch wieder ein Morgen» denke ich dann jeweils und schliesse mit Bedauern die Seiten.

Irgendwann findet auch das Frühstück seinen Platz. Und die beiden Toastscheiben erinnern mich immer an einen Aufenthalt in England vor vielen Jahren. Im Rahmen eines Sprachkurses war ich bei einer einheimischen Familie einquartiert. Zum Frühstück fand ich neben meinem Getränk immer zwei bereits gestrichene Toastscheiben vor. Das Gespräch drehte sich häufig um die Queen. Geblieben ist mir die Beurteilung, die meine Gastgeber häufig wiederholten: «She is lovely».

«She ist lovely»!

Ja, eine solche Aussage hätte natürlich auf kein Mitglied des Bundesrates gepasst. Damals nicht und heute nicht! Aber es gibt ja noch viele andere positive Charakterisierungen. Etwa: tüchtig, fleissig, zugänglich. «Charmant» käme wohl dem Wort «lovely» recht nah. Aber das vergeben wir natürlich nicht einfach so, mit leichter Hand.

Als ich vor vielen Jahren Kantonsrätin war, fiel mir auf, dass wir Kolleginnen und Kollegen, die wir während der Sitzung ansprechen wollten, immer zuerst die Hand gaben. Dann brachten wir ganz diskret unser Anliegen vor, denn wir wollten die Aufmerksamkeit dem Sitzungsgeschehen gegenüber möglichst wenig stören. Das war eine Gewohnheit, die zum Ritual geworden war. Denn ohne diesen Auftakt ging es nicht.

Ich fragte einmal einen Ratskollegen: «Wieso geben wir allen nochmals die Hand? Wir haben ja die meisten am Morgen begrüsst!» Er wusste die Antwort. Die offene Hand zeige und beweise, dass unsere Absichten lauter und freundlich seien, denn wir trügen keine Waffe in der Hand. Mir scheint, dieser Brauch sei wohl eher in der Stammesgeschichte der Männer als in der der Frauen begründet. Aber natürlich haben auch wir Frauen diese Geste übernommen und ebenfalls artig die Hand gegeben, bevor wir unsere Frage oder Bitte vorbrachten.

Händeschüteln, ein Männerritual?

Ich könnte weiter Gedanken, Erlebnisse, Erfahrungen aneinanderreihen, die mir zum Begriff «Ritual» in den Sinn kommen. Aber genug ist genug. Und bald ist es wieder Zeit für das Pferdegetrappel auf der Strasse vor dem Haus, den Lichterwagen und die vage Hoffnung für unsere unheile Welt: Vielleicht kommt doch noch alles gut!

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