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Weihnachten allein feiern

Viele Menschen verbringen Weihnachten mit quälenden Gefühlen. Der Grund dafür ist Einsamkeit. Wie soll man dem Gefühl der Einsamkeit begegnen?

Feiertage sind bekanntlich mit vielen Emotionen und enorm hohen Erwartungen verknüpft. Vorab in der Werbung und in TV-Filmen begegnen uns Bilder von harmonischen Weihnachtsmomenten. Wir erinnern uns zurück an glückliche Weihnachtsfeste oder malen uns aus, wie der perfekte Heiligabend ablaufen könnte. Doch die Realität sieht oft anders aus. Vor allem alleinstehende ältere Menschen haben oft niemanden mehr, der mit ihnen feiert. An Weihnachten fühlen sich viele von ihnen besonders einsam.

Weihnachtsfest emotional überfrachtet

Keine Frage, Weihnachten wird oft mit erhöhten sozialen Erwartungen und gesellschaftlichem Druck verbunden. Das Weihnachtsfest ist emotional überfrachtet. Doch auch im Kreis der Familie können wir uns an Weihnachten einsam fühlen. Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings auch, dass wir nicht einsam sein müssen, wenn wir Weihnachten allein verbringen. Weihnachten allein zu feiern, kann auch eine Chance sein ganz nach dem Motto «Have yourself a merry little Christmas».

Der Psychologe Manfred Beutel, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Mainz, rät in einem Spiegel-Interview: «Wer an Weihnachten allein ist, sollte sich trotzdem auf das Fest vorbereiten und schon vorher Pläne machen. Das kann ein Buch sein, das man schon lange lesen wollte, oder ein Film. Auch ein Weihnachtsbaum oder ein besonderes Weihnachtessen können helfen.» Und weiter: «Es kann auch heilsam sein, sich der Einsamkeit zu stellen. In einigen Fällen bemerken dann die Betroffenen, dass das Alleinsein keine Katastrophe ist.»

Das Internet ist voll mit Ideen, wie man Weihnachten allein verbringen kann. Hier ein paar Beispiele: Die Einsamkeit zulassen, Sich selbst etwas Gutes tun, Gleichgesinnte suchen, Weihnachtspost versenden, Wegfahren. Und wenn das Gefühl der Einsamkeit zu gross wird, kann vielfältige Hilfe in Anspruch genommen werden. Zum Beispiel das Plaudertelefon «malreden», das über Weihnachten und Neujahr unter der Gratisnummer 0800 890 890 anonym und vertraulich zur Verfügung steht. Geschulte Freiwillige hören zu, nehmen Anteil und verweisen bei Bedarf auf fachkundige Stellen hin.

Jede dritte Person ist einsam

Einsamkeit ist ein verbreitetes Phänomen, Tendenz steigend. In Umfragen geben stets mehr als ein Drittel an, dass sie manchmal, häufig oder sehr häufig darunter leiden. Möglicherweise sind sogar noch mehr betroffen. Laut einer Erhebung des Bundesamtes für Statistik (BFS) aus dem Jahre 2017 gaben 38 Prozent der Schweizer Bevölkerung und sogar 46 Prozent der Migrantinnen und Migranten der ersten Generation an, einsam zu sein. In der Covid-Zeit dürften diese Zahlen weiter angestiegen sein (entsprechende Erhebungen fehlen).

In seiner Antwort auf eine GLP-Interpellation aus dem Jahre 2019 anerkennt der Bundesrat, dass die soziale Isolation zahlreicher Menschen Tatsache ist und dass die Schweiz eine Strategie gegen die Einsamkeit braucht. Gleichzeitig verweist er auf die bestehenden Massnahmen hin und verneint die Notwendigkeit eines zusätzlichen Handlungsbedarfs. Wo bleibt da die versprochene Strategie des Bundes?

Einsam sein ist schlecht für die Gesundheit. Das belegen zahlreiche Studien. Vorab ältere Menschen, die sich einsam fühlen, leiden häufiger unter Bluthochdruck und Depressionen und erkranken eher an Demenz und Alzheimer. Was könnte unsere Gesellschaft besser machen? «Sie könnte Integration und Inklusion fördern, etwa mit Generationenhäuser», rät Roger Staub, Geschäftsleiter der Stiftung Pro Mente Sana, in einem Interview, denn «allein glücklich zu werden ist schwierig, auch wenn man sich noch so erfolgreich verwirklicht hat».


In der Weihnachtsserie «Feiern in dunklen Zeiten» bereits erschienen:

Bernadette Reichlin: So viele düstere Wolken 
Peter Steiger: Chic oder Schock – Christbaum verkehrt herum 
Maja Petzold: Licht im Dunkel
Peter Schibli: Vom Himmel hoch…..
Sibylle Ehrismann: Verluste
Josef Ritler: Christkindli-Briefkasten
Ruth Vuilleumier: Goshas Hilfsprojekt
Beat Steiger: Befreiungswege aus dem Leiden
Eva Caflisch: Singen macht glücklich
Jürg Bachmann: Rasche Hilfe dank solidarischem Handeln

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1 Kommentar

  1. Sie zementieren gerade das immer noch vorherrschende Vorurteil, dass Einsamkeit immer negativ sein muss. Das Wort Einsamkeit bezeichnete zu Beginn der Wortschöpfung dünn besiedelte und abgelegene Gegenden; aus heutiger Sicht gesehen, wertvolle und schützenswerte Landschaften. Es gibt Orte und sogar eine Insel, die den Namen Einsamkeit tragen.

    Viele Menschen sind gerne alleine, ohne darunter zu leiden. Umgekehrt gibt es aber auch Menschen, die sich einsam fühlen, obwohl sie von außen betrachtet in ein grosses soziales Netzwerk eingebunden sind. Der letzte Abschnitt Ihres Textes ärgert mich besonders. Man will den alleine lebenden einreden, dass sie krank sind oder es werden, wenn sie sich, aus objektiver Sicht, nicht dauernd in der Masse bewegen und immer jemanden neben sich haben.

    Einsam sein ist ein subjektives Gefühl und es kann auch positiv als ein Mit-Sich-Sein erlebt werden; die Erfahrung der eigenen Individualität, Freiheit, Autonomie und Selbstbegegnung. Wir sind schon lange keine «Herdentiere» mehr, die gänzlich von anderen abhängig sind, wie in früheren Zeiten. Sicherlich braucht jede und jeder ab und zu Kontakte und Austausch mit anderen. Aber ist nicht jeder Mensch im Grunde genommen eine eigene Insel, mit seiner Sicht auf die Dinge und das Leben?

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